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„Herr Puntila und sein Knecht Matti“ am DT


In Bertolt Brechts Volksstück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“, geschrieben 1941 im finnischen Exil, ist die Welt ideologisch noch in Ordnung: Großgrundbesitzer Puntila ist nur betrunken ein freundlich-verschlampter Mensch, nüchtern aber der rücksichtslose Ausbeuter aus dem Klassenkampfbilderbuch. Sein Knecht Matti ist einerseits ein rechtes Mannsbild mit Wirkung auf die Damenwelt, insbesondere auf Puntilas Tochter Eva, andererseits als unterdrückter Prolet einer, der das Überleben in der Klassengesellschaft gelernt hat. Herr böse, Knecht gut, Karrierist verklemmt, Prolet sexy – so weit, so Brecht-Ideologie-Schwarz-­Weiß. Ein Wassertrinker predigt Wein. Angesichts des ausbleibenden Erfolgs der Uraufführung 1948 bemerkte Brecht, solche Stücke müsse man eben „immer und immer wieder spielen, bis sie sich daran gewöhnen, wie sie sich an Schiller gewöhnt haben“. Das klang vermutlich schon damals wie eine Drohung.
Michael Thalheimers alte Hamburger Inszenierung, die jetzt als Übernahme ans schwächelnde Deutsche Theater kommt, schenkt sich die bemühte, fürchterlich di­daktische Typen-Komödie samt der abgestandenen Klassenkampf-Kalendersprüche. Thalheimer macht, was er am besten kann: Er entschlackt das Stück rabiat, findet auf Henrik Ahrs abstrakter Bühne dafür eine große Form jenseits von Milieukitsch und versucht, die Tragödie lächerlicher, dumpf getriebener Menschen in der Komödie zu entdecken. Norman Hacker als Puntila ist auch im angesäuselt-sentimentalem Zustand ein verschwitzer Ego-Shooter, ein unfroher Maniker, der auf hohem Energielevel leerläuft, ein launischer Tyrann, der sich mehr noch als am Schnaps an sich selbst berauscht, auch wenn er sich im Absturz schon mal in Sturzbächen von Schnaps oder Rotwein duscht, eine abgefuckte, kaputte Baal-Variation. Die natürlich nichts über den real existierenden Kapitalismus erzählt, aber einiges über verlebte Männer in der Midlife-Crisis. Sehr viel klischeefreier und austrahlungsstärker, gerade weil er so sparsam agiert, ist Andreas Döhler (ein erfreulicher Neuzugange im DT-Ensemble) als Knecht Matti: keine Proletenkarikatur, sondern ein maulfauler Stoiker mit ungemeiner Bühnenpräsenz.
Das hat alles Kraft und Dichte, die Übernahme aus dem Hamburger Thalia Theater ist in der trostlosen Reihe der bisherigen DT-Premieren ohne Frage ein erfreuliches Highlight, auch wenn es Thalheimer anders als in den „Ratten“ oder der „Orestie“, in „Liliom“ oder „Faust“, seinen großen Inszenierungen, kei­­ne schlüssige Neuinterpretation des Stoffes gelingt.

Text: Peter Laudenbach

tip-Bewertung: Annehmbar

Termine: Herr Puntila und sein Knecht Matti
im Deutschen Theater
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

 

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