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Minijob? Mach mehr draus!

Minijob? Mach mehr draus!

Frau A. aus Spandau* konnte nicht klagen. Die 36-jährige zweifache Mutter hatte einen Job. Über ein Serviceunternehmen war sie bei einem großen Kaufhaus angestellt, zunächst nur zu Stoßzeiten wie Weihnachten, dann immer öfter, am Wochenende, auch werktags. Ihr Verantwortungsbereich wurde größer, später hatte sie direkten Kundenkontakt, eine Tätigkeit, die ihr großen Spaß machte. Und doch wusste sie, dass es auf Dauer nicht so weitergehen konnte. Andere Kollegen hatten bessere Perspektiven, obwohl sie die gleichen Tätigkeiten ausübten. Andere Kollegen hatten eine feste Anstellung, manchmal auf Teilzeit, aber immerhin. Frau A. aber war Minijobberin.
Als Minijobberin verdiente Frau A. bis zu 400 Euro, über Hartz IV stockte sie auf 650 Euro auf. Was A. nicht hatte, war eine Rentenversicherung, und auch die Einzahlungen in Kranken-, Sozial- und Arbeitslosenversicherung waren nicht üppig. Außerdem, so dachte Frau A., hätte sie als Minijobberin keine Chance, in ihrem Warenhaus Karriere zu machen. Dann allerdings sah sie in der Bahn ein Plakat der Berliner Kampagne „Warum Minijob? Mach mehr draus“.
„Der Minijob unterliegt in Deutschland vielen Missverständnissen“, sagt Viveka Ansorge von der zukunft im zentrum GmbH, bei der auch die Koordination der Minijobber-Kampagne angesiedelt ist. „Viele Menschen denken, wenn sie einen Minijob haben, dann sind sie so etwas wie rechtlose Tagelöhner für ihren Arbeitgeber. Dabei stimmt das gar nicht!“ Auch ein Minijobber hat Anspruch auf Weihnachts- und Urlaubsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und genießt Kündigungsschutz. Da Minijobs den Arbeitgeber sogar proportional höhere Abgaben kosten als Normalbeschäftigungs­verhältnisse würde es sich ab einer Höhe von 400 Euro oft gar nicht rechnen, einen Job als Minijob auszuschreiben. „Viele Arbeitgeber wissen das aber nicht und andere setzen auf die Uninformiertheit ihrer Mitarbeiter und hoffen, dass die Minijobber ihre Rechte nicht kennen“, so Ansorge.
Auch Frau A. kannte sich nicht aus und wandte sich an die Info-Hotline der zukunft im zentrum GmbH, vereinbarte ein Beratungsgespräch, und am Ende bot Ansorge an, mit dem Arbeitgeber von Frau A. zu sprechen. Das ist ein übliches Vorgehen für das Team von Joboption: Von über 800 Minijobbern im Erstkontakt haben rund 200 Personen an einem Beratungsgespräch teilgenommen, gleichzeitig hatten Ansorge und ihre Kolleginnen mit rund 300 Unternehmen Kontakt. Die Resultate sind gemischt. „Viele Unternehmen sind tatsächlich sehr um ihre Mitarbeiter besorgt“, sagt Ansorge. „Da leisten wir Aufklärungsarbeit. Wenn wir auf die öffentlichen Förderprogramme verweisen, mit denen sich Minijobs in richtige Beschäftigungsverhältnisse umwandeln lassen, haben wir schon viele Arbeitgeber auf unserer Seite.“
In manchen Branchen sieht es anders aus. Besonders auffällig ist das Gaststättengewerbe. Hier sei es gängig, dass Personal auf Minijobbasis beschäftigt und dann spontan eingesetzt wird. „Eigentlich müssen Minijobber über jeden Arbeitseinsatz vier Tage im Voraus Bescheid wissen“, so Ansorge. Aber im Gaststättengewerbe hat sich eine andere Praxis etabliert: Man muss jederzeit verfügbar sein. Und wer seine Schicht wegen Krankheit ausfallen lässt, muss sie nacharbeiten. „Der Arbeitgeberverband DEHOGA Berlin hat hier klare Richtlinien und bietet Rahmenverträge mit Arbeitszeitkonten an, mit denen selbst in kleinen Eck­kneipen Barpersonal als feste und flexible Arbeitskraft eingestellt und verwaltet werden könnte“, sagt Ansorge. Aber das ist noch nicht bis in jede kleine Bar vorgedrungen.
Ansorge selbst würde den Minijob am liebsten abschaffen. „Ursprünglich war geplant, mit dem Minijob private Beschäftigungen wie Putzfrauen oder Kindermädchen aus der Schwarzarbeit zu holen„, ärgert sie sich. „Das ist doch ein Witz! Von 7,6 Millionen Minijobs bundesweit entfallen nur knapp über drei Prozent auf den privaten Bereich!“ Der Rest sind Minijobs, die den Markt für reguläre Beschäftigungsverhältnisse aushöhlen und die Tarife untergraben. Da Ansorge den Minijob aber nicht abschaffen kann, leistet sie weiter Aufklärungsarbeit – bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern, in Jobcentern und mit Öffentlichkeits­kampagnen. Bei Frau A. hat es gut funktioniert: Der Arbeitgeber hat ihr eine Übernahme in Aussicht gestellt. Mit der entsprechenden Erklärung konnte A. an einer jobcenter­geförderten Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau teilnehmen. Und wenn sie die absolviert hat, da ist sich A. ganz sicher, steht einer Karriere im Einzelhandel nichts mehr im Wege – mit Sozialversicherung und mit Aussicht auf Beförderung.

Text: Michael Metzger

Foto: Robert Kneschke / Fotolia

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