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Mit der Kohle nach Hawaii

Wolfgang Müller

Anfang der Achtziger­jahre veröffentlichte Alfred Hilsberg auf seinem Zickzack-Label all die neuen Post-Punk-Bands, welche die kommerziellen Plattenfirmen ignorierten. Unter diesen Veröffentlichungen fanden sich sowohl spannende Projekte als auch schrecklicher Müll. Alles Mögliche eben. Das Label nannte sich später um in „Lieber Zuviel als Zuwenig“. Dieses Zuviel, die Fülle und Verschwendung war die Plattform, welche das Erscheinen einiger inzwischen klassischer  Musikproduktionen ermöglichte.
Es waren also oft Einzelne, die Vorhaben fördern, indem sie das nötige Geld lockermachten. Kürzlich hörte ich im Radio einen euphorischen Fürsprecher des Crowd­funding. Ich fragte mich, ob sich diese neue Form der Schwarmfinanzierung eigentlich erst durch die allgemeine Verknappung bei gleichzeitig starkem Druck von Verlegern und Produzenten, möglichst umgehend Einnahmen mit Buch, Film oder Musikprodukten zu erzielen, durchsetzte? Ist sie eher Ausdruck neuer technisch-medialer Möglichkeiten? Oder entstand das Crowdfunding, um Projekte zu realisieren, für die sich aus rätselhaften Gründen bisher kein Mäzen interessierte?
Der Gedanke, dass zahlreiche Individuen eine kleine Summe überweisen, um damit die Realisierung eines schmackhaft dar­gebotenen Projekts zu ermöglichen, klingt verlockend. Im Grunde wird ein Vorschuss bezahlt, basierend auf Vertrauen. Schon 10?000 Euro für die Bienensauna zusammen, jubelte jüngst Jörg Sommer, Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung. Würde dieser Crowdfunder eigentlich auch wagen, den Spendern zu sagen: Das Geld ist da – doch die Bienen möchten jetzt statt Sauna lieber einen Swimmingpool?
Offen gesagt: Wenn ich das Gefühl hätte, eine diffuse Schwarm­intelligenz erwarte etwas Bestimmtes von mir, dann würde ich möglicherweise etwas Enttäuschendes machen, um zumindest mich zu überraschen.  Mit der Kohle nach Hawaii fliegen, beispiels­weise. Und allen von dort eine Ansichtskarte mit Vinylrillen schicken, auf welcher der rekonstruierte Gesang des 1934 ausgestorbenen Hawaii-Krausschwanz zu hören ist.

Text: Wolfgang Müller

Foto: Harry Schnitter

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