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Mitchell Weiser – Der Überflieger

Mitchell Weiser - Der Überflieger

Als Mitchell Weiser sich im Sommer 2015 entschloss, einen Vertrag beim Hauptstadtclub Hertha BSC zu unterschreiben, hätten wohl nur wenige gedacht, dass dies der Auftakt zu einer besonderen Beziehung sein könnte. Hertha war da gerade noch mal so eben einem dritten Abstieg innerhalb weniger Jahre aus der obersten Spielklasse entkommen, und Mitchell Weiser war beim FC Bayern, wie es so schnöde auf Fußballerdeutsch heißt, aussortiert worden. Seine auffälligste Tat im Dress der Galaktischen aus München war ein Solo gewesen, mit dem er ausgerechnet Marvin Plattenhardt düpierte, den Hertha-Verteidiger, mit dem er seither eine auffällig souverän gewordene Berliner Mannschaft von hinten heraus flankiert. Skeptische Neugierde beschreibt das Gefühl wohl am besten, mit dem Mitchell Weiser in Berlin empfangen wurde. Inzwischen ist es vielfach der Begeisterung gewichen.
Der 21 Jahre alte gebürtige Rheinländer verkörpert eine neue Raffinesse im Spiel der Hertha: mit seinen Haken spielt er die berühmten Knoten in die Beine der Gegner, mit seinen Flanken stürzt er Viererketten in Verwirrung, und bei Gelegenheit schließt er auch einfach selbst ab. Wenn er sich dann nach dem Spiel zum Interview stellt, findet er genau die richtige Mischung zwischen einem Musterprofi, der druckreif in Phrasen spricht, und einem selbstbewussten, jungen Mann, der sagt, was er denkt.
Berlins größter Fußballclub macht mit Mitchell Weiser eine neue Erfahrung, die sich erfreulich von früheren Versuchen abhebt, ein „Bayern-Gen“ zu importieren, indem man abgehalftere Spieler von dort verpflichtete. Fans erinnern sich noch mit Schrecken an den phlegmatischen Andreas Ottl oder den unberechenbaren Christian Lell, beide damals eher schon auf dem Weg in den Sonnenuntergang ihrer Karriere.
Mitchell Weiser hingegen ist im besten Fußballeralter, bei ihm geht die Sonne gerade auf. Jugendsünden im engeren Sinn sind nicht bekannt, allerdings stand er doch für eine Weile im Ruf, das Leben vielleicht ein bisschen zu sehr zu genießen – ein zentrales Problem für begabte Kicker besteht ja darin, dass sie bezahlt werden wie Rockstars, leben sollen sie aber wie Mönche.
In dem bekannten Blog über „Fußballer, die den Swag aufdrehen“, die sich also, sagen wir es einmal so, modisch gern ein wenig exponieren, in diesem Blog war Mitchell Weiser lange Zeit ziemlich beliebt. Im Februar 2015 postete er ein Bild von sich und David Alaba , beide mit einem Tanga jeweils äußerst knapp bekleidet, auf Instagram, und lieferte damit einen denkwürdigen Beitrag zu der Kategorie #photoIwouldneverpost. Markant ist aber, wie er mit diesem „Tangagate“ umging. „I am young. I make mistakes. I‘ll learn from it“, schrieb er auf Twitter, und ging zur Tagesordnung über.
Der Alltag, das waren dann eben ab August Spiele für Hertha BSC, von denen er in dieser Halbsaison einige mit gebrochenem Zeh absolvierte, und sich dabei mit seinen Leistungen sogar für die deutsche Nationalmannschaft ins Gespräch brachte. Weiser passt hervorragend in ein Team, das Fleiß mit Kreativität verbindet und vor allem eine große Professionalität ausstrahlt.
Trainer Pбl Dardai hat seine Genugtuung über die guten Leistungen seiner Mannschaft immer wieder in einen einfachen Satz gekleidet: „Sieht nach Fußball aus.“ Mitchell Weiser zählt zu denjenigen bei Hertha, die Fußball gelegentlich auch zelebrieren – und nicht nur arbeiten – können. Mit dem jungen Sinan Kurt kommt gerade der nächste Hoffnungsträger vom FC Bayern nach Berlin. Er  kann sich hier schon auf ein Vorbild beziehen: Mitchell Weiser.  

Text: Bert Rebhandl

Foto:
Imago / Matthias Koch

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