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Flüchtlingsgeschichte

Model in Afghanistan: Samim Sayeedy

„Wir hielten die Fatwa für ­einen Scherz“ Samim Sayeedy lebte als Model in Afghanistan – bis die Taliban ihn mit dem Tod bedrohte. Die Geschichte einer irren Flucht nach Berlin.

Samim Sayeedy
Foto: Harry Schnittger

Wenn die Magnaten der Modewelt sich dieser Tage auf der Fashion Week versammeln, wird Samim Sayeedy nicht über den Laufsteg gehen. Dabei wäre es eigentlich seine Veranstaltung. Der gerade mal 19-jährige Afghane ist erfolgreiches Model für diverse Labels aus verschiedenen Ländern.
Oder besser gesagt: Er war es, in einem früheren Leben, das nur zehn Monate zurück liegt und doch Lichtjahre von seiner heutigen Position entfernt scheint. „Das bin ich, als meine Welt noch in Ordnung war“, sagt Sayeedy. Er deutet auf ein Foto, das einen fokussiert dreinschauenden Mann in indischer Kurta auf einem Laufsteg in Mumbai zeigt. Heute wohnt er in einem Berliner Flüchtlingsheim. Sein Blick hat sich getrübt, zwölf Kilo hat er abgenommen auf der zwei Monate währenden Flucht von Kabul nach Berlin. Und doch nimmt man ein Glänzen in seinen Augen und die professionelle Haltung früherer Tage wahr, wenn Samim für ein Foto ins Blitzlicht schaut.

In Kabul führte Samim Sayeedy ein privilegiertes Leben. Sein Konterfei prangte auf Werbeplakaten, er war häufiger Talkshow-Gast im afghanischen Fernsehen, reiste als Model nach Russland, Indien, Pakistan, Iran, in den Libanon und die Türkei.
Zwar wurde er manchmal auf der Straße angefeindet, zumal wenn er sich in den falschen Bezirken der in Sachen Frömmigkeit vergleichsweise heterogenen Stadt Kabul bewegte – zumeist aber musste er Autogramme geben oder sich mit jungen Leuten fotografieren lassen, für die sein im verheerten Afghanistan nicht eben üblicher Lebenswandel einen Weg der Emanzipation aufzeigte.
Eines Tages aber lag im Hausflur das als „amtlich“ dargestellte und mit dem Kopfbogen „The Islamic Emirate of Afghanistan“ versehene Schriftstück.
Darin wurde Sayeedy angehalten, die Fernsehauftritte und seine westlich anmutende Modelarbeit zu unterlassen. Ferner wurde die Familie wegen unislamischen Verhaltens der „Ungläubigkeit “ beschuldigt und aufgefordert, eine monatliche Strafzahlung von 3000 US-Dollar an die Taliban zu entrichten. „Wir hielten das für einen makabren Scherz“, sagt Samim Sayeedy und zeigt auf die Fatwa.
Nach einem weiteren Fernsehauftritt erhielt er dann Drohanrufe. Bald gab es ein neues Stück Papier, in dem man ihn und seine Familie mit dem Tod bedrohte. „Nun wussten wir, dass wir ernsthaft in Gefahr waren“, sagt Sayeedy. Sein 15-jähriger Bruder und er wurden zur Tante gebracht. Derweil beauftragte der Vater einen Fluchthelfer, die beiden ältesten Söhne außer Landes zu schaffen.

Mitten in der Nacht wurden die Brüder abgeholt und in den Iran gefahren. Dort angekommen, mussten sie sich mit zehn anderen Personen in einen Pkw quetschen, der sich in Richtung Türkei aufmachte. Unter Polizeibeschuss schafften sie es bis hinter die Grenze, wo ein neuer Posten der Schleuser-Firma die Gruppe übernahm. „Die meiste Zeit sind wir gelaufen“, sagt Samim. „Irgendwann hatte jeder offene Füße, die Schlepper trieben uns vorwärts, mit Waffen im Anschlag.“
Nach einem beschwerlichen Marsch durchs Gebirge erreichten sie Bulgarien, das sich als Sackgasse erwies. Der gesamte Flüchtlingstreck wurde in die Türkei zurückgeschickt. Anschließend ging es mit einem motorisierten Schlauchboot übers ägäische Meer nach Griechenland. 57 Personen, ohne Lebensmittel, ineinander verkeilt, in einem Boot, das allmählich an Luft verlor.
„Mein Bruder hat die ganze Zeit geweint“, erzählt Sayeedy. „Wir hatten mit dem Diesseits schon abgeschlossen.“
Mit großer Not schafften sie es an die Küste, von wo aus es dann weiter über die damals noch offene Balkanroute nach München ging.
Heute kommt ihm alles wie ein ferner Traum vor: seine Arbeit als Model, die gemeinsamen Abende mit der Familie, sein ganzes Leben in Afghanistan. Niemals sei er auf die Idee verfallen, dass er dieses Leben mal werde zurücklassen müssen. Mit seinen Eltern hat er keinen Kontakt, sie sind verzogen. Wohin, weiß er nicht. Sie ausfindig zu machen, ist für sie zu gefährlich.
Das Dasein, das er in Deutschland friste, sei kein Leben im eigentlichen Sinn, meint Samim: „Die Leute denken, ich bin hier zum Spaß, um irgendwelche Gelder zu kassieren.“  Wie die Menschen einen betrachten würden, als beliebiges Exemplar einer abstrakten Flüchtlingsgattung, sei schwer zu ertragen.

Am schlimmsten aber sei der Lagerkoller im Heim, wo es jenseits ethnischer und religiöser Frontlinien vor allem der Enge geschuldete Konflikte und nie einen Moment der Ruhe gebe. Die Weltgeschichte hat Samim Sayeedy von einer exponierten Position aus  an einen gesellschaftlichen Nicht-Ort verbannt. Für ihn gibt es keine allgemeine Flüchtlingskrise, nur die individuelle Krise seines Daseins.
Ob er jemals wieder modeln werde? Das wisse er nicht: „Klar würde ich gerne an meine frühere Karriere anknüpfen, auch in Deutschland, aber ich mache auch jede andere Arbeit, das Wichtigste für mich ist erst mal, eine Wohnung zu finden.“
So wird Sayeedy wohl auch als Zuschauer nicht auf die Fashion Week gehen. Bei all den dringlichen Problemen, die sich ihm stellen, fehlt dafür zwischen Deutschkursen, den ständigen Anforderungen der bürokratischen Maschine und laufender Wohnungssuche auch schlichtweg die Zeit.

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