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Moderne Cowboys – Aus dem Alltag eines Berliner Taxifahrers

Moderne Cowboys - Aus dem Alltag eines Berliner Taxifahrers

Natürlich fährt man in der Nacht zuweilen auch die Halbwelt spazieren. Einmal, sagt Farhad F., sei ein stiernackiger Typ mit vernarbter Visage und Knarre unterm Pelzmantel eingestiegen; der prollte damit, er sei Waffenträger, und weigerte sich, mitzuteilen, wo es hingehen sollte, befehligte bloß immer in letzter Sekunde nach rechts und nach links, und Farhad hatte das ungute Gefühl, jemand sei ihnen auf den Fersen.
Eigentlich, sagt der 34-jährige Farhad, sei der Taxifahrer ein moderner Cowboy, ein einsamer Reiter, zumal in der Nacht, eine Hand am Lenkrad, die andere lässig aus dem Fenster gehängt. Aber im Gegensatz zu Farhad stehen Cowboys nicht in Schlangen, um auf Kundschaft zu warten.
Seit fünf Jahren fährt der iranischstämmige Farhad aus Charlottenburg-Nord seinen Hybridwagen durchs nächtliche Berlin. Er lebt zwar einen zur ordentlichen Gesellschaft konträren Rhythmus – geht schlafen, wenn seine Freundin frühstückt –, aber die Nacht, sagt Farhad, bringe auch Vorteile, die Metropole sei nicht so überlaufen, man komme zügig von A nach B und lerne auch einiges über die Menschen.
Was die Gäste angeht, fahre in der Nacht vor allem eine taxiuntypische Klientel – im Gegensatz zum Tag, wo mit Rentnern und Geschäftsleuten vornehmlich die klassischen Taxi-Typen unterwegs sind. „Ich kann dir übrigens versichern“, sagt Farhad, „dass die weniger gut Betuchten mehr Trinkgeld geben als die, die während der Fahrt fünf Mal hin- und hertelefonieren und dabei diverse Aktien verschieben.“ Letztere, meint er, knickerten zumeist, ­vielleicht seien sie auch so zu ihrer Kohle gekommen. ?“Ein 08/15-Ostler aus Karlshorst dagegen würde bei 18 Euro nie im Leben 19 sagen, der gibt mir 20 und gut ist.“
Farhad weiß auch genau, welche Betrunkenen er mitnehmen kann und welche nicht. „Die Jungen, die aus irgendwelchen Clubs in Kreuzberg stolpern, kotzen einem die Karre voll“, sagt er. Ein Profisäufer vom Stammtisch dagegen fällt zwar auf dem Weg von der Kneipentür zum Wagen dreimal hin, aber der kotzt nicht, eher stirbt der noch, bevor der kotzt.“  Seine Fahrgäste könne man sich aber aussuchen: Ist einem mehr nach schillerndem Partyvolk, fährt man nach Mitte. Präferiert man eher unscheinbare Gestalten, ordnet man sich am Bahnhof Spandau in die Schlange, wo Farhad binnen einer Woche Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ gelesen hat. Ökonomisch mache das eigentlich keinen Unterschied. Viele seiner jungen Kollegen steuerten ihre Fahrzeuge konsequent in die angesagten Bezirke, wo zwar deutlich mehr Fahrgäste, aber eben auch viele Taxifahrer unterwegs seien. Die Alten dagegen seien nicht mehr auf der Jagd und würden am Ende trotzdem ihren Schnitt machen: „Da können tausend Messen sein, der Urberliner Taxiveteran sitzt mit seiner ,B.Z.‘ gemütlich an irgendeiner Halte.“
Auch die vielen persischen Taxifahrer aus der Generation von Farhads Vater – fast alle linke Dissidenten – bleiben vornehmlich an ihren gewohnten Plätzen. „Da diskutieren die dann immer noch über die Internationale“, sagt Farhad, „statt in irgendwelchen Hinterzimmern nun am Stutti an der Halte.“  
Auch Freunde des horizontalen Gewerbes finden sich immer wieder unter seinen Fahrgästen, weshalb Farhad sich in der Berliner Puff-Szene inzwischen hervorragend auskennt. Einzelne Bordelle spendieren auch eine ordentliche Provision an den Taxifahrer, wenn der abgesetzte Kunde im Laden bleibt, weshalb vor allem die Fahrt zum Luxuspuff ein lukratives Geschäft bedeutet. „Da sind mal zwei Russen am Swissфtel eingestiegen“, sagt Farhad, „die wollten unbedingt in einen guten Puff. Ich hab mich schon gefreut und die zu den edelsten Adressen gefahren, die ich kenne. Die kamen aber immer wieder raus und haben mich verächtlich angesehen. Am Ende wollten sie zurück ins Hotel. Unbefriedigt.“
In wirklich gefährliche Situationen gerät man auch als Nachtfahrer eher selten, zumal es einen stillen Alarm gibt, der im Notfall sofort alle Taxifahrer in der näheren Umgebung auf den Plan ruft. Rassistische Gemeinplätze und Ressentiments sind dagegen an der Tagesordnung, wobei Farhad häufig mit einer rhetorischen Figur konfrontiert wird, die ihn als Einzelperson aus der allgemeinen Verurteilung ausnimmt: „Aber du bist in Ordnung“, sagt Farhad, „das hör ich immer wieder. Auch der Nazi solidarisiert sich mit dir, solange er in deinem Auto sitzt.“ Die häufigsten Gespräche muss Farhad übers Wetter und seine Herkunft führen: wo er denn eigentlich herkomme und ob er irgendwann zurückwolle. Wenn Farhad in Stimmung ist, provoziert er dann ein bisschen, ansonsten spult er seine Sätze ab, übergibt den Fahrgast der anonymen Masse, aus der er kam, hängt den linken Arm aus dem Fenster und leistet weiter seinen Beitrag, die Infrastruktur der hauptstädtischen Nacht am Leben zu halten.

Text: Christoph David Piorkowski

Foto: Picture Design/ Fotalia.com

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