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Die Alte Nationalgalerie: Geschichte, Wissenswertes und Besucherinfos

Wie ein Tempel ragt die Alte Nationalgalerie hinter den Kolonnaden an der Bodestraße auf. Doch schmücken keine Steinbilder griechischer Götter ihre Front, sondern ein Reiterstandbild des Königs Friedrich Wilhelm IV. und eine Figur von Germania. Nicht abschrecken lassen – drinnen geht es durchaus international zu, auch dank einer weitsichtigen Sammlungspolitik, die sich ihrem Zeitgeist widersetzte. 

Die Alte Nationalgalerie ist eines der wichtigsten Museen in Berlin. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Die Alte Nationalgalerie ist eines der wichtigsten Museen in Berlin. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Die Sammlung der Alten Nationalgalerie

Die Alte Nationalgalerie verwahrt in ihrer Sammlung rund 2.000 Gemälde und Skulpturen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, also etwa von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg. Im Museum ist eine Auswahl von rund 500 Exponaten auf drei Etagen zu sehen, die von Wechselausstellungen ergänzt wird. Ein Rundgang beginnt am besten oben im dritten Stock bei den Werken von Aufklärung, Klassizismus und Romantik. Hier finden sich die Architekturlandschaften Karl Friedrich Schinkels, dem Lieblingsarchitekten des höfischen Preußens, sowie Werke von Caspar David Friedrich und Carl Blechen.

Das Mittelgeschoss präsentiert französische Impressionisten von Cézanne bis Renoir sowie Werke des sogenannten Biedermeier und des Fin de Scièle. Das ebenerdige Geschoss zeigt französischen und britischen Realismus sowie zahlreiche Werke von Adolph Menzel. Zu den Höhepunkten zählen Caspar David Friedrichs restaurierter „Mönch am Meer“ (1808-10), Menzels „Eisenwalzwerk“ (1872-75), Courbets „Die Welle“ (1869/70) und Böcklins „Die Toteninsel“ (1883).

Ausstellung von Caspar David Friederich in der Alten Nationalgalerie. Hier zu sehen: Der Watzmann, 2005. Foto: Imago/Olaf Wagner

Die Geschichte der Alten Nationalgalerie

Den Anfang der Nationalgalerie machte eine Schenkung: Ein Bankkaufmann überließ 1861 seine Kunstsammlung dem Prinzregenten Wilhelm beziehungsweise dem preußischen Staat: über 260 Gemälde, darunter Werke der Düsseldorfer Malerschule, des belgischen Historismus sowie Caspar David Friedrichs „Einsamer Baum“. Der Bankier, Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, soll mit der Schenkung den Wunsch verbunden haben, man möge der Sammlung ein Museum bauen.

Gesagt, getan: Bereits ein Jahr später erhielt Friedrich August Stüler den Auftrag, das Museum zu entwerfen, nach einer früheren Idee von Friedrich Wilhelm IV.. Die Bauarbeiten begannen, doch Stüler starb. Sein Kollege Johann Heinrich Strack vollendete den Bau, einen Tempel auf einem hohen Sockel mit Freitreppe, auf der ein Reiterstandbild des ideengebenden Königs steht. 1876 wurde das Haus eröffnet – mit Wageners Sammlung, dem Grundstock der Nationalgalerie. Sie war fortan „Der deutschen Kunst“ gewidmet, wie es in der Inschrift im Gebälk über den Säulen heißt.

Trotzdem kaufte Direktor Hugo von Tschudi wenig später auch Kunst aus Frankreich, von Monet, Manet, Renoir, Cezanne, Constable und Rodin. Sein Nachfolger Ludwig Justi, von 1909 bis 1933 im Amt, auch Werke von Marc, Munch, van Gogh und Picasso. Ende der 20er-Jahre gründete sich der Verein der „Freunde der National-Galerie“, der nach dem Zweiten Weltkrieg als „Verein der Freunde der Nationalgalerie“ wieder zum Leben erweckt, noch heute einzelne Sonderschauen der Nationalgalerie fördert.

Alte Nationalgalerie Marmorstatue Adolf von Hildebrandt/Stehender junger Mann, 2021. Foto: Imago/agefotostock
„Stehender junger Mann“: Marmorstatue von Adolf von Hildebrandt in einem Ausstellungsraum der Nationalgalerie, 2021. Foto: Imago/agefotostock

Ludwig Justi wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 aus politischen Gründen entlassen. Sein Nachfolger Eberhard Hanfstaengl stellte vor allem verstorbene Künstler aus, mit Werken, die das „Deutschtum“ stärken sollten. Auch er wurde entlassen. Die Generalverwaltung der Museen richtete mit der Nationalgalerie Ausstellungen wie „große Deutsche Bildnisse ihrer Zeit“ anlässlich der Olympischen Spiele 1936 oder „Kunst  und Volkstum der wiedergewonnenen deutschen Gaue“ 1939 aus. Viele Werke, die in der „Neuen Abteilung der National-Galerie“ im Kronprinzen-Palais Unter den Linden zu sehen waren, wurden 1937 als „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und in gleichnamiger diffamierender Schau in München ausgestellt. 1939 wurde das Hauptgebäude gesperrt, ab dem folgenden Jahr die Kunst ausgelagert.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden rund 400 Objekte nach Westdeutschland und West-Berlin gebracht. Justi kam als Generaldirektor der Staatlichen Museen zurück, war auch wieder als Direktor der Nationalgalerie tätig und begann, die Sammlung neu aufzubauen. Die Nationalgalerie, nun in Ost-Berlin gelegen, konnte 1951 wieder eröffnen. In der DDR wurde hier vor allem Kunst des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart gezeigt.

Mit zunehmender Verhärtung der Teilung gründete sich 1957 die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in West-Berlin, die die Sammlungen West und einen Museumskomplex dafür aufbauen sollte. Im Zuge dessen eröffnete 1968 in West-Berlin die Neue Nationalgalerie. Deren Architekten Ludwig Mies van der Rohe stellen wir hier vor.

Kolonnadenhof zwischen Neues Museum und Alter Nationalgalerie auf der Museumsinsel in Berlin; Felderhoff/Diana von Reinhold, 2021.  Foto: Imago/Reiner Zensen
Der Kolonnadenhof zwischen Neues Museum und Alter Nationalgalerie auf der Museumsinsel in Berlin; Felderhoff/Diana von Reinhold, 2021.
Foto: Imago/Reiner Zensen

Nach 1990 begann die Stiftung, die geteilten Sammlungsbestände zusammenzuführen, neu zu ordnen und verschiedenen Häusern zuzuordnen. Zum Komplex Nationalgalerie gehören heute Alte und Neue Nationalgalerie, der Hamburger Bahnhof für Spätmoderne und Gegenwartskunst, die Sammlung Scharf-Gerstenberg für Surrealismus , die Sammlung Berggruen für die Klassische Moderne und die Friedrichswerdersche Kirche mit Skulpturen und Plastiken der Nationalgalerie. Die Alte Nationalgalerie selbst wurde grundsaniert.

Wichtigste Ausstellungen

Mit der Eröffnung 1876 erhielt auch das Deutsche Reich eine Nationalgalerie, über 50 Jahre, nachdem in London die National Gallery entstanden war. An die Gründung erinnerte 2011/12 eine Ausstellung mit einer Auswahl von 140 Gemälden aus der Sammlung des stiftenden Bankiers Wagener, unter ihnen Schinkels „Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer“

Einen Meilenstein bildet die Öffnung des Hauses für internationale Avantgarden. Direktor von Tschudi zeigte zudem 1918 im Kronprinzenpalais Unter den Linden eine große Ausstellung zu Expressionismus. An sie erinnerte die Schau „Impressionismus – Expressionismus“ 2015, die anhand von 160 Werken inhaltliche Gemeinsamkeiten und ästhetische Unterschiede der beiden Stile deutlich machen sollte.  

In der jüngsten Zeit zeugten zwei Ausstellungen von einem Umdenken: „Kampf um Sichtbarkeit“ 2019/2020 stellte Werke aus der Sammlung der Nationalgalerie vor, die Künstlerinnen vor 1919 geschaffen hatten, also bevor Frauen Zugang zu Kunstakademien hatten. Ein Akt der Selbstkritik: Ein Großteil der Gemälde war noch nie auf der Museumsinsel gezeigt worden.  „Gottfried Lindauer. Die Māori Portraits“ 2015 wiederum (zusammen mit der Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki und maorischen Wissenschaftler:innen, erarbeitet), zeigte erstmals Porträts, die Lindauer im 19. Jahrhundert von Angehörigen der Māori gemalt hatte. Um jenseits Neuseelands ausgestellt zu werden, mussten die Porträts geweiht und von den Nachfahren der Porträtierten freigegeben werden. Auf deutscher Seite kuratierten diese Ausstellung der damalige Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, und Britta Schmitz, damals Kuratorin am Hamburger Bahnhof. Ein Film zeugt von dieser neuen Art der Kooperation.

Kontroversen

Die große historische Kontroverse um die Nationalgalerie fand statt, als von Tschudi seine Ankäufe machte: Kunst aus Frankreich, dem alten Kriegsgegner, erregte Anstoß, die Feuilletons und Kaiser Wilhelm II. waren not amused. Zum Glück ließ sich von Tschudi nicht beirren.

In jüngster Zeit sorgte die zur Nationalgalerie gehörende Friedrichswerdersche Kirche für Schlagzeilen: Bauarbeiten auf dem benachbarten Grundstück hatten die von Karl Friedrich Schinkel entworfene, 1830 fertig gestellte Kirche stark beschädigt. Von 2012 bis Herbst 2020 musste sie aufwendig repariert werden. Jetzt beherbergt sie wieder Skulpturen der Alten Nationalgalerie.

Forschung

  • „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“, hrsg. von Dieter Scholz und Maria Obenaus. Ausstellungskatalog Hamburger Bahnhof, Berlin, Berlin 2015
  • und die entsprechenden Kapitel in einem Buch aus dem Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin: „Zwischen Politik und Kunst. Die Staatlichen Museen zu Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus“, herausgegeben von Jörn Grabowski und Petra Winter, Berlin 2013.

Fun Fact

Die imposante Freitreppe hat vor allem dem Zweck, zu beeindrucken, ins Haus gelangt man über sie nicht. Die Tür befindet sich ebenerdig unter der Treppe.

Alte Nationalgalerie: Besucherinformationen

Shop & Gastronomie Buchhandlung Walther König, Di-So 12-18 Uhr, Tel: 2062 14 18. Siehe James Simon Galerie, Bodestr., 10178 Berlin, aktualisierte Öffnungszeiten siehe www.smb.museum

Kinder Workshops und Veranstaltungen für Kinder im Museum sowie im benachbarten Haus Bastian – Zentrum für kulturelle Bildung der Staatlichen Museen, Aktualisierte Angebote (auch digital): www.smb.museum

Adresse & Öffnungszeiten Alte Nationalgalerie Bodestraße, Mitte, Di-So 10-18 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. und Beziehende von Transferleistungen frei, Bereichskarte Museumsinsel: 19/ 9,50 €, Zeittickets: www.smb.musuem

Anreise U/ S-Bahnhof Friedrichstraße, S-Bhf Hackescher Markt. Tram-Stopp: Am Kupfergraben, Hackescher Markt, Bus-Stopp: Staatsoper, Lustgarten.

Tipp Über den Direktor Hugo von Tschudi informiert Mariam Kühsel-Hussainis Buch „Tschudi“, Rowohlt 2020.


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