Das Buchstabenmuseum in Berlin ist das weltweit erste seiner Art. Nach 20 Jahren wird die ehrenamtlich betriebene Kultinstitution wohl für immer ihre Türen schließen. Wir haben den Ort noch einmal besucht, bevor am 5. Oktober 2025 Schluss ist – und ihr solltet das auch tun.

Unter den betonierten S-Bahnbögen nähe der Haltestelle Bellevue würde man vielleicht einen Technoclub erwarten. Oder ein geheimes Labor mit synthetischen Substanzen. Aber ganz sicher kein Buchstabenmuseum.
Eigentlich geht das, was hier gezeigt wird, über den Namen hinaus. Es geht nicht nur um Buchstaben. Es geht um Typografie, also die Anordnung und Gestaltung von Schriftzeichen, im öffentlichen Raum, anhand derer hier Stadtgeschichte erzählt wird: Es geht also auch um Berlin.
„Koka Kola“ und Wladimir Klitschko
„Koka Kola“ in kyrillischen Buchstaben ist das Erste, das einem ins Auge springt, wenn man durch die Tür tritt. Das Geräusch der über den Kopf hinwegrauschenden S-Bahn vermischt sich mit den Melodien sanfter Kaufhausmusik, die aus dem ersten Ausstellungsraum in den Eingangsbereich herüberschwappt. Während dort die Sonderausstellung „Final Sale“ über aussterbende Kaufhausketten berichtet, warten in den dahinterliegenden Räumen farblich sortierte Buchstabenberge, historische Schriftzüge und überraschende Sonderstücke, wie ein G, das Wladimir Klitschko auf die Leinwand geboxt hat. Ein Boxsack, um selbst zu trainieren, ist auch dabei.

Am Ende der Ausstellungsräume bildet die Neon-Werkstatt den krönenden Abschluss: Hier finden Kurse zum „Glasbiegen“ statt, bei dem man durch Blasen geschmolzenes Glas formt. Das Buchstabenmuseum ist also nicht nur was für Theoretiker:innen, sondern auch für die, die gerne anpacken.

Internationales Vorbild
Das Museum selbst ist ein Projekt aus Leidenschaft. Museumsleiterin und Designerin Barbara Dechant gründete es vor 20 Jahren mit einer Freundin. Es begann mit einer kleinen Sammlung in ihrer Wohnung, nach und nach wurde die Sammlung geretteter Buchstaben immer größer. 2008 fand die erste Ausstellung statt, seitdem ist diese weltweit erste Sammlung ihrer Art mehrmals umgezogen. Heute beherbergt das ehrenamtlich betriebene Museum mehr als 3.500 Buchstaben und ist für ähnliche Institutionen international ein Vorbild.

Friedhof für Buchstaben
Barbara berichtet, dass manchmal Leute anrufen, um gerettete Buchstaben vorbeizubringen, beispielsweise die Inhaber:innen eines ehemaligen Gasthofs in Bayern: „Weil sie es nicht übers Herz bringen, das wegzuwerfen“. Einmal kamen sogar eine Gruppe ehemaliger Beschäftigter der insolvent gegangenen Hertie-Kaufhausreihe vorbei, um gemeinsam den Hertie-Schriftzug im Buchstabenmuseum zu besichtigen. „Es ist sozusagen ein Friedhof für Buchstaben“, meint Barbara Dechant.
Nicht nur Buchstaben
Daran ist erkennbar, dass Buchstaben nicht nur Buchstaben sind. Ihre Anordnung im Stadtbild prägt den Raum, verbindet Geschichten und Orte, formt Erinnerungen und hinterlässt Bilder. Wer kann sich McDonald’s ohne den Schriftzug vorstellen? Was wäre Zoologischer Garten ohne „Zoologischer Garten“? Wem kommt nicht als erstes die Typographie in den Kopf, wenn man an die Drogeriekette Schlecker zurückdenkt?

Nur: Die meisten von uns denken nie bewusst darüber nach, wenn wir etwas sehen. Genau das fasziniert die Museumsbetreiberin: „Es ist schön, sich mit Sachen zu beschäftigen, die für die Menschheit komplett selbstverständlich sind.“
Bis das letzte Neonlicht erlischt
Nun steht das Museum aufgrund finanzieller Schwierigkeiten vor der Schließung. Am 5. Oktober wird die Sammlung geretteter Buchstaben das letzte Mal zu sehen sein. Es sei denn, es lässt sich doch noch eine Lösung finden – Barbara Dechant ist offen für Vorschläge und Ideen, um die Sammlung erhalten zu können.
Nicht nur für sie persönlich, auch für die Kulturlandschaft Berlin wäre die Auflösung ein herber Verlust. Dies reiht sich in den allgemein problematischen Zustand der Berliner Kulturszene ein, an dem die Auswirkungen der Kürzungen des Senats deutlich werden. Hinzu kommen die finanziellen Folgen der Corona-Pandemie.

Wer in einem originalen Quelle-Katalog, in dem man früher sogar Haustiere bestellen konnte, blättern möchte, um 80er-Jahre-Flair aufzusaugen und dann einen Buchstaben im Sonderverkauf zu erwerben, sollte die letzten Tage nutzen, um das Museum zu besichtigen. Führungen lassen sich individuell vereinbaren, auch außerhalb der Öffnungszeiten.
Ein Streifzug durch die Geschichte Berlins, ein Buchstabenmeer und aus der Mode gekommene Wörter wie „Funktaxi“ und „Lichtspiele“ warten noch einige Tage auf das Publikum, bis nach 20 Jahren das Neonlicht erlischt.
- Buchstabenmuseum Stadtbahnbogen 424, Hansaviertel, Do–So 13–17 Uhr, 12/6,50 €, Website
Von A bis Z: Ein Glossar über das Berliner Buchstabenmuseum. An bedeutsamen Museen mangelt es nicht in Berlin: Die Lieblingsmuseen der tip-Redaktion. Noch mehr Inspiration gefällig? Diese Berliner Museen solltet ihr besucht haben. Und wenn ihr mal überrascht werden wollt, schaut euch doch diese außergewöhnlichen Museen an. Sollte euch das nicht reichen, findet ihr weitere Tipps in unserer Museum-Rubrik. Eintauchen in andere Welten: Tipps für immersive Ausstellungen in Berlin. Lernen, mitmachen, Spaß haben: Wir zeigen euch Museen für Kinder in Berlin. Was lohnt sich derzeit besonders? Unsere Ausstellungs-Tipps zeigen euch die besten Schauen. Wer die Stadt entdecken will, findet Anregungen in unserer „Sehenswürdigkeiten“-Rubrik.

