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Die Gemäldegalerie: Abenteuerland für Kunstliebhaber

Rund 1.000 Werke sind in der Berliner Gemäldegalerie ausgestellt, darunter Meisterwerke von Weltrang. Was für eine Pracht. Und doch ist das Museum zwischen Philharmonie und Neuer Nationalgalerie selten überlaufen. Für Kulturpolitiker:innen ein Jammer, für Besucher:innen herrlich: freie Sicht auf Rembrandt, Caravaggio und Jan Vermeer van Delft. Hier erfahrt ihr alles, was ihr zur Gemäldegalerie wissen müsst.

Das Kulturforum mit der Gemäldegalerie am Matthäikirchplatz: Skater:innen lieben diese Piazza. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Das Kulturforum mit der Gemäldegalerie am Matthäikirchplatz: Skater:innen lieben diese Piazza. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Geschichte der Gemäldegalerie

Seit 1998 ist die Gemäldegalerie in dem von den Architekten von Hilmar und Sattler erbauten Komplex am Kulturforum untergebracht. Zuvor war die durch die deutsche und Berliner Teilung getrennte Sammlung im Bode-Museum auf der Museumsinsel (ehemals Ost-Berlin) und den Museen Dahlem (ehemals West-Berlin) zu sehen. 1997 wurden ihre dortigen Abteilungen geschlossen und das Museum zog in den Neubau.

Dessen Gestalt lehnt sich an ein klassizistisches Museum an und berücksichtigt dennoch Hans Scharouns Planungen für das „Kulturforum“ am Matthäikirchplatz (1959-1964) mit seinen fünf Museen, Philharmonie und Kammermusiksaal. Die alte Villa des Verlegers Paul Parey, der einzige Altbau am Platz, ist in den Neubau integriert. Den Mittelpunkt des Museums aber bildet eine moderne Wandelhalle, von der aus Besucher:innen alle Säle erreichen. Auch sie kann Wechselausstellungen dienen, so war hier beispielsweise Anthony Caros Großinstallation „The Last Judgement“ aus der Sammlung Würth zu sehen.

Die Anfänge der Gemäldegalerie gehen auf kurfürstlichen Kunstbesitz zurück und waren für das Königliche Museum am Lustgarten, das heutige Alte Museum gedacht. Unter dem Direktor Wilhelm von Bode (1890-1929) wuchs sie beachtlich. Von Bode hatte das Ziel, eine möglichst vollständige Chronologie dessen zusammenzustellen, was die damalige Kunstgeschichte unter einer Übersicht über europäische Malerei verstand. Wegen Platzmangels rangierte von Bode allerdings auch viel aus. Verkauft wurde damals ohne Provenienz-Vermerk, so dass sich heute kaum nachzuvollziehen lässt, wohin Werke aus den damaligen Beständen gingen.

1904 zog die Gemäldegalerie in das Kaiser-Friedrich-Museum, das heutige Bode-Museum um. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs stagnierte die Sammlungserweiterung, nach seinem Ende sollen im Zug des Versailler Vertrags Werke etwa von Jan van Eyck und Dierick Bouts an Belgien gegeben worden sein. Die Sammlung wurde umstrukturiert. Mit der Eröffnung des Deutschen Museums 1930 (im heutigen Pergamonmuseum) kamen deutsche, altniederländische und vorbarocke französische Gemälde ins Nachbarhaus.

Unter der nationalsozialistischen Diktatur wurden italienische Bilder aus der Sammlung abgegeben, getauscht oder verkauft, um „altdeutsche“ Gemälde zu erwerben. Als Ausdruck dieses Programms kann die große Cranach-Ausstellung 1937 gesehen werden. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs schloss die Gemäldegalerie wie die benachbarten Häuser auf der Museumsinsel auch. Zahlreiche Bilder wurden unter Tage gelagert; rund 400 Werke sollen verloren gegangen sein, vermutlich durch Brand und Diebstahl.

Was ihr in der Gemäldegalerie zu sehen bekommt

Meisterwerke aus allen kunsthistorischen Epochen Europas lagern in den Beständen der Gemäldegalerie, rund 3.000 Werke aus der Zeit vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, darunter Gemälde von Dürer, Raffael, Tizian und Rubens. Stark vertreten sind deutsche und italienische Malerei des 13. bis 16. sowie die niederländische Malerei des 15. bis 17. Jahrhunderts. Ein Saal ist Werken Rembrandts gewidmet. Ihn flankieren Gemälde der holländischen und flämischen Malerei aus dem 17. Jahrhundert: Porträts, Genrebilder, Interieurs, Landschaften und Stillleben.

Die rund 1.000 ausgestellten Werke sind nach Kunstlandschaften und Epochen gehängt, weitgehend nach alten Regeln der Kunstgeschichte ohne historischen Kontext oder Kunst vom großen Rest der Welt. Zu den Höhepunkten zählen unter anderem Caravaggios „Amor als Sieger“ (1602), Jan Vermeer van Delfts „Junge Dame mit Perlenhalsband“ (vermutlich 1663/64) und Rembrandt Harmensz van Rijns „Moses zerschmettert die Gesetzestafeln“ (1659).

Maler Dolorosa Kopf in Holz von Pedro Rodan (1670) in der Gemäldegalerie am Kulturforum Berlin. Foto: Imago/ Rolf Kremming

Zu den Höhepunkten in den Jahren, in denen sich die Gemäldegalerie am neuen Platz befindet, zählen die Ausstellungen „Raffael in Berlin: Die Madonnen der Gemäldegalerie“ (2020), „Mantegna und Bellini, Meister der Renaissance“ (2019) mit begleitenden Ausstellungen zu Themen wie der Restaurierung der Renaissance-Bilder, und 2016 „El Siglo de Oro – das goldene Zeitalter der spanischen Kunst“ mit Malerei und Skulpturen des 17. Jahrhunderts, etwa von Velázquez und El Greco. „Gesichter der Renaissance, Meisterwerke italienischer Portrait-Kunst“ (2011) führte Bilder der Gemäldegalerie zurück ins Bode-Museum. Umgekehrt versammelte „Statua“ (2003/06) Skulpturen aus dem Bode-Museum in der Gemäldegalerie. „Die Kleine Eiszeit“ (2001/2002) schließlich wagte einen transdisziplinären Blick: Sie suchte in holländischer Landschaftsmalerei Antworten auf die Frage, wie das Klima im vermeintlich Goldenen Zeitalter der Niederlande gewesen sein mochte.

Das Museum bewahrt mehr als 3.000 Gemälde auf Holz, Leinwand, Kupfer oder auch Stein sowie rund 3.000 historische Bilderrahmen. Einen Schwerpunkt bildet daher  in Theorie wie Praxis die Restaurierung. Ein Team aus Holz-, Rahmen- und Gemälderestaurator:innen widmet sich dieser Herausforderung. In Kooperation mit dem Berliner Helmholtz-Zentrum kann es bei der Untersuchung der Bilder Neutronenautoradiografie (NAR) und Gammaspektroskopie anwenden. Ergebnisse der Restaurierungen werden mitunter in Ausstellungen präsentiert wie 2019/2020 die Arbeiten an „Zwei Affen“ (1562) von Pieter Bruegel dem Älteren.

Wissenschaft in der Gemäldegalerie

In der Gemäldegalerie wird auch geforscht. Neben der Restauration, in Kooperation mit dem Berliner Helmholtz-Zentrum, ist ein weiterer Schwerpunkt das Aufarbeiten und die Nachverfolgung der Sammlungsverluste durch Krieg und Beschlagnahmung sowie Erfassung von Raubkunst, die in den Bestand der Museums gelangte. Unter anderem wurden 2019 zwei Tafeln aus dem späten Mittelalter an die Erben des jüdischen Kunstsammlers Harry Fuld Senior restituiert. Weitere Rückgaben erfolgten an die Erben des Kunsthändlers Heinrich Ueberall, der 1939 im KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin starb.

Die Provenienzforschung erweist sich als aufwändig, weil die Werke zu einem „Konvolut von über 4.000 Kunstwerken zählten, die der Staat Preußen 1935 von der Dresdner Bank ankaufte und kurz darauf an die Staatlichen Museen zu Berlin übergab“, wie es bei den Staatlichen Museen heißt. „Seit Anfang 2018 erforscht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in einem eigenen Provenienzforschungsprojekt diesen Bestand, der unterschiedlichsten Vorbesitzern zuzuordnen ist.”

Wohin mit den Gemälden?

Zu den Dauerbrennern in den Diskussionen um die Gemäldegalerie zählt die Frage, ob die Bilder mit den Skulpturen ihrer Zeit, die auf der Museumsinsel lagern, wieder vereint werden sollen. Und wenn ja, wo? Als offensichtlich wurde, dass die Neue Nationalgalerie für ihre Bestände des 20. Jahrhunderts mehr Raum benötigt, kam die Idee auf, die Gemälde zur Museumsinsel zurück zu bringen und für sie dort einen Neubau zu errichten.

Platz wäre dort allerdings nur für ein kleines Haus gewesen. Der Plan alarmierte internationale Museumsexpert:innen. Ergebnis des Streits: Die Gemäldegalerie bleibt, wo sie heute ist, und die Neue Nationalgalerie erhält einen – ebenfalls umstrittenen – Neubau am Matthäikirchplatz.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz 4, Tiergarten, Fr-Mi 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Tickets bekommt ihr hier

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