Alphaville auf dem Classic Open Air: Ode an das Pathos

Das Wort „Pathos“ kann einem schon leid tun, so wurde es im Laufe der Zeit abgewertet. Bedeutete es in früheren Jahrhunderten meist „feierliche Ergriffenheit“, meint man heute damit meist übertriebene Gefühlsduselei oder verwendet es als Zuschreibung, wenn jemand mit großen Gesten Inhaltslosigkeit kaschieren will.
Goethes Werther hätte Alphavilles „Forever Young“ auf Dauerschleife gehört
Im Falle von Alphaville wäre es zu schade, diesen Begriff nicht verwenden zu dürfen, nur weil er heutzutage abwertend konnotiert ist. Die Songs hatten schon immer etwas Überschwängliches. Goethes Werther hätte „Forever Young“ vermutlich auf Dauerschleife gehört. Umso passender, dass Alphaville schon seit einiger Zeit zusammen mit Orchestern auftritt, und die Synth-Pop-Songs in Streicher- und Klavierarrangements hüllt. Das Konzert zusammen mit der Neuen Philharmonie Frankfurt bildet dabei den Abschluss des Classic Open Airs am Gendarmenmarkt.

Bereits gut zwei Stunden vor dem Auftritt von Marian Gold, dem letzten aktiven Gründungsmitglied von Alphaville, versammeln sich bereits hunderte Menschen vor dem abgesperrten Gendarmenmarkt, trinken Rosé und veranstalten opulente Picknicks auf den Treppen des Französischen Doms. Zunächst aber darf als Voract Suena ran –, ja richtig, die Suena, die zusammen mit Lucry das gleichnamige Produzentenduo bildet und schon für Herbert Grönemeyer, Capital Bra und Apache 207 produziert hat. Auf dem Klavier spielt sie einige Stücke aus ihrer neuen EP „Instincta“, eine Rückbesinnung auf ihre klassische Musikausbildung.
Der Ursprung von Alphaville liegt im West-Berlin der 1980er-Jahre
Um 20.30 Uhr tritt Marian Gold auf die Bühne, die dorischen Säulen des Konzerthauses erstrahlen in Gold, es geht direkt los mit „Dream Machine“. Dann nimmt sich der 72-Jährige Zeit für eine längere Anmoderation: Er wolle mit dem Abend zwei Konzepte verbinden: einmal den Traum, sowie Berlin, das für ihn auch ein Sehnsuchtsort und Versteck gewesen sei.
Der Weg des Sängers zum Weltruhm ist dabei selbst ein wahrgewordener Traum. 1976 stieg der in Herford aufgewachsene Gold nach dem Wehrdienst in den nächsten Zug nach West-Berlin. Mehrere Monate war Gold obdachlos, bis er sich der Hausbesetzerszene anschloss und eine Wohnung am Herrfurthplatz in Neukölln bezog. Dort lernte er dann auch Bernhard Lloyd kennen, mit dem er dann später Alphaville gründete. Wir haben mit Alphaville über ihre Zeit in Berlin gesprochen.

In einem längeren Intermezzo schwärmt Gold von West-Berlin, als widersprüchlichen, aber auch märchenhaften Ort wie „Atlantis oder El Dorado“. Mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme könnte das Konzert fast als Live-Hörspiel durchgehen, so sehr fesselt der Sänger das Publikum. Vor dem Überhit „Big in Japan“ erzählt Gold von einer Eisverkäuferin in der Hasenheide, in die er sich verliebt habe. Weil die Frau vergeben gewesen sei, habe er versucht, sie mit einem Song (ebenjenes „Big in Japan“) für sich zu gewinnen. Als er sie mit dem Demotape in der Hand aufsuchen wolle, sei sie weg gewesen.
Marian Gold von Alphaville: Keine Angst vor dem Kitsch
Vielleicht ist es die Abenddämmerung, vielleicht sind es die Streicher, die sich wie Honig um die Gerüste der Alphaville-Songs schmieren lassen. Woran es auch immer liegen mag, Marian Gold ist Vollblut-Romantiker. Auch „A Victory of Love“ sei in der Liebe zu einer Frau entstanden, und dann steigert sich der Alphaville-Sänger in die Geschichte einer Autofahrt hinein, damals, auf dem Rückweg von einer Party, wo er mit Freunden unter Einfluss von halluzinogenen Substanzen so lange um die Siegessäule gefahren sei, bis er fast den Himmel erreicht habe.
Da ist es also, das eben beschriebene Pathos von Alphaville. Manchmal sorgt das für kitschige Momente, etwa wenn Gold ein winziges Klaviersolo mit den Worten „This is beautiful“ kommentiert. Aber es wirkt nie inhaltsleer. Man merkt, wie stark der Alphaville-Sänger fühlt, wie stark er liebt. Genau dieses Pathos rettet dann auch über die schwachen Momente des Abends hinweg. Die Brillanz der Neuen Philharmonie Frankfurt geht oft im schwachen Mix unter, genauso wie die Stimme des Sängers. Der selbst, obwohl noch immer im Besitz einer voluminösen Countertenorstimme, die hohen Töne nicht so lange halten kann.
Das Publikum scheint das weniger zu stören. Als die ersten Akkorde von „Forever Young“ ertönen, erheben sich die hintersten Reihen von ihren Sitzen und strömen zum Bühnenrand, das Handy griffbereit. Marian Gold verwandelt die Menge in einen Chor, Paare liegen sich küssend in den Armen. Die Zugabe „Pandora’s Lullaby“ hat es dann leider etwas schwer, denn nach dem größten Hit von Alphaville brechen schon viele Gäste den Heimweg an. Was übrig bleibt, ist nicht weniger als die Aufwertung eines verkommenen Begriffs. Ach, das Pathos. Gut, dass es Bands wie Alphaville gibt.
Mehr Musik
„Drogen sind doch super für die Fantasie! Es ist manchmal ungesund, aber Hormone sind ja irgendwie auch Drogen“: Unser Alphaville-Interview von 2021 könnt ihr hier nachlesen. Hausbesetzerszene und erste musikalische Gehversuche: Alphaville im Interview über ihre Anfänge in Berlin. Immer gut informiert zu Konzerten seid ihr in unserer Musik-Rubrik. Und hier ist das volle Programm mit Konzerten in Berlin. Gute Zeiten: Die wichtigsten Konzerte des Jahres 2026 in Berlin findet ihr hier. Regelmäßig neu: tipBerlin Newsletter – hier anmelden. Mehr Texte und Tipps findet ihr in unserer Klassik-Rubrik. Von Bühne über Musik und Kunst bis Literatur: Besucht unsere Kultur-Seite.