Apsilon über „Glanz Null“: „Manchmal hat man das Gefühl, dass alles auseinanderfällt“

In „Keiner von euch“ auf deinem neuen Album „Glanz Null“ rappst du von Journalisten in deinen DMs. Erfahrungsgemäß ist kaum jemand schwieriger für ein Interview zu gewinnen als Rapper. Warum eigentlich?
Ich glaube, weil Rap einfach eine sehr direkte Ausdrucksform ist. Wenn man das mit Pop vergleicht, wo sich vieles auf einer symbolischen Ebene abspielt und Leute vielleicht nicht Zeile für Zeile ihr Leben erzählen wie im Rap, dann ist das schon ein Unterschied. Und ich glaube, dazu kommt auch eine generelle Ablehnung gegenüber etablierten Medien und dem Mainstream. Das gehört ja auch ein Stück weit zu Subkultur, zu sagen: Ey, wir wollen nicht Teil von etwas sein, auf das sich alle einigen können. Aber meine persönliche Meinung ist eigentlich: Ich finde Interviews cool. Ich meine, das in der Zeile ist eher ein Flex. Mir macht das Spaß und ich sehe es als Gelegenheit, über meine Kunst zu sprechen.
Dann sprechen wir über deine Kunst. „Glanz Null“ erzählt ziemlich kohärent von einem kindlichen Glanz in den Augen, der mit der Zeit verloren geht. Warum wolltest du genau dieses Gefühl zum Ausgangspunkt des Albums machen?
Das Album dreht sich einerseits um mein Aufwachsen und meine individuelle Geschichte im Gefüge dieser Welt. Aber auch um ein universelles Gefühl, das ich in meinem Umfeld beobachte: dass dieser kindliche Glanz, diese Sorglosigkeit, irgendwann verloren geht. Ich glaube, das Gefühl ist deshalb kollektiv, weil es direkt oder indirekt von gesellschaftlichen Umständen beeinflusst wird. Bei dem einen ist es vielleicht die Flucht aus einem Kriegsgebiet. Bei jemand anderem ist es vielleicht einfach ein krasser Herzschmerz.
Und bei dir?
Das Aufwachsen in Berlin als Ausländer mit Rassismus-Erfahrung spielt natürlich eine Rolle. Aber das ist gar nicht das, was mich am meisten zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Was ich im Album beschreibe, ist eher im groben Sinne eine Realisation, dass die Welt ein sehr ungerechter Ort ist. Und ich glaube, in Berlin ist man sehr früh damit konfrontiert. Man sieht viel Leid, Armut, soziale Ungleichheit, extremen Reichtum, Drogensucht: lauter Dinge, die einem dieses Naive, Kindliche, diese Sorglosigkeit nehmen.
Ich glaube, in unserer Generation ist dieses Gefühl einer krassen Desillusionierung sehr weit verbreitet. Manchmal hat man das Gefühl, dass alles auseinanderfällt: dass immer mehr globale Kriege geführt werden, dass zehn Menschen auf der Welt so viel besitzen wie vier Milliarden andere, dass Menschen auf der Flucht sterben oder verhungern, während andere zum Spaß ins All fliegen. Dazu kommt die Zerstörung des Planeten, mit der sich gefühlt alle schon abgefunden haben.
Das alles fließt in die Erkenntnis ein: Dieser kindliche Glanz ist irgendwie weg. Aber das ist auf dem Album kein Endpunkt. Die Erkenntnis, dass der Glanz weg ist, ist eher der Anfang einer Suche danach.
Apsilon über Verletzlichkeit im Deutschrap
Schon auf deinem letzten Album, aber auch auf „Glanz Null“, zeigst du dich sehr verletzlich. Damit gehörst du zu einer Generation von Rappern, die deutlich offener über Gefühle spricht als der Deutschrap, mit dem du aufgewachsen bist – Aggro Berlin und Co. Warum hat sich das verändert?
Im Deutschrap, aber nicht nur dort, sondern generell in der Popmusik, gab es lange nicht viel Platz für Verletzlichkeit. Es gibt aber auch extrem viele gute Gegenbeispiele, sei es Nate57 oder Haftbefehl, die viel über mentale Gesundheit gerappt haben. Für unsere Generation ist es einfacher geworden, offener über diese Themen zu sprechen. Es gibt einfach mehr Leute, die verstehen, dass es nichts mit Männlichkeit zu tun hat, Stärke oder Dominanz demonstrieren zu müssen. Sondern, dass diese Dinge eher aus Unsicherheit kommen.

Verändert hat sich im Hip-Hop auch, dass Rapperinnen deutlich sichtbarer geworden sind. Stichwort: Fotzenrap. Viele deiner Kollegen fühlen sich von Künstlerinnen wie Ikkimel provoziert. Du offensichtlich nicht, denn auf „Glanz Null“ habt ihr sogar einen gemeinsamen Song.
Ich fand auf dem Track einfach ihre Perspektive spannend, und auf diesem Beat ihre Stimme. Sie hatte direkt mega Bock und ist am nächsten Tag ins Studio gekommen. Ich respektiere das, dass sie auf so einen Song auf unserem Album aufgesprungen ist, vor allem in einer Phase, in der sie, glaube ich, viel mit Hassnachrichten und Morddrohungen zu kämpfen hatte. Es gibt ja Statistiken dazu, dass gerade junge Männer wieder konservativere, rechtere Einstellungen entwickeln. Und ich glaube, das trifft auf die provokante Art von Ikkimel.
Wenn man über eine Utopie spricht, kann ich mir keine vorstellen, in der der Kapitalismus das System ist
Apsilon
Ihr steht beide für eine neue Generation im Hip-Hop. Während viele männliche Rapper heute verletzlicher auftreten, geben sich viele Rapperinnen bewusst hart. Hat sich da etwas verschoben?
Ja, interessante Beobachtung. Eigentlich ist das eine schöne Entwicklung, dass sowohl Frauen als auch – Shoutout an Baran Kok – Leute aus der Queer-Community, aber auch heterosexuelle Männer, wie eigentlich schon immer, sowohl verletzliche, introspektive Tracks machen können, als auch hart Leute beleidigen können.
Schön wäre es nur, wenn dabei an alle dieselben Maßstäbe angelegt würden. Bei Female Artists wird sofort gefragt: Ist das jetzt Feminismus oder nicht? Männer werden gefeiert, wenn sie verletzliche Musik machen, während Frauen kritisiert werden, wenn sie auf die Fresse-Musik machen.
Apropos „auf die Fresse“: In „Keiner von euch“ teilst du gegen Politiker und Medien aus – nennst den Vizekanzler aus der SPD oder Markus Lanz. Also bewusst Personen aus der politischen Mitte und den öffentlich-rechtlichen Medien. Waren dir die Rechten inzwischen zu offensichtlich?
Ich glaube, at this point bringt es uns gesellschaftlich auch nicht mehr so viel weiter, die ganze Zeit nur zu sagen: Ich will nichts mit Nazis zu tun haben, kein Platz für Nazis. Es ist wichtig, dass es Leute gibt, die diese Arbeit machen. Aber ich sehe meine Musik nicht als politische Arbeit. Bei mir persönlich war es einfach in den letzten Jahren eine Abgefucktheit gegenüber nicht nur einer Alice Weidel, bei der ich gar nicht mehr so viel darüber nachdenke, weil es so selbstverständlich ist. Sondern eher über Leute, bei denen ich denke, die bekommen auf jeden Fall noch zu viel Zuspruch. Die sind underhated, könnte man auch sagen.
Um mal ein Beispiel zu nennen: Was hast du konkret gegen Anne Will?
Es ist gar nicht so deep. Ich habe mich nicht intensiv mit Anne Will beschäftigt und ich habe auch kein persönliches Problem mit ihr. Mich nervt eher das Prinzip vieler Talkshows. Sie vermitteln oft den Eindruck, als könne oder müsse man über alles ganz sachlich diskutieren. Dann heißt es: Sollen Bürgergeld-Empfänger 20 Euro weniger bekommen? Pro und Contra. Zwei Leute diskutieren, am Ende trifft man sich irgendwo in der Mitte und kürzt denen nur 10 Euro weg statt 50.
Soll man Menschen im Mittelmeer sterben lassen? Pro und Contra. Ist es okay, Kinder in Gaza zu bombardieren? Pro und Contra.
Der Track „Sommermärchen“ verbindet die Euphorie der WM 2006 mit den NSU-Morden – also wieder unbeschwerte Kindheitserinnerung auf der einen Seite, brutale Realität, die sie trübt, auf der anderen. Den letzten Impuls für den Song hattest du nach einem Treffen mit Gamze Kubaşık, deren Vater vom NSU ermordet wurde. Wie war das?
Die Song-Idee hatte ich schon vor ein paar Jahren, als ich mich mit den NSU-Morden beschäftigt und gecheckt habe, dass mein Geburtsdatum der Todestag von Mehmet Kubaşık ist. Dann war ich bei einer Gedenkveranstaltung in Hanau und habe am Ende ein paar Songs gespielt. Gamze Kubaşık hat dort zusammen mit Semiya Şimşek eine Rede gehalten. Wir haben an dem Abend gar nicht miteinander gesprochen. Die Konversation hat sich eher in meinem Kopf abgespielt. Irgendwann habe ich den Song dann Gamze Abla geschickt, wie ich sie nenne. Ich war sehr aufgeregt und am Ende total erleichtert, dass sie den Song schön fand und die Art, wie ich darüber rappe und singe, als angemessen empfunden hat. Seitdem sind wir auch in engem Kontakt.
Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Großteil der Menschen eine ähnliche Vorstellung davon hat, wie eine schöne Welt aussehen könnte. Und ich glaube auch, dass sehr viele Menschen es so sehen wie ich, wenn ich sage, dass wir davon im Moment noch sehr weit entfernt sind.
Apsilon
Wenn „Glanz Null“ kein Endpunkt ist, sondern auch ein Anfang, eine Suche nach einer Utopie, wie könnte die aussehen und wie bist du als öffentliche Person Teil davon?
Ja, auch wenn es nur eine Träumerei ist, gibt es im Album auch den Glauben an eine bessere Zukunft. Ich glaube, dass man, wenn man auf individueller Ebene denkt, sehr gefangen ist in den Grenzen, die einfach bestehen. Wir können als Künstler, egal wie selbstlos wir wären, diese gesellschaftlichen Probleme nicht lösen, indem wir eine Tour umsonst spielen. Es sind die strukturellen Probleme, die dazu führen, dass wir von einer Wirtschaftskrise in die nächste geraten, dass Menschen ihre Miete nicht mehr zahlen können, sich im Winter überlegen müssen, ob sie heizen. Systematische Ursachen kann man nur systematisch verändern.
Wenn man aber über eine Utopie spricht, kann ich mir ehrlich gesagt keine vorstellen, in der der Kapitalismus das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist. Für mich ist es eher die Vorstellung einer Gesellschaft, die sich an den Grundbedürfnissen der Menschen orientiert: dass jeder ein Dach über dem Kopf hat, genug zu essen und keine Angst vor körperlicher oder sexueller Gewalt haben muss.
Die Frage ist, wie man dahin kommt. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ein Großteil der Menschen eine ähnliche Vorstellung davon hat, wie eine schöne Welt aussehen könnte. Und ich glaube auch, dass sehr viele Menschen es so sehen wie ich, wenn ich sage, dass wir davon im Moment noch sehr weit entfernt sind.