Alles verzockt: Baby Keem stellt sich seiner Kindheit

Ja, er ist der Cousin von Kendrick Lamar, doch Baby Keem (bürgerlich Hykeem Carter) ist unabhängig davon auch eine der prägendsten Stimmen des zeitgenössischen Hip-Hop. Der Rapper und Produzent hat im Februar sein neues Album „Ca$ino“ veröffentlicht. Schon Keems Debüt „The Melodic Blue“ (2021) war ein Erfolg, mit Sturm auf die Charts und Grammy. Fast fünf Jahre hat er für den Nachfolger gebraucht. Gastbeiträge von Kendrick Lamar, Too $hort, Momo Boyd und Che Ecru sind drauf, es kommt aber persönlicher als der großspurige Vorgänger daher.
Keine Scheu vor Trauma
Die lange Wartezeit hat laut Keem mit „echtem Leben“ zu tun, ursprünglich sollte das Album nach seiner drogenabhängigen Mutter benannt werden. Dieses düstere Kapitel seiner Biografie prägt den Sound, die seelische Introspektion mutet fast wie Kendricks Beichte „Mr. Morale & the Big Steppers“ an. Familienprobleme statt wilder Beat-Wechsel.
Die Produktion bleibt trotzdem herausragend, Keem fokussierte auf samplebasierten East-Coast-Sound und mischt abstrakte Beats ein. Seine stilistische Bandbreite ist enorm, die Ideen scheinbar uferlos. Schon der hypnotische Titeltrack klingt richtig schräg, als wären ihm Charts und Grammys komplett egal; für „Birds & the Bees“ nutzt er ein Sample aus dem 2007 erschienenem Indie-Pop-Song „Honey Honey“ der kanadischen Songwriterin Feist und in „I Am Not a Lyricist“ geht der 25-Jährige noch weiter zurück, ins Griechenland der 1970er-Jahre, und holt sich den Schub aus Dimitra Galanis altem Hit „Tha S‘ Agapo“.
Aber bei aller Vielschichtigkeit, Keem geht auch klar auf die Zwölf. „Circus Circus Freestyle“ beginnt mit klarer Ansprache: „Who the fuck told you I wasn‘t that nigga? (Yeah)“. Der Casino-Titel wiederum ist eine Metapher: Keem wuchs in Las Vegas auf, wo die Spielsucht seiner Mutter die Familie finanziell ruinierte. Der Closer „No Blame“ verarbeitet diese Geschichte. „Ca$ino“ ist schon jetzt eines der besten Rap-Alben des Jahres.
Tempodrom Möckernstr. 10, Kreuzberg, Di 1.9., 20.30 Uhr, VVK 65 €, weitere Infos und Tickets hier
Konzertbericht: So war das Konzert von Baby Keem