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Musik

Big Thief singen über die USA wie niemand sonst

Nach der großen Freiheit lauert der Crash: Wie niemand sonst besingt die New Yorker Band Big Thief ein Amerika, das es nicht mehr gibt. Selbst der schönste Roadtrip kann böse enden
Text: Lennart Koch
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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US-amerikanische Indie-Rock-Band aus New York – Big Thief. Foto: Daniel Arnold
US-amerikanische Indie-Rock-Band aus New York – Big Thief. Foto: Daniel Arnold 

Es gibt erste Male, die vergisst man nicht. Das erste Luftgitarrensolo zu „Let There Be Rock“, die erste Karaoke-Eskalation zu „Bohemian Rhapsody“ – und die erste Fernwehträne zu „Paul“ von Big Thief. Wenn Adrianne Lenkers Stimme am Mikrofon zerbricht, während sie singt: „Paul, I know you said that you‘d take me any way I came or went“, fühlen sich die United States of America plötzlich wieder an wie ein endloses Land, in dem alles möglich ist. Mit dem alten Wagen durch die Wüste fahren, eine Hand am Lenkrad und die andere in der Sonne, eine Flasche Moonshine im Nirgendwo, ein Augenblick von Freiheit und Hoffnung, der so flüchtig ist wie ein Dreiminutensong. Die Lieder von Big Thief sind verschwommene Momentaufnahmen zwischen Johnny-Cash-Romantik, Jack-Kerouac-Roadtrip und Donald-Trump-Endzeitstimmung.

Wie keine andere Band schaffen es die New Yorker, das Zerplatzen von Träumen zu vertonen. Die Fahrt auf dem Highway ist irgendwann vorbei, egal wie langsam und abgerockt das Auto ist. „I couldn‘t stay, I‘d only bring you pain“, schluchzt Lenker. Von „Paul“ bleibt nicht mehr als eine Erinnerung, die ein ganzes Leben hält. Die Drums stolpern vor sich hin, mal setzen sie ganz aus. Sie scheinen nicht ganz zu wissen, wie die Reise weitergehen soll. Buck Meeks E-Gitarre klingt noch nach, hallig, leiernd, klagend, wie ein kaputtes Radio, das irgendjemand vergessen hat auszuschalten.

Eine Erinnerung, die ein ganzes Leben hält

Bei Big Thief liegt die Traurigkeit im Unausgesprochenen. Es gibt keinen Streit, keinen Schicksalsschlag, kein Drama. Die Liebe verschwindet beiläufig, manchmal merkt man nicht mal, dass sie da war. Seit ihrer Gründung im Jahr 2014 haben sie viele schüchterne Hymnen geschrieben. Am meisten schmerzen stets die Gegensätze. „Shark Smile“ zum Beispiel ist eine zurückhaltende Urgewalt von einem Song. 30 Sekunden lang lässt Lenker ihre Gitarre über den voll aufgedrehten Verstärker heulen, während Schlagzeuger James Krivchenia auf Becken und Trommeln kloppt. Plötzlich setzt der lässigste Groove ein. Der Sturm hat sich gelegt. On the Road again. Gitarre, Bass, Schlagzeug, ab und zu Feedback und eine großartige Geschichtenerzählerin – mehr braucht es nicht, um einen ganzen Coming-of-Age-Film im Kopf abspielen zu lassen.

Immer wieder erinnert Lenker an ihr Vorbild Bruce Springsteen. Aus herumtreibenden Alltagsgestalten werden romantische Helden, tapfere Outlaws, ewige Idole. Natürlich hört die Band im Tourbus „Nebraska“ rauf und runter. Und wie beim „Boss“ liegen die große Freiheit und der fatale Crash nur eine Kurve voneinander entfernt. Die Protagonisten in „Shark Smile“ fahren mit ihrem gelben Van durch den Mittleren Westen, bis ein Autounfall das Abenteuer beendet. Einer der beiden stirbt, der andere bleibt im Wrack zurück. „Nimm mich auch mit“, fleht er immer wieder.

Das Amerika von Big Thief existiert nicht mehr

Mit ihren Figuren nimmt Lenker Abschied von eigenen Freunden, die auf der Straße des Lebens umgekommen sind. Persönliche Schicksalsschläge, symbolische Helden und verlorene Träume eines ganzen Landes verschmelzen in bittersüßen Liedern. Big Thief wäre eine durch und durch amerikanische Band, wenn ihr Amerika noch existieren würde.

Es ist kein Zufall, dass sich die neue Platte „Double Infinity“ auch in die Tradition der großen Hippie-Bands wie Grateful Dead einordnet, während Donald Trump und seine Schergen die alten Ideale der Hippies so bombardieren wie den Iran. Big Thief spielen sich bis zur Orientierungslosigkeit durch psychedelische Klanglandschaften und undefinierbare Songstrukturen. Der Traum ist aus, und trotzdem fühlt es sich gut an, für einen Moment verloren zu gehen. Die USA haben Big Thief nicht verdient, Big Thief aber jene USA, von denen sie singen wie niemand sonst. 

Columbiahalle Columbiadamm 13-21, Tempelhof, Mo 13.4., 20 Uhr, ausverkauft


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