Bonnie „Prince“ Billy im Interview: „Wir sind die Freaks“

Bonnie „Prince“ Billy, Mr. Oldham, lassen Sie uns über Arbeit sprechen. Wie sind Sie mit dem Thema aufgewachsen, haben Ihre Eltern Ihnen eine bestimmte Arbeitsethik vermittelt?
Mein Vater hat viel gearbeitet, er war Anwalt, und lange nach seinem Tod treffe ich immer noch Menschen hier in Louisville, Kentucky, die 20 Jahre später sagen: „Ich kannte deinen Vater. Er war ein guter Mensch, mit dem man gut zusammenarbeiten konnte.“ Und ich habe schon als Kind verstanden, dass es etwas Gutes war, wie er gearbeitet hat. Aber er war viel im Büro, außer Haus. Jetzt bin ich selbst Vater einer siebenjährigen Tochter und arbeite zu Hause, zu allen möglichen Tageszeiten, manchmal gleich nach dem Aufstehen, manchmal bis spät in die Nacht. Aber meine Tochter kann mich jederzeit von der Arbeit abhalten, wenn sie das möchte – das ist mir wichtig. Und meine Arbeit ist ihr nicht so rätselhaft, wie mir die Arbeit meines Vaters war. Sie kommt zu Konzerten, sie kommt ins Aufnahmestudio, sie kommt zu den Proben. Wenn wir hier in diesem Raum proben, setzt sie sich manchmal eine Weile zu uns.
Sie arbeiten hauptsächlich zu Hause?
Vor einigen Jahren haben unsere Nachbarn gefragt, ob jemand Interesse hätte, ihr Haus zu kaufen. Wir haben zugeschlagen. Meine Frau, die Textilkünstlerin ist, und ich arbeiten in diesem Haus, direkt neben dem Haus, in dem wir wohnen. Wir gehen also einfach jeden Tag nach nebenan.
Das klingt wunderbar! Sie sind ein sehr produktiver Musiker, fast jedes Jahr erscheint ein neues Album. Arbeit ist ein zentraler Bestandteil Ihres Lebens.
Das stimmt, aber es geht auch ums Machen, ums Herstellen. Man erschließt neues Terrain, und wenn man dann, in meinem Fall, zum nächsten Song kommt, arbeitet man von einem neuen Punkt aus. Genau das ist auch das Ziel beim Machen eines Albums: eine Position zu etablieren, von der aus man das nächste Album machen wird.
Zur Person
Will Oldham, geboren 1970 in Louisville, Kentucky, versuchte sich zunächst als Schauspieler, bevor er sein Studium abbrach und sich der Musik widmete. Ab 1993 veröffentlichte er als Palace Brothers und unter weiteren Namen. Seit 1998 tritt er als Bonnie „Prince“ Billy auf. Mit „I See a Darkness“ (1999), von Johnny Cash später gecovert, gelang ihm der Durchbruch. Er gilt als einer der wichtigsten Singer-Songwriter seiner Generation und prägende Stimme des Alternative Country. Im März 2026 erschien sein aktuelles Album „We Are Together Again“ (Domino). Oldham lebt mit seiner Familie bis heute in Louisville.
Würden Sie sagen, dass Kunst zu machen Arbeit ist? Oder unterscheiden Sie zwischen „Arbeit-Arbeit“ und dem Künstlersein?
Ich glaube, zu erkennen, dass man tatsächlich Künstler ist, gleicht fast der Erkenntnis, einer bestimmten Kaste anzugehören. Die Realität ist einfach eine andere, und ich glaube nicht, dass die meisten von uns sich das wirklich aussuchen. Wenn ich mir etwas anderes hätte aussuchen können, hätte ich das wahrscheinlich getan. Kunst ist jeden Tag eine solche Herausforderung. Aber ich glaube, ich habe es geerbt. Meine Mutter war Künstlerin, mein Vater ein Workaholic, und ich habe beide Seiten in mir vereint. Wer mit dieser künstlerischen Art, sich durch die Welt zu bewegen, infiziert ist, muss trotzdem die Sprache der anderen Menschen lernen. Ich war neulich auf einer Beerdigung, und hätte man ein Gruppenfoto von allen Anwesenden gemacht, hätte man auf mich, meine Frau und unsere Tochter zeigen und sagen können: „Das sind Künstler.“ Wir haben versucht, uns für die Beerdigung feinzumachen, aber als wir dort ankamen, merkten wir: „Oh mein Gott, wir sind die Freaks.“
In Berlin wäre ich einfach nur einer von unzähligen wurzellosen Kosmopoliten
Bonnie „Prince“ Billy
Haben Sie oft das Gefühl, nicht dazuzugehören?
Nun, ich glaube, der Antrieb für meine Musik ist der unablässige Versuch, Verbindung und Zugehörigkeit herzustellen. Denn ja, ich denke, in mir steckt dieses Gefühl von Fremdheit – ich weiß, dass es ein Hindernis ist, und es ist ein ständiger Versuch, diesen Außenseiterstatus zu überwinden.
Ist das auch der Grund, warum Sie in Louisville, Kentucky, wo Sie geboren wurden, geblieben sind?
Mein Vater ist gestorben, meine Mutter wurde schwer krank, und ich musste in ihrer Nähe sein. Aber es gibt auch diesen Gedanken: Ich könnte nach Berlin gehen, nach New York, Los Angeles oder London, und wäre dort einer von unzähligen wurzellosen Kosmopoliten. Hier dagegen habe ich ein Kontinuum, auf das ich zurückgreifen kann, das für mehr Menschen nachvollziehbar sein könnte, die eine Existenz haben, bei der die Wurzeln nicht gekappt wurden und sie nicht woanders hingezogen sind. Wenn ich hier herumlaufe und einen Freund treffe, mit dem ich über 50 Jahre hinweg Tausende und Abertausende Begegnungen hatte, dann merke ich, dass das ein unschätzbares Kapital ist, auch für das Schreiben von Songs.
Und das gibt Ihnen das Gefühl, doch dazuzugehören?
Es ist so, als hätte ich über einen so langen Zeitraum Zugang zu unterschiedlichen Perspektiven. Und ich glaube, ich habe das Privileg, so zu leben, dass die Songs ein Verständnis eines Ortes in der Zeit einschließen, das immer auch die Vergangenheit mit einbezieht.
Bonnie „Prince“ Billy geht zum Arbeiten ins Haus nebenan
Ist Ihre Musik eine Art Zeitdokument, ein Abbild davon, wie es mal war? Erfährt man das zum Beispiel, wenn man Ihre frühen Platten hört?
Ich bin ein großer Verfechter davon. Auch bei der Art, wie wir Platten machen. Zu glauben, wir müssten stets mit der Technik und mit Trends mithalten, kann eine Falle sein. Ich bin mir nicht sicher, ob wir mit älteren Technologien wirklich schon fertig sind. Wir haben sie noch nicht bis zur letzten Möglichkeit ausgeschöpft. Für eine Platte wie „Viva Last Blues“ sind wir in ein Studio gegangen, das noch eine funktionierende Zweizoll-Bandmaschine hatte, und haben das nicht als historische Reise behandelt. Es war eher: „Wir brauchen die neue Technologie gerade nicht unbedingt, weil die alte immer noch sehr gut funktioniert.“
Treibt Sie ein nostalgisches Gefühl an?
Nicht unbedingt. Was mich dazu gebracht hat, komponierte und gespielte Musik zu lieben, beruht auf menschlicher Interaktion. Im Gegensatz etwa zu Loops. Ich habe Loops und Samples nie wirklich verstanden, weil ich denke, dass Musik im Kern eine vorsprachliche Form der Kommunikation ist. Nehmen wir also so etwas wie einen Drum-Loop. Das ist, als würde man sagen, die Drums spielen keine Rolle. Wir haben einfach einen Beat erschaffen und der Schlagzeuger spielt keine Rolle.
Musik ist eine Form der Kommunikation
Sie sprechen von Loops, ich dachte auch an Sampling. Diese Technologien sind inzwischen überholt. Heute leben wir im Zeitalter der KI, die das Konzept der menschlichen Interaktion pervertiert hat.
Mein Freund David Ferguson, mit dem ich viel zusammengearbeitet habe – ich habe ihn kennengelernt, als Johnny Cash vor Jahren „I See a Darkness“ aufgenommen hat –, hat vor zwei Jahren erzählt, dass ihm jemand von einer großen KI-Firma gesagt hat: „Ich kann einen Johnny-Cash-Song machen“, und sie haben ihm dann „einen Johnny-Cash-Song“ vorgespielt. Man fragt sich schon, warum diese Leute glauben, dass das ein Johnny-Cash-Song ist. Es ist kein Johnny-Cash-Song, denn einen Johnny-Cash-Song kann nur Johnny Cash machen.

Lassen Sie uns übers Gehen sprechen. Sie sind Musiker und viel auf Tour, also ohnehin ein nomadischer Mensch. Gehen Sie auch gerne zu Fuß? Ich denke da an Ihren Film „Old Joy“, in dem Sie mit einem Freund einfach durch den Wald gehen.
Es gibt ein Buch namens „Open City“ von dem nigerianisch-amerikanischen Autor Teju Cole. Er läuft darin durch New York, und er geht scheinbar einfach so herum, ich erinnere mich an keine Erwähnung von Handys oder irgendwelchen smarten Geräten oder Konnektivität. Er geht einfach und denkt, und denkt lange. Er erlaubt sich einen Bewusstseinsstrom, der über eine längere Zeit anhält, was wir uns selbst heute nicht mehr oft erlauben. Als ich das Buch gelesen habe, dachte ich: „Ich erinnere mich ans Gehen und Denken. Ich erinnere mich, dass das mal ein Teil meines Lebens war und dass die Dinge vielleicht ein bisschen mehr Sinn ergeben, wenn man sich Zeit gibt, seine Lebenserfahrung zu verarbeiten.“ Wenn wir auf Tour sind und das Hotel nach einem Konzert innerhalb einer Stunde zu Fuß erreichbar ist, dann gehe ich nach der Show am liebsten dorthin zu Fuß.
Auf Ihrem neuen Album gibt es einen Song mit dem Titel „Hey Little“, darin geht es um Ihre Rolle als Vater. Sie haben Ihre Tochter vorhin schon erwähnt. Welchen Einfluss hat sie auf Ihre Musik?
Mein Gehirn muss jetzt das Gehirn eines Vaters sein, und das beeinflusst auch die Songs, an denen ich arbeite. Ich habe das Gefühl, dass das Beste, was ich bis hierhin erreicht habe, darin besteht, es mit ihr zu teilen. Und bei der harten Arbeit, die mit dem künstlerischen Leiden einhergeht, denkt man: Wenn das überhaupt etwas wert sein soll, dann der unmittelbare Einfluss und die Weitergabe an einen anderen Menschen.