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Scott Towers von Fat Freddy’s Drop: „Unsere Beziehung zu Berlin ist tief“

Nach dem unerwarteten Tod von Gründungsmitglied Chris Faiumu geht die neuseeländische Band Fat Freddy’s Drop nun wieder auf Tour. Vor dem Konzert auf dem Citadel Music Festival spricht Saxophonist Scott Towers mit uns über die Anfänge, LSD und Improvisation
Text: Maximilian Hossner
Veröffentlicht am: 28.05.2026
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Scott Towers alias Chopper Reedz von Fat Freddy’s Drop. Foto: Imago/Martin Müller © Imago / Martin Müller

Die Dub- und Reggae-Formation Fat Freddy’s Drop gehört zu den international erfolgreichsten Acts aus Neuseeland: Mehrfach platzierte die Band ihre Alben an der Spitze der heimischen Charts, auch in Europa füllen sie seit zwei Jahrzehnten Clubs und Hallen. Vor ihrem Konzert auf dem Citadel Music Festival am 5. Juni haben wir mit Scott Towers, der 2007 als Saxophonist zur Band stieß, gesprochen.

Scott Towers, wie geht es dir?

Gut!. Ich hatte heute frei, was schön ist. Ich lebe in Hawke’s Bay, ein paar Stunden Fahrt von Wellington entfernt, wo das Studio der Band ist und wo alle anderen leben. Ich bin letzte Nacht nach ein paar Tagen im Studio wieder nach Hause gekommen und heute mache ich einfach Spaziergänge mit den Hunden und bekomme etwas Bewegung.

Ganz am Anfang von jedem Album steht bei euch ein Ritual: Ihr kommt zusammen, hört und tauscht neue Musik aus. Wie wichtig ist dieses Ritual für euch heute noch?

Das ist ein ständiger Teil von dem, was wir tun. Jemand findet immer eine alte Platte oder einen neuen Künstler, den wir dann miteinander teilen. Tatsächlich haben wir gerade ein neues Studio in Wellington fertig gebaut, und die Plattensammlung von DJ Mu (Chris Faiumu, Anm. d. Red.) steht dort drin. Er ist letztes Jahr leider gestorben, aber eine der Sachen, die wir beim Bau dieses neuen Studios wollten, war, seine Plattensammlung mitzunehmen. Und vor ein paar Tagen haben wir also in Mu’s Plattensammlung gestöbert und Leute haben Sachen herausgezogen: „Oh, hast du das gehört? Du musst dir diesen Track auf Seite zwei anhören.“ Eine Sache, die ich daran liebe, ist, dass viele von uns dieselben Platten mögen, aber unterschiedliche Songs auf diesen Platten. Man denkt also, man kenne schon das ganze Gute auf diesem Album. Und dann sagt jemand: „Nein, nein. Hör dir den letzten Song an.“

Nach dem Tod von Chris Faiumu war unklar, ob Fat Freddy’s Drop noch auftreten würde. Nun spielt ihr wieder Konzerte. Wie habt ihr euch nach dem Verlust eures Bandmitglieds zusammengerauft?

Es war schwierig und langwierig. Es ist ein langer Prozess, und wir stehen eigentlich gerade erst am Anfang. Uns wurde ziemlich schnell klar, dass wir weitermachen wollten, Musik zu machen, und Musik zu spielen, besonders im Rahmen der „Based on a True Story Celebration Tour“. Das waren Shows, die wir arrangiert und organisiert hatten, bevor Mu starb. Und es schien einfach das Richtige zu sein, weiterzumachen. Und dann ging es darum, wie wir das machen.

Chris Faiumu von Fat Freddy’s Drop bei einem Konzert im Tempodrom im Dezember 2024. Der DJ starb 2025 völlig unerwartet. Foto: Imago/Martin Müller © Imago / Martin Müller
Wie seid ihr da rangegangen?

Ziemlich schnell wurde klar: Man ersetzt jemanden wie Mu einfach nicht. Die Bearbeitung von Beats und Arrangements — wahrscheinlich das, was das Publikum am ehesten als selbstverständlich hinnimmt — , wie viel Klangmanipulation und Dub-Effekte er gemacht hat: Das war wirklich sein Bereich, in dem er herausragte. Wir können nicht einfach jemanden holen, der ein paar Knöpfe drückt und versucht, das zu reproduzieren, was er gemacht hat. Also haben wir uns also in Richtung einer Live-Rhythmussektion bewegt. Vor ein paar Wochen haben wir in Wellington unsere erste kleine Live-Preview-Show gespielt, was eine großartige Erfahrung war. Es war schwierig, sehr emotional und sehr herausfordernd, aber auch sehr ermutigend, lebensbejahend und positiv.

Welche Bedeutung hatte Wellington und insbesondere die Wellington Jazz School, an der einige der Bandmitglieder studierten, für euren Erfolg?

Als ich nach Wellington zog, war das Anfang der 1990er, und es gab zwei Elemente, die für die Entstehung von Fat Freddy’s Drop wesentlich waren. Das eine war die DJ-Kultur und die Clubszene in Wellington, die für eine kleine Stadt mit nur einer halben Million Einwohnern wirklich lebendig war. Und dann gab es die Live-Musikszene, und ein großer Teil davon kam aus der Wellington Jazz School, die sich eher an einem sehr traditionellen Zugang zu Jazz orientierte: Also Swing, Bebop, Post-Bop, solche Dinge. Wir lernten also Charlie Parker, Thelonious Monk, Wayne Shorter und Miles Davis und Leute wie sie kennen und brachten so etwas wie Ensemble-Kompetenz und Improvisation mit in unsere Band. Mu versuchte, diese beiden Dinge zusammenzubringen.

Mu war nicht nur DJ…

Ihm wurde es ein bisschen langweilig, nur als DJ aufzulegen. Er wollte Gastsänger und Gastinstrumentalisten dazu holen. Und als er also nach Leuten suchte, mit denen er spontan etwas machen und sehr schnell Tonarten oder Rhythmen wechseln konnte, begann er, sich zu diesen jazzgeschulten Musikern hinzuziehen. Zu der Zeit entstand eine ganze Generation von Jazzschool-Musikern, die in dieser traditionellen Jazzwelt hochqualifiziert waren, dann aber sehr schnell in diesen Clubkontext oder in Musik wechselten, die vielleicht nicht so harmonisch dicht war, sondern sehr improvisiert, kreativ und explorativ. Und so gab es bei den „Freddys“ am Anfang noch gar keine Songs. Es waren die B-Seiten der Platten, die Mu auflegte und miteinander mischte, und dann kamen andere Leute dazu und improvisierten darüber — Hornriffs, Melodien, Gesangsparts, Keyboards, all sowas. Und irgendwann sagte er dann: „Okay, wir brauchen unsere eigenen Rhythmen und unsere eigene Begleitstruktur.“ So kam er zur MPC und Programmierung.

Für eine Band mit so viel Erfolg spielt Improvisation ja eine recht ungewöhnliche Rolle für euch: Anders als viele Bands arbeitet ihr nicht im Studio Songs für die Bühne aus, sondern macht das umgekehrt. Wenn aber Improvisation der Kern eines Songs ist, wie stellt ihr dann im Studio sicher, dass die auf der Bühne erzeugte Energie nicht verloren geht?

Das ist eine gute Frage. Eine der Arten, wie wir Musik schreiben, ist, dass wir uns im Studio treffen und sehr lange jammen. Meist beginnt es mit einer kleinen Idee: Einem Schlagzeugbeat oder einem Loop. Und darauf wird in diesem improvisierten Jam mit allen gemeinsam aufgebaut. Das kann sich zwei oder drei Stunden lang um eine einzige Idee drehen, aber es wird aufgenommen. Dann gehen wir zurück, hören es uns an und beginnen, die Teile herauszupicken, die uns gefallen. Und wir können die dann leicht zusammenschneiden und sagen: „Hey, diese beiden Abschnitte, die passen irgendwie gut zusammen.“ Man baut den Song ursprünglich aus diesen improvisierten Situationen heraus. Dann nimmt man so einen Song-Sketch mit in den Live-Kontext und versucht, ihn zu spielen. Und man bekommt vom Publikum ein echtes Gefühl dafür, wann es funktioniert. Und dann kann man wieder an diesen Ideen im Studio arbeiten. Aber diese Energie festzuhalten, sie zu bewahren — ich glaube, es ist ein bisschen wie beim Kochen: Man kann den Topf auch zu oft umrühren.

Fat Freddy’s Drop bei einem Konzert im Astra. Die Bläsersektion (v.l.n.r): Joe Lindsay an der Posaune, Tony Chang an der Trompete und Scott Towers am Saxophon. Foto: Imago/POP-EYE Wieland © Imago / Pop-eye
Ein Teil eures Erfolgs mit dem ersten Album war, dass die Leute die Musik weiterempfohlen haben. Wie wir heute Musik konsumieren und wie sie verbreitet wird, hat sich seitdem sehr verändert. Wie würde „Based on a True Story“ klingen, wenn es im Jahr 2026 erscheinen würde?

Es ist sogar lustig, denn im Prozess, diese Celebration-Tour zusammenzustellen, sind wir zu den ursprünglichen Session-Dateien und Masteraufnahmen zurückgegangen – und die sind wirklich auf ziemlich impressionistische, collageartige Art und Weise zusammengebaut. Das haben wir beibehalten, aber sind auch besser im Songwriting geworden. Ich denke, unsere Musik hat wahrscheinlich etwas mehr Zielgerichtetheit bekommen. Ich glaube, ehrlich gesagt, wir könnten es wahrscheinlich nicht mehr heute reproduzieren. In dieser Collage steckt ein gewisser Zauber.

Was meinst du mit Zauber?

Es gibt da Dinge, die die Leute wahrscheinlich gar nicht richtig begreifen. Zum Beispiel sind in manchen dieser Songs Teile, die buchstäblich Live-Aufnahmen von Konzerten sind, die einfach mitten in eine Studiosession hineingeschnitten wurden. Das würden wir heute wahrscheinlich nicht mehr machen. Denn dieses Audio von der Live-Show klingt ja, als wäre es mit einem Handy oder so aufgenommen worden. Wenn man wirklich in etwas hineintaucht und denkt: „Was ist das für ein Klang? Was ist das?“ Dann ist das irgendwie Teil des Zaubers der Platte, aber man kann es nicht richtig zuordnen.

Durch LSD hat sich in der Band die Denkweise etabliert, für den Einfluss vieler Dinge offen zu sein

Scott Towers

Im Sommer kehrt ihr für das Citadel Music Festival nach Berlin zurück, wo ihr schön öfter gespielt habt. Es kursieren die Gerüchte, dass euer zweites Album „Dr. Boomdigger and the B-Big W“ stark von Berlin beeinflusst ist. Inwieweit hört man diesen Einfluss?

Ein Teil davon ist, dass Mu, Dallas und Mu’s Frau Nicole 2002 oder 2003 zum ersten Mal nach Berlin gingen, mit den Anfängen der Fat Freddy’s Drop-Aufnahmen. Das war die Zeit von Songs wie „Midnight Marauders“ und „Hope“. Sie brachten diese Aufnahmen nach Europa und kamen so nach Berlin und verbanden sich dort mit einer Gruppe von Leuten und mit der Stadt. Und dann sind wir in den nächsten 22 Jahren immer wieder nach Berlin gekommen. Wir haben also eine so lange Geschichte mit diesem Ort. Von allen Städten in Europa ist Berlin mit Abstand so etwas wie unser zweites Zuhause. Die Band wurde dort mehr oder weniger von Einheimischen untergebracht, und die ganze Crew im Umfeld rund um die „Bar 25“ und dem „Kater Blau“, und zwar für drei oder vier Monate in einem Sommer.

Wie hat Berlin den Sound eures zweiten Albums denn beeinflusst?

Mu, Nicole und Dallas sind zu Reggae-DJs ins „Yamm“ gegangen und haben mit den Jazzanova-Leuten abgehangen und etwas von diesem Einfluss aufgesogen, und sie sind in Techno-Clubs gegangen und haben richtigen Techno gehört. Und all das ist wieder in den Freddy-Sound eingeflossen. Da ist Dub und Reggae in dem, was wir machen. Da ist definitiv Techno in dem, was wir machen. Da ist auch etwas von dieser Kultiviertheit, die man bei Jazzanova bekommt, also die Verbindung mit Berlin ist echt und tief, würde ich sagen.

Lass uns noch einen Moment zum Ursprung von Fat Freddy’s Drop zurückkehren, denn es gibt eine gewisse Verbindung zu der Droge LSD in eurer Namensfindung. Wie hat sich eure Beziehung zu der Droge seitdem entwickelt?

Wir werden alle ein bisschen älter. Unsere Verbindung zu LSD ist wahrscheinlich deutlich geringer als früher — einst war sie wohl viel stärker. Aber ja, der Bandname kommt von einer Verbindung zu einem Gilbert-Shelton-Cartoon, den „Fabulous Furry Freak Brothers“, die in den 70ern von der US-Westküste kamen. Und es war in den späten 90ern in Wellington eine Acid-Pille im Umlauf, auf der ein Bild von Fat Freddy’s Katze prangte. Daher kommt der Name. Menschen waren draußen am Feiern, Leute nehmen Drogen und experimentieren. Ich würde aber sagen, es ist eher eine Denkweise, die sich in der Band etabliert hat: offen zu sein und offen für den Einfluss vieler Dinge — ob es nun ein Geisteszustand ist, Musik oder eine Gruppensituation.

In Deutschland wurde in den letzten Jahren die kulturelle Aneignung von Reggae und Dub seitens deutscher Künstler wie Peter Fox diskutiert. Findet dieser Diskurs auch in Neuseeland, bzw. bei euch in der Band statt?

Ja, das ist ein spannendes Thema. Ich denke, für uns hängt es davon ab, ob wir versuchen, so etwas wie eine echte jamaikanische Reggae-Band zu sein — was wir nicht sind. Wenn wir da oben stehen würden und in Patois singen und unser Bestes geben würden, um wie Jimmy Cliff oder sonst wer zu klingen, dann würde mir das nicht so zusagen. Ich kann nicht für alle anderen sprechen. Was ich sagen kann, ist, dass wir Einflüsse aus allen möglichen Genres übernommen haben: Jamaikanische Musik, schwarze amerikanische Musik. Und um fair zu sein: Das wären vor allem die beiden Musikwelten, die den stärksten Einfluss auf uns haben. Wir versuchen also einfach, die enorme Liebe widerzuspiegeln, die wir für diese Musik und für diese Kultur haben. Wir versuchen nicht, diese Kultur zu sein. Wir versuchen, unsere Musik durch diese Linse zu filtern.

Citadel Music Festival Zitadelle Berlin, Am Juliusturm 64, Spandau, Fr 5.6., 19 Uhr, 59,40 €, Tickets hier, unsere Vorschau auf das ganze Programm


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