Schottendisco im Tempodrom: Franz Ferdinand tanzen weiter

Viel Zeit ist vergangen, seit Franz Ferdinand in den frühen 2000ern wie eine Urgewalt durch jede Indie-Disco fegte. „Take Me Out“, „This Fire“ – funkige Eskalationen ohne Kompromisse, im Rampenlicht Alex Kapranos in hautengen Anzügen, knalligen 70er-Jahre-Hemden, ausgestattet mit David-Bowie-Tolle und zu jeder großen Rockstarpose bereit. 20 Jahre später gehören ihre Welt-Hits zum Pub-Inventar, nicht nur in ihrer schottischen Heimat. Wenn „The Dark of the Matinée“ läuft, wird getanzt. Wenn es sein muss, auch auf der Theke, so war das schon von Anfang an.

Heute macht man gerne Witze über die Indie-Boys von Früher, mit ihren E-Gitarren und Retroklamotten, mit ihrem Hang zu den Beatles und obskuren Post-Punk-Pionieren, die nur drei Songs in Lettland veröffentlicht haben. Der Grund, warum Franz Ferdinand so würdevoll gealtert ist wie keine andere Gruppe aus der britischen Indie-Invasion: Die Witze über sich machen sie schon immer am liebsten selbst. Die Überzeichnung haben sie perfektioniert. Jede Geste, jede Ansage, jeder Break ist eine liebenswerte Veralberung des großen Rock ’n’ Roll-Mythos. Alex Kapranos und seine Kollegen wissen, dass ihre Songs heute Schlager sind. Und haben damit überhaupt kein Problem. Wie ein Rockpriester animiert der Sänger das Publikum zum Wedeln mit den Armen, er fordert seine Fans sogar auf, sich hinzuhocken, herumzuhüpfen, durchzudrehen. Dabei scheint der 54-Jährige an diesem Aprilabend fitter zu sein als die jüngsten Zuschauer im Tempodrom. Ohne Angst vor Verlusten springt er über die Bühne, unmenschlich hoch, könnte man meinen.
Wenn jemand Witze macht, dann Franz Ferdinand selbst
Das Konzert ist eine große Show, eine selbstironische und dabei wahnsinnig lässige und ja, auch verdammt coole Spielerei mit dem eigenen Erbe. Die größten Hits starten beiläufig – und doch kommt sie schnell, diese wahnwitzige Wucht, die diese großartige Band berühmt gemacht hat. Am meisten Spaß hat die Band selbst. Wie Jugendliche, die im Proberaum ihre Idole mimen, ihre eigenen Songs in doppelter Geschwindigkeit spielen, Rücken an Rücken auf die Gitarren kloppen und am Ende sogar zu fünft auf das Schlagzeug prügeln, treten sie auf. Und all diese Dinge machen sie auch vor ausverkauftem Haus. Selbstverständlich, selbstsicher, wunderbar. Hoffentlich hört der Tanz niemals auf.