Schunkelnde Boomer und tutto amore: Gianna Nannini in der Waldbühne

Schon in der S9 Richtung Spandau gibt es erste Hinweise darauf, wer heute in der Waldbühne spielt: Unter den Arm geklemmte Sitzkissen mit italienischer Flagge, dazu Trikots sämtlicher italienischer Fußballvereine. In Pichelsberg bleiben nur die Hardcore-Spandauer sitzen, während die italophile Masse, größtenteils aus der Generation Babyboomer, zu Gianna Nannini strömt.
Im Stehbereich vor der Bühne wird sie schon sehnsüchtig erwartet: ein Meer aus wedelnden goldenen Luftballons, jemand hat auch einen goldenen Luftballon mit der Zahl 50 dabei. „Gianna Gold“ heißt die Show, mit der Nannini ihr 50. Bühnenjubiläum feiert. Vor 50 Jahren erschien ihr Debütalbum „Gianna Nannini“. Das Konzert in der Waldbühne ist 2026 ihr einziges. Vor 38 Jahren spielte sie hier zum letzten Mal.
Jetzt steht die 72-Jährige in silberner Jacke auf der Bühne und gibt alles.„Berlinoooo“, ruft sie, und das bleibt auch fast das Einzige, was sie zwischen den Songs sagt, abgesehen von einem „Das Lied ist fertig“ auf deutsch. Macht aber nichts.
Die strahlende Gianna Nannini nimmt die ganze Waldbühne ein
Zur Feier des Jubiläums wird ihre Band vom Bohemian Symphony Orchestra unterstützt. Eine imposante Show, die diese kleine, 72-jährige Frau vollkommen rockt. Sie tanzt, kniet, headbangt, heizt die Menge auf. Keine Spur von Erschöpfung.
Ein Mann im Rimini-T-Shirt und Röhrenjeans filmt die tanzende Italienerin vor ihm (nicht Gianna), ein anderer sieht das komplette Konzert nur durch sein Smartphone und schickt alles live in einen WhatsApp-Gruppen-Chat. Spätestens bei „Bello e impossibile“ stehen aber alle. Und als Nannini den Evergreen „Volare“ anstimmt, schunkeln Rimini-Shirt und Roma-Trainingsanzug im selben Takt.
In der Mitte des Konzerts setzt sich Nannini ans Klavier und spielt „Donne in Amore“. Sie singt, sie schwitzt, sie weint. Oder alles gleichzeitig. Und nicht nur sie: Einige schunkelnde Konzertbesucher:innen wischen sich Tränen vom Gesicht.
Auch eine dritte Zugabe gibt sie, inklusive Outfitwechsel. Die strahlende 72-Jährige nimmt die ganze Waldbühne ein: mit ihrer rauen Stimme, ihrer unendlichen Aura und ganz großen italienischen Gefühlen.