Latin und Brasil: Rubén Blades, Daniela Mercury und Grupo Revelação

New York in den frühen 1970er-Jahren: Der afroamerikanische Soul und Funk schwappen aus Harlem in den ein paar Blocks entfernten Nachbarkiez, der sich nach der Mehrheit der dort lebenden Bewohner Spanish Harlem nennt. Die Rhythmen Mittel- und Südamerikas, Mambo und Son Cubano, vermischten sich mit den Grooves von James Brown, Otis Redding und Wilson Pickett zu einem neuen Sound, der zugleich modern und urban daherkommt und doch tief in den eigenen Folkloren und Traditionen verwurzelt ist. Unter den Genrebezeichnungen Latin Soul und Boogaloo und mit Anleihen aus der Salsa-Kultur sollte sich die Musik, die als erste musikalische Erscheinungsform der Nuyorican-Kultur gilt, als wegweisend für das Discofieber der 1970er entpuppen.
Mittendrin in dem kreativen Melting Pot erschien der junge Musiker und Songwriter Rubén Blades auf der Bildfläche. 1948 in Panama City geboren, landete auch er in New York und begann unter anderem für das stilprägende Label Fania Aufnahmen zu machen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat er von Pop bis Jazz und Rock bis Salsa in derart vielen musikalischen Welten seine Spuren hinterlassen, dass man sich wundert, wie er es nebenbei schafft, mit prominenten Kollegen und Kolleginnen wie Michael Jackson, Elvis Costello und Shakira zu kollaborieren, in Hollywood-Blockbustern wie „Predator 2“ oder der Zombie-Serie „Fear the Walking Dead“ mitzuspielen und sich als Aktivist und Politiker auch noch um die globalen Missstände zu kümmern. Unter anderem war der mit Dutzenden Grammys ausgezeichnete Star fünf Jahre lang Minister of Tourism in Panama. Nach Berlin kommt der Elder Statesman der Latin-Kultur im Rahmen seiner „Fotografías Tour“, einer Retrospektive, die seine jahrzehntelange Karriere würdigt. Er lässt sich dabei von der 20-köpfigen, aus seiner Heimat Panama stammenden Roberto Delgado Big Band begleiten, mit der er seit 2010 arbeitet.
Während Blades in Deutschland auch jenseits der Latin-Szene Bekanntheit erlangte, dürfte die brasilianische Sängerin Daniela Mercury eher Eingeweihten ein Begriff sein. Mit ihrer Mischung aus Samba-Reggae, Forró, Rock und Pop stieg sie seit den frühen 1990er-Jahren in ihrer Heimat zum Superstar auf und blickt auf eine lange Karriere zurück. 26 Alben und über 20 Millionen verkaufte Tonträger sind eine stolze Bilanz.
Shakira, Karol G oder Bad Bunny
Interessant in dem Zusammenhang – auch weil Daniela Mercury als prominente queere Aktivistin, die mit einer Frau verheiratet ist, Millionen von Platten verkauft und seit geraumer Zeit auch mit elektronischer Musik experimentiert – ist insgesamt der gegenwärtige Einfluss aus dem „lateinamerikanischen Raum“ auf die globale Popkultur. Ob Shakira, Karol G oder Bad Bunny, und auch die Spanierin Rosalía: Sie sind die gegenwärtig wohl prominentesten Beispiele und stehen für eine Wachablösung der kulturellen Pop-Dominanz von den USA und England. Dies lässt sich, wenn man so will, auch als postkolonialer Diskurs lesen. Zugleich verfallen aber als „Latin“ markierte Acts auch schnell in eine Klischee-Falle, in der sie im Rest der Welt mit einer bestimmten Ästhetik die stereotypischen Erwartungen des Publikums zu erfüllen haben. Stichwort: Sommer, Salsa, Lebensfreude.

Es scheint, dass in Berlin ein entspannter Mittelweg zwischen kritischer Emanzipation und klischeehafter Bespaßung gefunden wurde, der auf Qualität und künstlerische Relevanz setzt. Beide Konzerte – Blades und Mercury – werden von der in Berlin beheimateten Plattform Bossa FM organisiert, das sich einen Namen als Botschafter für brasilianische und lateinamerikanische Musikkultur gemacht hat. Ein regelmäßiger Blick auf die Webseite lohnt sich, denn es sind nicht immer die ganz großen Namen, die von Bossa FM präsentiert werden; das Programm bietet auch so einige Entdeckungen, Newcomer und Geheimtipps.
Ein Geheimtipp ist im Juli auch das Jubiläumskonzert der Grupo Revelação, die einen Einstieg in die brasilianische Musikkultur erlaubt, der in Berlin nicht oft live zu erleben ist. 1991 im Stadtteil Engenho Novo in Rio de Janeiro gegründet, pflegt die Gruppe den Carioca-Samba-Stil, der in den Sambaschulen der Karnevalsstadt verankert ist. In über 30 Jahren brachte die Formation den authentischen und rohen Morro-Sound aus den Favelas in die Mainstreamkultur. Ihr Live-Album „Ao Vivo no Olimpo“ (2002) wurde zu einem der meistverkauften Samba-Alben des 21. Jahrhunderts.
Zwischen den Kulturen und zwischen den geografischen Grenzen entstehen vom Süden Argentiniens bis zum Norden Mexikos unentwegt neue Stile, Genres und musikalische Phänomene – mit Stars, die seit Jahrzehnten gefeiert werden und Millionen von Platten verkaufen, ohne dass man es in Europa mitbekommt. Hier vermittelt Bossa FM, vor allem, aber nicht nur, in brasilianischer Sache. Das Juli-Programm ist spannend besetzt; ein Ausblick auf das Restjahr verheißt aber auch Höhepunkte. Gleich im August spielt etwa Ana Frango Elétrico, eine Sängerin, Multiinstrumentalistin und Künstlerin aus Rio de Janeiro. Sie verbindet Bossa Nova, MPB und Tropicália mit Indie-Pop, Funk und Post-Punk zu einem verspielten und zugleich raffinierten Sound. Und im September folgt das Poptrio Os Garotin. 2024 veröffentlichten sie ihr Debütalbum „Os Garotin de São Gonçalo“, das ihnen den Latin Grammy einbrachte.
Bossa FM erlaubt die Erweiterung des Hörraums und eines ist klar: Berlin ist die Stadt der tausend (Musik-)Welten!