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Ein Raumschiff gelandet: Mouse on Mars und Lee „Scratch“ Perry

Jan St. Werner und Andi Thoma von Mouse on Mars haben in Berlin mit dem Dub-Pionier Lee „Scratch“ Perry (1936–2021) zusammengearbeitet. Im Interview erzählen sie von der unvergesslichen Erfahrung
Text: Jacek Slaski
Veröffentlicht am: 28.05.2026
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Jan St. Werner, Lee „Scratch“ Perry und Andi Thoma bei der Session in Berlin, Winter 2019. Foto: Constantin Carstens 

Im Winter 2019 stieg der legendäre jamaikanische Produzent Lee „Scratch“ Perry (1936-2021) in Berlin aus einem Auto, bekam eine Papaya in die Hand gedrückt und landete im Kreuzberger Studio des experimentellen Elektronik-Duos Mouse on Mars. Was dort entstand – zwischen Dub-Voodoo, digitalen Störungen, improvisierten Bläsern und Perrys dadaistischen Vocals – ist nun unter dem Titel „Spatial, No Problem.“ erschienen. Jan St. Werner und Andi Thoma von Mouse on Mars erzählen von den ungewöhnlichen Aufnahmesessions und dem Weg zum Album, das Perrys letztes werden sollte.

Lee „Scratch“ Perry hat euer Studio mit Artefakten und Fetischen geschmückt und es soll noch tagelang nach Fischsuppe gerochen haben. Stimmt das?

Jan St. Werner Das war Humphrey, unser Mitstreiter, der keine Rücksicht kannte und das ganze Gebäude gnadenlos unter Fischdampf gesetzt hat – Kampfsportladen im Erdgeschoss inklusive. Sein Rezept kennt bis heute keiner. Aber es ist eine schöne Metapher für die Session: verschiedene Zutaten, verschiedene Leute, ein Topf. Und irgendetwas kocht.

Wie war das, Lee „Scratch“ Perry zu begegnen?

Andi Thoma So als wäre ein Raumschiff gelandet. Perry stieg bei Patch Point aus, dem Modular-Synthesizer-Laden in der Nähe von unserem Studio und war sofort total zufrieden. Er wollte gleich anfangen aufzunehmen. Vorher hieß es, er kommt nachmittags, maximal drei Stunden. Dann kam er morgens um zehn und machte bis ein Uhr nachts weiter. Vier Tage lang.

JSW Er hat das Studio erstmal geschmückt, mit Blumen, Reis, Knoblauch. Die Papaya, die wir ihm geschenkt hatten, wurde nicht
gegessen, sondern dekoriert. An die Wand hat er mit Marker geschrieben: „Dodo is God.“ Tags darauf kam unser Schlagzeuger Dodo NKishi. Das waren so Momente, bei denen man kurz dachte: Moment mal, was geht hier vor? Aber es funktionierte.

Was hört man davon in der Musik?

JSW Wir haben in drei Räumen gleichzeitig aufgenommen, überall Mikros eingerichtet, quer durch Treppenhaus und Küche. Andrea Belfi an den Drums, Kresten Osgood an der Perkussion, Eric D. Clark an der Orgel. Und Lee mittendrin, der irgendetwas von einem unserer Synthie-Klänge aufgesaugt hat und sofort anfing, darüber zu singen, zu reden, zu assoziieren. Motorik trifft Dub trifft Dada trifft Voodoo – und das klingt auf dem
Album auch genau so. Reggae ist spürbar, aber nie das Ziel. Es ist eher so eine Art kollektive Trance mit Beats.

Das Album kling anders als klassische Reggae-Dub-Perry-Alben. War es das Ziel?

JSW Wir hatten keine fertigen Tracks. Es gab kein Konzept, dem er dienen sollte. Wir haben ihm im Vorgespräch nur gesagt: Wir würden gerne spatial arbeiten, mit Raumklang. Da meinte er nur: „Spatial? No problem.“ Das war es. Alles ist im Moment entstanden.

Hat man ihn eigentlich verstanden – auf sprachlicher Ebene?

AT Nicht wirklich. Aber das war okay, das hatten wir schon mit Mark E. Smith (Frontmann von The Fall, Anm. d. Red.), mit dem wir mal ein Album aufgenommen haben, den haben wir auch nicht richtig verstanden. Bei Lee gab es eine andere Basis: Man hat gespürt, dass man ähnlich auf Dinge schaut. Eine Freiheit, Sachen so zu tun, wie man sie liebt. Er war der Master of Ceremony und wir waren so eine Art Jünger.

Das Album erscheint fünf Jahre nach seinem Tod. Ist es sein Abschied?

AT Niemand hat gewusst, dass es sein letztes Album wird. Er nicht und wir auch nicht.

JSW Er wollte weitermachen. Immer wenn eine Session besonders war, sagte er: „Send me this.“ Wir haben ihm später noch Mixes geschickt, aber das war ihm fast egal – er dachte schon an den nächsten Schritt. Fertig wurde das Album erst Ende 2025. Da war er längst tot. Ich stelle mir manchmal vor, dass gerade in Jamaika parallel ein komplett anderes „Spatial, No Problem.“ gebaut wird, mit dem Material, das wir ihm geschickt haben.

Lee „Scratch“ Perry & Mouse On Mars Spatial, No Problem. (Domino), ET: 5.6.


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