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Digicams, 2000er-Nostalgie und unbekümmerte Tage

Im tip-Interview spricht die Musikerin und DJ Nalan über Digicams, 2000er-Nostalgie und unbekümmerte Tage
Text: Rosalie Ernst
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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Nalan. Foto: Sima Dehgani 

Vor vier Jahren demonstrierte Nalan mit ihrem Solo-Debüt „The Crying Tape“ ihre Liebe für Indie-Electro-Songs voll impulsiver Wendungen. Mit mehr Gitarren, aber ebenso vielen Sound-Clustern hat sich die Musikerin und DJ nun auf ihrer neuen Platte „2009“ in die Vergangenheit geträumt. Die Lieder entstanden in Istanbul, Berlin und München, ihrer Heimatstadt. In den ersten Frühlingsstrahlen sprechen wir mit Nalan über die 2000er-Nostalgie und wie sie klingt.

Wenn du singst „Everything was good in 2009“, was meinst du damit? Wie fühlt sich das Jahr in deiner Erinnerung an?

Das war eine sehr eigenständige, verrückte und naive Zeit. Ich habe Sachen gemacht, ohne drüber nachzudenken, was für Auswirkungen es haben könnte. Sei es die Art und Weise zu reisen oder mit Hotpants auf meinem Rennrad durch die Stadt zu düsen. Aktuell würde ich das nicht machen, weil ich keinen Bock auf Catcalling habe. Ich war auch sehr viel alleine auf Konzerten unterwegs. Einfach was Neues entdecken, was man nur für sich hat. Das war sehr befreiend.

Vielleicht war es ein bisschen freier, vor dem Boom von Smartphones?

Die 2000er waren zwar Pre-Smartphone, aber wir haben ja trotzdem alles dokumentiert. Ich habe mir mit dem zweiten Album Zeit gelassen, ganz lange gespielt und aufgelegt. Irgendwann ging’s dann mit dem Konzept los und ich bin meine alten Foto-CDs durchgegangen. Wir haben früher eigentlich durchgehend Fotos geschossen und die dann auf CDs gebrannt. Ich freue mich total darüber, dass wir das als Girl-Crew damals alles festgehalten haben. Es war eine sehr female-lastige, bierreiche, konzertreiche Zeit.

Glaubst du, es gibt gerade eine allgegenwärtige 2000er-Sehnsucht?

Es gibt so eine Überflutung von allem, die dann automatisch dazu führt, eine Anti-Bewegung zu starten. Also ich lese immer mehr davon, dass Leute zurück zu ihren MP3-Playern gehen. Und das Internet hatte damals so einen Community-Gedanken. Es war irgendwie nerdiger und persönlicher und nicht so kommerzialisiert und kapitalisiert.

Das Album entstand ja an mehreren Orten. Fühlt sich die Zeit und Nostalgie in Istanbul, Berlin und München unterschiedlich an?

Ich würde sagen, Istanbul spielt komplett in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Ich wurde stark davon beeinflusst, was in Istanbul politisch los war. Als Ekrem İmamoğlu, der Bürgermeister der Stadt, inhaftiert wurde, bin ich mit auf Demos gegangen. Und das hat direkt den Track „Down the Drain“ inspiriert. Und der Song „59:1“ ist komplett in der Vergangenheit (Anm. d. Red.: hier singt Nalan von dem ehemaligen Münchner Club 59:1). Und die Produktion, die ich hier in Berlin gemacht habe, ist wieder sehr gegenwärtig. Das kann man auch so trennen: die Zeitlichkeit der Produktion und das lyrische Konzept.

Stimmt, der Sound ist sehr zeitlos. Wie schafft man es, dass ein Album über Nostalgie so neu klingt?

Es bewegt sich einfach dadurch, dass ich ganz bewusst hier im Hier und Jetzt lebe. Natürlich mit dem Kopf von hier, aber den Erinnerungen von damals.

Interview: Rosalie Ernst

Nalan   2009 (Mansions and Millions)

Silent Green (Kuppelhalle)   Gerichtstr. 35, Wedding, Di 28.4., 20 Uhr, VVK 22 €, weitere Infos hier


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