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Meister der Stille: Paul Simon in der Uber Eats Music Hall

Mit seinen 84 Jahren kehrte der legendäre Songwriter noch einmal für ein großartiges Konzert zurück nach Berlin
Text: Jacek Slaski
Veröffentlicht am: 16.04.2026
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Paul Simon spielte am 15. April 2026 in der Uber Eats Music Hall in Berlin. Foto: Jake Edwards
Paul Simon spielte am 15. April 2026 in der Uber Eats Music Hall in Berlin. Foto: Jake Edwards © Foto: Jake Edwards

Drei Jahrzehnte lang gehörte er zu den prägendsten Songwritern seiner Generation: Vor einigen Jahren hat Paul Simon seinen Abschied von den Bühnen längst erklärt – und nun revidiert. Aktuell ist der 84-jährige New Yorker mit einer elfköpfigen Band und seiner Ehefrau, der Sängerin Edie Brickell, auf Europatour. Am 15. April stand er in der ausverkauften Uber Eats Music Hall und bewies, dass dieser Widerruf keine Konzession ans Publikum war, sondern ein künstlerischer Entschluss, der ihm noch einmal die Möglichkeit gab, sein Schaffen zu reflektieren. Zwei Sets spielten Simon und die Band, einen elegischen Songzyklus, und anschließend einige Hits und rare Live-Premieren. Am Ende des Abends stand er allein im Dunkel.

Kurz nach 20 Uhr betrat die Band in Fußballmannschaftstärke die mit überwältigend vielen Gerätschaften und Instrumenten ausstaffierte Bühne. Der Chef kam zum Schluss, Paul Simon, begrüßte artig die in weihevoller Stimmung versammelten Menschen und kündigte zwei Sets an: Das erste, 33 Minuten, sieben Songs ohne Pause und das zweite mit Hits und eher unbekannten Songs, die er schon immer mal spielen wollte. Man wusste also, woran man war. oder doch nicht?

Die Band spielte auf. Reduzierte Arrangements zwischen Folk und Blues, weitgehend akustisch dargeboten, ein klanglicher Minimalismus, der so gar nicht zu der opulenten Besetzung der vielköpfigen Band passen wollte. Diverse Perkussionsebenen, ein Vibraphon, Klavier, Schlagzeug, Gitarren, Cello, Geigen, Flöte, Glockenspiel und vieles mehr kamen zum Einsatz ohne auf Überwältigung zu setzen, Simons nur an den Rändern brüchige Stimme schälte die Worte heraus und ließ Raum für eine jahrzehntelange Zartheit.

Der ohne Unterbrechung gespielte Sieben-Song-Zyklus bestand aus neuen Kompositionen, erstmals im letzten Jahr gespielt, darunter Titel wie „The Lord“, „Love Is Like a Braid“ und „Your Forgiveness“. Vergebung und metaphorische Verweise, eine poetische Schwermut, die nicht fleht, eine Traurigkeit, die nicht in den Abgrund zieht. Simon erzählte von Jugend und Vergeblichkeit, von Sehnsucht und Wanderung, von Sinnsuche und Spiritualität. Ein Titel der Suite heißt „Sacred Harp“, benannt nach der Gesangstradition, die in den USA als der weiße Gospel gilt. Immerzu tauchen Motive von Flucht und Heimat auf, von Wurzeln und Wiederkehr, von Anrufung und Gnade.

Simon singt die letzte beiden Titel des ersten Sets im Duett mit Edie Brickell, der Frau mit der er seit vielen Jahren verheiratet ist. Nichts klingt hier nach den großen alten Zeiten, als er in den Sechzigern den Ton angab und hundert Millionen Platten verkaufte. Höchstens in den harmonischen Anschwellungen der Stimme funkelt das Echo längst vergangener Tage. Die Basis ist der britische Folk, hier und da Gospel und der Blues, durch den sich die dichten und doch bruchstückhaften Melodien hindurchweben. Es ist eine Feier der Stille – die Instrumente sind klar und präzise, ohne perfektionistischen Anspruch. Simon wird von Song zu Song sicherer, je tiefer er sich in den Sog seiner Lieder hineinbegibt; irgendwann vergisst man, dass da ein Mann inmitten einer großen Bühne sitzt, der seit sechs Jahrzehnten zum Publikum singt. Eine der letzten noch aktiven Ikonen jener Ära. Er bleibt der Fels in der Brandung, ein Singer of Songs, großer New Yorker Erzähler und Seismograph der Emotionen. Man könnte ihn im Gefüge seiner berühmten Weggefährten verorten, dann würde Simon irgendwo auf halbem Weg zwischen der Heiligkeit Leonard Cohens und Dylans konsequenter Sperrigkeit stehen.

Eigentlich wollte er nicht mehr auftreten – mit 80 hatte er seinen Abschied von den Bühnen der Welt verkündet. Genug geleistet hat er ja. Aber allein der erste Teil des Konzerts zeugte von der glücklichen Entscheidung, es sich noch einmal anders überlegt zu haben. Die Intimität, die feine Abstimmung der Songs, ihre beseelte Inspiration – all das fügte sich zu einer universellen Leistungsschau dessen, was ein Singer-Songwriter zu tun vermag. Ein Mann und eine Gitarre, im Prinzip ist die Formel simpel; wie daraus zeitlose Kunst werden kann, zeigte Simon mit dieser Handvoll neuer, den meisten im Raum vermutlich unbekannter Kompositionen. Dies alles also, noch bevor er auch nur einen einzigen seiner ungezählten Großhits gespielt hatte. Die kamen im zweiten Teil.

Nach kurzer Pause kehrt Paul Simon im Basecap, hellem Shirt und rotem Hemd zurück. Die Band swingt, der Sound wird elektrischer, die Steel Guitar sumpft sich auf dem Weg nach „Graceland“. Die Version des Titelstücks vom bahnbrechenden Erfolgsalbum aus dem jahre 1986 ist entspannt, geschmeidiger als das Original, vielleicht etwas elegischer, als hätte der Strom der Zeit die Ecken und Kanten abgeschliffen – doch der Song wirkt dadurch keineswegs konturlos, eher elegant wie ein Schmuckstück.

Simon hatte diese Musik in der dritten Hauptphase seiner Karriere erfunden: Nach den folkigen Erfolgen mit Art Garfunkel in den Sechzigern und den klassischen Songwriter-Soloplatten der Siebziger fusionierte er in den Achtzigern südafrikanische Rhythmen mit seiner New Yorker Smartness zu etwas, das zur Blaupause für den längst umstrittenen Begriff „Weltmusik“ wurde.

Ein Hitfeuerwerk sollte auch das zweite Set von Paul Simon nicht werden

Ein Hitfeuerwerk sollte auch das zweite Set nicht werden. Simon kündigte schon eingangs rare Songs an, die er bislang selten live gespielt hatte. Hohes Alter verleiht eine interessante künstlerische Freiheit – diese ungeschriebene Regel gilt auch für ihn. „Slip Slidin‘ Away“ folgt, ein Song aus der Garfunkel-Phase, aber bei weitem keiner, den man bei so einem Comeback-Konzert, das auch ein Abschied für immer sein könnte, erwartet hätte.

Die Musiker und eine Musikerin schaukeln und jammen, spielen virtuos auf den Punkt, wechseln die Sounds und Instrumente. Es ist ein klarer, zurückgenommener, kunstvoller, inspirierender Klang. Die Gitarren ziehen vorneweg, schleppend gehauchtes Schlagzeug und raschelnde Perkussion ziehen nach, ein Bass plätschert, etwas Orgel, gelegentlich die Klarinette, die Fidel fiedelt mit, Paul Simon singt. Wenn man es dürfte, ohne banal zu klingen, würde man sagen: Es ist schön. Schöne Musik. Schönheit ist aber vielleicht das Attribut, dem sich Paul Simon seit jeher verpflichtet fühlt. In seiner langen Karriere schuf er Schönheit, ohne in die Fallen des Kitschigen und Klebrigen zu tappen. Wer kann das schon? Nicht viele.

An einer Stelle spielt er Gitarrenminiaturen an, die er in den Sechzigern als Einleitung für seine Songs verwendet hatte. Wenige Sekunden, kleine Melodien, die sofort den gesamten Song abrufen, der zwischen Herz, Seele und Kopf gespeichert liegt. In Interviews verriet er, dass er immer zuerst die Melodie schreibt und dazu erst die Worte erfindet. Dann folgt „Homeward Bound“. I’m sitting at the railway station …

Später geht es noch weiter zurück. Mit 13 schrieb Simon einen Song über Johnny Ace, erzählt er, einen R&B-Sänger, der sich versehentlich Backstage erschossen hatte. Mehr als 70 Jahre später singt er davon auf einer Bühne in Berlin. Johnny Ace is dead. Dann erweiterte sich die Geschichte: Simon lässt seine Zeit in England Revue passieren, als er dort als Folksänger tingelte, er beschwört das Jahr 1964, das Jahr der Beatles und Stones, kurz nach Kennedys Tod –, um schließlich im Mord an John Lennon zu münden. Am Ende erscheinen die Fotos der drei Männer auf der ansonsten schwarzen Leinwand hinter der bunt ausgeleuchteten Band: Ace, Kennedy und Lennon.

Simon blickt zurück, ruft Erinnerungen ab, zeigt Fotos aus seinem Leben, erzählt von der Arbeit am „Graceland“-Album. Seine Frau, die Sängerin Edie Brickell, kommt auf die Bühne und singt „Under African Skies“, schon wieder eine eher ungewöhnliche Wahl, mit ihm im Duett. It’s a family affair. Ein retrospektives Reflektieren ohne schwermütige Nostalgie – Simon singt Songs, die ihm viel bedeuten, nicht die Greatest Hits, die man womöglich von ihm erwarten würde. Aber wer will schon „Bridge over Troubled Water“, wenn man „René and Georgette Magritte with Their Dog After the War“ hören kann? Der Titel erschien 1983 auf Simons eher weniger bekannten Album „Hearts and Bones“ und stammt wortwörtlich aus einem Kunstband mit Magrittes Werken, in dem ein Foto ebenjener Szene abgedruckt war, René und Georgette Magritte mit ihrem Hund nach dem Krieg; auch dieses Foto erschien auf der Leinwand.

Zu späterer Stunde spielte Simon immerhin „50 Ways to Leave Your Lover“, verwies auf den legendären Drummer Steve Gadd, der schon für Eric Clapton, Frank Sinatra und Paul McCartney trommelte und mit dem er 1975 sein Erfolgsalbum „Still Crazy After All These Years“ einspielte. So sang er seinen schwungvollen Abgesang auf in die Sackgasse geratene Beziehungen, die Hymne der Singles und der gebrochenen Herzen, und 50 Jahre später sitzt Steve Gadd immer noch hinter Simon und gibt den Takt vor.

Paul Simon spielt „The Boxer“, und die ganze Uber Eats Music Hall singt mit

„Me and Julio Down by the Schoolyard“ kam als letzter Song des regulären Sets. Beim Schlussapplaus steht das Publikum. Etwa zwei Stunden hat Simon gespielt – nicht abgespult, nicht abgeliefert, sondern auf sich selbst gehört und genau das getan, was ihm richtig vorkam. Die Rechnung ist aufgegangen. Er hat die Schönheit seines Werks noch einmal zu einer ausgewogenen und überraschenden, ungewöhnlichen und am Ende schlüssigen Setlist destilliert. Als Zugabe gab es „Something so Right“ vom sehr schönen 1973er-Album „There Goes Rhymin‘ Simon“ – und endlich mal einen Song für alle. Bei „The Boxer“ sang die ganze Halle mit. Lie la lie, lie la lie la lie la lie
Lie la lie, lie la lie la lie la lie, la la lie la lie.

Es war ein schöner Abend, und weil es am Ende noch schöner werden sollte, blieb Paul Simon, nachdem seine Band sich endgültig verabschiedet hatte, allein auf der Bühne zurück und spielte in fast völliger Dunkelheit seinen wohl größten Song: „The Sound of Silence“. Draußen auf dem Vorplatz spielte ein Straßenmusiker die berühmten Akkorde dieses großen Songs für die Heimkehrenden weiter in der dunklen Berliner Nacht.


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