ABO
MusikTipPlus Logo

Schöne Überforderung: Das Pop-Kultur Festival traut sich was

Pop ohne Grenzen: ­Sieben Tage lang taucht das Pop-­Kultur Festival tief in die Kreativität der Stadt ein. Mit progressiven Konzepten, experimentellen Acts und unabhängigen Locations ist es eine Seltenheit im harten Musikgeschäft
Text: Lennart Koch
Veröffentlicht am: 11.08.2026
Home » Kultur » Musik » Schöne Überforderung: Das Pop-Kultur Festival traut sich was
Beim Pop-Kultur-Festival 2026 mit dabei: Die aus Neu-Delhi stammende Klangkünstlerin Sijya erforscht die Vielseitigkeit der menschlichen Stimme © Promo

Wo fängt die Bühne an, wo endet sie – und was ist alles auf ihr möglich? Mit dieser Frage setzt sich das Pop-Kultur Festival seit der ersten Ausgabe 2015 intensiv auseinander. Während sich konventionelle Musikveranstaltungen dieser Größenordnung zwischen Campingplatz und Open-Air-Bühne abspielen, taucht die innovative Musikveranstaltung tief in die Kreativität der Stadt ein. In allen Facetten soll erforscht werden, wie Kunst entsteht, verbreitet und gelebt wird. Sieben Tage nimmt sich das Event dafür Zeit. Mit Live-Shows, DJ-Sets, avantgardistischen Musikformaten, Talks, Workshops und Networking in drei individuellen Haupt-Locations und diversen Nebenaustragungsorten versteht es sich als Plattform für Ideen, Experimente und Begegnungen. Das Silent Green Kulturquartier, der Festsaal Kreuzberg und die Kulturbrauerei sind so vielfältig wie das Programm.

Völlige Gestaltungsfreiheit

Vieles ist anders beim Pop-Kultur Festival. Das zeigt sich vor allem in den Commissioned Works. Auch hier stellen sich die Veranstalter eine Frage: „Was passiert, wenn man Künstler:innen völlige Gestaltungsfreiheit gibt?“ Die Antwort liefern exklusiv für diesen Anlass geschaffene Auftragsarbeiten. Es geht um den völlig freien Ausdruck, jenseits wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Eine Seltenheit im harten Musikgeschäft, in dem die meisten Artists nur noch überleben können, wenn sie täglich ein Reel hochladen. Permanent werden Konzerte abgesagt, weil nicht genug Tickets verkauft werden oder die Kosten zu hoch sind. Große Touren und ambitionierte Bühnenprojekte können sich nur noch die wenigsten leisten.

Sport, Pop und Kunst

Bei den Commissioned Works wird diese Realität zumindest für ein paar Tage ausgesetzt. Die französische Sängerin Eva Bottega löst sich hierfür zum Beispiel von ihrer Band Ménades und erschafft eine Performance aus Leere, Wut, Melancholie und einer mystischen Form von Harmonie. Mit eigens dafür kreierten Stimmschichtungen, Choreografien, Licht-Designs, Kostümen und der Kulisse eines kargen Schlafzimmers, durch das sich eine geisterhafte, hybride Figur bewegt, zeigt sich in „CANTATA“, was alles möglich ist, wenn Gewinn keine Rolle spielt.

Das Pop-Kultur Festival ist ein Zusammenkommen

In ihrer Commissioned Work „Equinox“ schafft Eddna immersive Bild- und Klangräume an der Schnittstelle von Kinoerfahrung und Konzertformat
In ihrer Commissioned Work „Equinox“ schafft Eddna immersive Bild- und Klangräume an der Schnittstelle von Kinoerfahrung und Konzertformat © Sophia Fischer

Auch das Konzept des Zusammenkommens wird hierbei deutlich. So ist die Pariser Balletttänzerin und Choreografin Héloïse Jocqueviel an der Arbeit beteiligt. Neun exklusive Commissioned Works gibt es beim diesjährigen Pop-Kultur Festival. Ein besonders Highlight von ihnen ist die audiovisuelle Aufführung „A Body Like a Home“ der peruanischen Künstlerin und Musikerin Alejandra Cárdenas (aka Ale Hop). In ihrem prägnanten Bühnenbild entfalten sich Räume aus Spoken Word, Field Recordings, geisterhaften Violinen, Gitarrentexturen, Grooves und elektronischen Klängen.

Dass Popkultur nicht nur in Konzerthallen, Clubs und Studios stattfindet, zeigt das Basketball-Projekt „Full Court Femme“. Richtig gehört, auf dem Gelände der Kulturbrauerei wird ein kostenlos zugänglicher Sportplatz errichtet. Hier verschmelzen Sport, Pop und Kunst, wobei FLINTA*-Perspektiven konsequent im Mittelpunkt stehen. Im Erzählcafé „Basketball ist Jazz“ unterhalten sich ALBA-Berlin-Vizepräsident Henning Harnisch, Olympiasiegerin Svenja Brunckhorst, die ehemalige Nationalspielerin und Basketball-Kommentatorin Dr. Ireti Amojo und die Filmemacherin Tsellot Melesse über Improvisation. In der Lecture „Female Fandom“ geht es um weibliche Fankulturen. Pop zieht sich durch alle Aspekte des Lebens, das Festival lehrt das immer wieder aufs Neue!

Alte Bekannte beim Pop-Kultur Festival 2026

Money Badoo
Die südafrikanische Trap-Queen Money Badoo spielt beim Pop-Kultur Festival 2026 © Promo

Vom Sportplatz geht es in den Pierre Boulez Saal. In dem ellipsenförmigen, von Frank Gehry entworfenen Raum verbinden sich Klang und Architektur auf einzigartige Weise. Im Jahr 2026 finden hier erstmalig Konzerte im Pop-Kultur-Rahmen statt. Die georgische Musikerin Anushka Chkheidze trat bereits 2022 beim Festival auf, damals innerhalb des Goethe-Talents-Nachwuchs-Programms – und kam so mit ihrer jetzigen Agentur zusammen. Eine der vielen Erfolgsgeschichten, die diese Veranstaltung möglich macht. Weitere spannende Partnerorte sind das Neue Haus des Berliner Ensembles und gleich drei Kulissen, die frischen Wind in den Wedding bringen. Da wäre die migas listening bar, das Sinema Transtopia und das neue Kino Arsenal, in dem die Berliner Künstlerin Elena Herrmann, alias Eddna, mit ihrer Commissioned Work „Equinox“ immersive Bild- und Klangräume an der Schnittstelle von Kinoerfahrung und Konzertformat schafft.

Bei all den Schauplätzen, Projekten, Talks, Basketbällen und Commissioned Works kann man schon mal den Überblick verlieren. Die Events reichen von ruhig und intim bis zu laut und voll. In der Kulturbrauerei spielen internationale Stars, Berliner Lieblingsbands und spannende Newcomer „ganz normale“ Konzerte. Naja, was heißt das schon? Man könnte sagen: klassischere Shows mit Setlist, einem tanzenden Publikum und ohne Interviews und aufwendige Kulissen. Auch gut! Es lohnt sich das Programm genau zu studieren. So viel sei verraten: Genrebegrenzung gibt es auf dem Pop-Kultur Festival nicht. So kann man sich auf die trommelnde Berliner Indie-Ikone Chris Imler, die unheimlich stylische Kölner Punkband Grenzkontrolle, die Münchener Indie-Durchstarterin Nalan, die experimentierfreudigen oberbayerischen Dauerbrenner The Notwist, die Hamburger Avant-Popperin Sophia Kennedy, die südafrikanische Trap-Queen Money Badoo und die aus Neu-Delhi stammende Klangkünstlerin Sijya freuen. Um nur einige der vielen spannenden Acts zu nennen.

Auch in den Talks trifft man auf viele bekannte Gesichter: Auf den Autor und Musiker Hendrik Bolz („Nullerjahre“, Zugezogen Maskulin) zum Beispiel, der in seiner Gesprächsreihe „Aus Ruinen“ Menschen zu Wort kommen lässt, die im Osten leben und arbeiten. Im Rahmen des Pop-Kultur Festivals trifft er auf den Indie-Star Betterov, der in einem Dorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenze in Thüringen aufgewachsen ist. In seinen Songs verhandelt er generationsübergreifende Traumata der Teilung und Flucht. Wenn die beiden Chronisten aufeinander treffen, geht es um ostdeutsche Realitäten jenseits von Klischees und um die Möglichkeiten, persönliche Erinnerungen in Kunst zu verwandeln.

Sieben Tage Pop-Kultur Festival

Die Highlights dieses besonderen Events aufzuschreiben, ist genau so überfordernd, wie sich einen persönlichen Plan zu überlegen, was man alles sehen will. So kennt man das ja eh aus Berlin, es ist immer so viel los, dass man sich eigentlich zerteilen müsste. Das Schöne daran: Wo man auch hinstolpert, wird es gut sein. Vielleicht sogar inspirierend, bahnbrechend, weltverändernd, revolutionär? Oder zumindest ganz interessant. Überforderung kann richtig Spaß machen, vor allem, wenn es die volle Breitseite an Pop-Kultur ohne Grenzen ist, die einem um die Ohren fliegt.

Pop-Kultur Festival Verschiedene Orte, Mo 24.8.–So 30.8., für die einzelnen Veranstaltungen gibt es unterschiedliche Ticketkategorien: weitere Infos und Tickets hier



Mehr zum Thema

Immer gut informiert zu Konzerten seid ihr in unserer Musik-Rubrik. Und hier ist das volle Programm mit Konzerten in Berlin. Gute Zeiten: Die wichtigsten Konzerte des Jahres 2026 in Berlin findet ihr hier. Zwischen Wald und Seen: Das ist unser großer Festival-Guide. Regelmäßig neu: tipBerlin Newsletter – hier anmelden. Mehr Texte und Tipps findet ihr in unserer Klassik-Rubrik. Von Bühne über Musik und Kunst bis Literatur: Besucht unsere Kultur-Seite.

Das könnte dich auch interessieren