Schlaf und Krach: Nachbericht zu 30 Stunden The Infinite Now

Als aus Joy Guidrys Fagott die ersten Töne erklingen, wirkt das Kraftwerk Berlin mit seinen überdimensionalen Proportionen, den Betonsäulen, den vielen unbeleuchteten Ecken und den Galerien wie eine brutalistische Kathedrale. Guidry steht allein auf der Bühne, das Fagott in der Hand, einen Laptop auf dem Tisch vor ihr. Die ätherischen Klänge des Holzbläsers mischt sie mit schweren Bassläufen. Warme Scheinwerferstrahlen beleuchten wirbelnd die Szene, gleiten über Mensch und Raum, erzittern im dröhnenden Takt. Die Stimmung ist andächtig – die Menge wiegt sich langsam vor der Bühne, andere liegen mit geschlossenen Augen auf den herumstehenden Feldbetten.
Das 30-Stunden-Festival The Infinite Now feiert die Vielfalt der Klänge. Auf drei Etagen kann man schlafen, essen, Konzerte sehen, zuhören, tanzen, träumen. Das Konzept stammt von den renommierten Festivals Atonal, einer Berliner Institution, und dem Krakauer Gegenpart Unsound. Die Architektur schafft zusammen mit den Ruhemöglichkeiten eine Art Labyrinth, das das Publikum im ganzen Raum verteilt. Kleine Lämpchen in Papiertüten liegen auf den Betten und tauchen die ansonsten düstere Atmosphäre punktuell in warmes Licht. Decken und Kissen sind über die Schlafplätze verstreut – manche haben ihren eigenen Schlafsack mitgebracht.
Schreitheraphie mit Joy Guidry

Plötzlich mischen sich Stimmen unter die sanften Töne. Man taucht nur langsam aus dem plätschernden Bewusstseinsstrom, den Guidrys Musik hervorbrachte. Sie spricht mit dem Publikum, animiert tief einzuatmen und anschließend zu schreien. Einfach alles mal raus, am besten richtig laut. Hundert Schreie hallen durchs Kraftwerk und übertönen die Musik. Es hat etwas Kathartisches. Joy Guidry möchte mit ihrer Musik Geschichten erzählen. Es geht um das innere Kind, Vorfahren und Wegbereiter:innen. Die Texanerin gründete kürzlich ihr eigenes Record Label, Jaid Records, das unter anderem ihr aktuelles Album Five Prayers veröffentlichte.
Während der stetig aufeinanderfolgenden Auftritten kann man durch das Gebäude wandern, Klang-, Video- und Kunstinstallationen betrachten. Im Erdgeschoss ist es meist leer, abgesehen von einigen großen Kissen, die zum Entspannen auf dem Boden liegen. Begibt man sich tiefer in die Halle, steht man vor einer riesigen, schräg an die Decke montierten Leinwand, die ununterbrochen Film- und Videomaterial von über 30 Filmemacher:innen zeigt. Darunter liegt eine ebenso große Matratze, die zum Schlafen, Knutschen und Zuschauen benutzt wird. Diese beiden Komponenten bilden das Seeing Field, eine von Felice Moramarco kuratierte Installation. Ebenfalls im Erdgeschoss ist ein Projekt von Mixed-Media-Künstler Brennan Wojtyla aufgebaut. In einer durchsichtigen Box steht ein Tisch, der an ein Großraumbüro erinnert. Zwei Reihen à fünf PCs stehen sich gegenüber. Daran sitzen Gäste des Festivals und zocken Ballerspiele im digital nachgebauten Kraftwerk.
Marginal Consort

Ein weiteres Highlight von The Infinite Now ist der Auftritt von Marginal Consort. Vier betagte japanische Herren, die an im Erdgeschoss verteilten Tischen zu Werke gehen und zeigen, wozu Klangkunst in ihren besten Momenten fähig ist. Die in den 1970ern von Schülern des Avantgardisten Takehisa Kosugi gegründete frei improvisierende Gruppe ist selten, seit 1997 spielen sie jedes Jahr exakt nur ein Konzert.
Geräusche von Bambusrechen, Gongs, japanischen Geigen, selbstgebauten Apparaturen, die an dünnen Metallblechen vibrieren, verweben sie mit Wassersprudeln, Flöten, Trommeln. Alle Klänge, die das Quartett an ihren Arbeitstischen erarbeitet, entstehen live und in analoger Handarbeit vor Ort. Die Tische quellen über vor Material zur Geräuschproduktion: Metallfedern, ein Glas voll Murmeln, das Wasserbecken mit einem kleinen Schlauch, ein riesiger selbstgebastelter Papiertrichter, zwischen Stöcken gespannte Gummibänder, eine Art winziger Roboter, dessen Beine sich drehen. Es entsteht ein Tonfluss, mal höher mal tiefer laufend, alles andere als monoton, aber doch so gleichförmig, dass sich das Kraftwerk in einen riesigen Desensibilisierungstank verwandelt. Die Kissen im Erdgeschoss sind nun vollbesetzt, Menschen liegen und sitzen wie in Trance im Raum verteilt, viele mit den Augen geschlossen. Andere laufen herum, beäugen die Handgriffe der vier Männer ganz genau.
Im Kraftwerk herrscht beständiger Zu- und Abstrom. Auf der zweiten Etage ist zur Verpflegung ein kleines Bistro entstanden. Mehrere kleine Stände verkaufen frisches Essen. Auch die Bar und der Kaffee-Ausschank sind hier. Bei schummrigem Licht sitzen Menschen an kleinen Tischchen. Außerdem ist da noch der Projektionsraum, den ich betrete, während das Close-up eines Frauengesichts im Matsch die Leinwand einnimmt. Kurz darauf folgt dann eine Kuh im Pavillon. Auf der Leinwand erscheint The Feral (Epoch 1), ein kollektives Kunstwerk, das nach Planung der Mitwirkenden 1000 Jahre und 32 Generationen überspannen soll. The Infinite Now präsentiert die erste Phase dieser Arbeit.
Keiji Haino an der E-Gitarre

Zurück auf die Hauptbühne. Lange, weiße Haare strömen an seinem Körper hinab, die Augen von einer Sonnenbrille verborgen. So steht Keiji Haino auf der Bühne, eine rote E-Gitarre in der Hand. Ohrstöpsel sind hier Pflicht. Der japanische Musiker ist eine Legende des Noise. Bei jeder Berührung der Saiten ertönt ein elektrisches Dröhnen. Komposition aus Lärm. Das Gehirn hat Mühe, das Geschehen auf der Bühne mit den erzeugten Geräuschen in Verbindung zu bringen. Aus einer der Hängematten lässt sich die Krachwand auch erleben. Hainos Lärm dröhnt und macht es schwer, irgendetwas anderes wahrzunehmen, eine Tatsache, die auf kuriose Weise entspannend wirkt.