Leute, gebt den Vorbands eine Chance!

Das Beste am Konzert sind die Stunden davor. Die Vorfreude, die aufkommt, wenn man endlich das Ticket aus der Schublade gekramt hat, das schon seit Monaten darauf wartet, gescannt zu werden (oder die E-Mail endlich wieder im Posteingang entdeckt hat). Die Verabredung zum Vorglühen, die Gleichgesinnten in Slayer-Shirts, die übervolle Party-S-Bahn, die Lieblingssongs auf den Kopfhörern auf dem Weg ins Stadion, die hoffentlich heute gespielt werden, der bedruckte Plastikbecher in der Sonne.
Rocken wie im Ostsee-Kurort
Das Schlimmste am Konzert ist der Moment direkt davor. Man steht schon seit zwei Stunden vor der Open-Air-Bühne, der Typ nebenan bekleckert sich mit Bratwurstsenf, die Vorband spielt einen Mix aus Balkan-Beats und Kuschelrock, der Schweiß läuft, und niemand weiß, wann der Haupt-Act endlich anfängt.
In diesem Jahr sieht es anders aus, zumindest bei den Giga-Shows im Olympiastadion.
Eigentlich müsste man sie als Festivals bezeichnen, denn Metallica, die Foo Fighters, System of a Down und Die Toten Hosen haben ihre Lieblingsbands eingeladen. Man kann es kaum glauben, wer da auf der Bühne performt, während die meisten Fans noch am Merchandise-Stand abhängen oder am Grill anstehen. Bei Metallica prügelt die Grammy-ausgezeichnete Metalcore-Band Knocked Loose um ihr Leben, obwohl niemand zuhört. Gojira, auf die bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris die halbe Welt schaute, finden im Vorabendprogramm viel zu wenig Beachtung. Die Foo Fighters haben die Idles aus Bristol mitgebracht. Die Post-Punk-Band zerlegt sonst jeden Club, auf den Stadionrängen wird höchstens mitgewippt. Bei dem ausverkauften Konzert von System of a Down wird das Vorgruppen-Spektakel auf ein neues Level gehoben. Der Abend im Westend versammelt Hochkaräter wie beim Lollapalooza, nur mit mehr runtergestimmten Fuzz-Gitarren. Um 17.30 treten die Sludge-Helden von Acid Bath an, vereinzelt headbangen Leute, ansonsten wird geplaudert. Wie bei einer Coverband im Ostsee-Kurort, nicht wie bei einem Rock-Spektakel in der Hauptstadt.
Auf Festivals tanzt man ja auch bei 30 Grad in der Mittagssonne
Während Feierabend-Metaller noch im Feierabendstau feststecken, traut sich mit den Queens of the Stone Age eine der besten Live-Bands unserer Zeit in die Manege. Die Leute, die da sind, hadern gerade noch mit sich, ob man zu müde wird, wenn man jetzt schon ein Bier trinkt. Power-Performer Josh Homme gönnt sich einen Tequila und nimmt die ungewohnte Situation mit Humor. Beim Über-Song „A Song for the Death“ springen dann doch die ersten Mittdreißiger im Moshpit gegeneinander. Na immerhin!
Warum tun sich die Hochkaräter das an? Klar, zu einer Show in einem ausverkauften Stadion sagt man nicht nein, und Bands, die ein solches Stadion vollkriegen, begleitet man halt gerne. Ehrensache. Vielleicht sollten die Veranstalter das Ganze aber anders aufziehen, um die Fans von ihren Dosenbier-Paletten auf dem Parkplatz wegzulocken, um richtig gute Vor-Acts zu erleben. Auf Festivals tanzt man ja auch bei 30 Grad in der Mittagssonne. Ohne Angst vor Verlusten. Einstellungssache, oder?
Dieses Vorband-Hauptband-Zeugs kann eh niemand mehr hören. Zur Erinnerung: Jimi Hendrix eröffnete in den 1960ern als damals noch unbekannter Gitarrist für The Monkees, das Publikum war so geflasht von dieser psychedelischen Offenbarung, dass niemand mehr Bock auf die eigentlichen Stars des Abends hatte. 1981 buhten olle Rolling-Stones-Fans Prince – ja, genau, the one and only Prince – von der Bühne. Und 1985 crashten die Beastie Boys ein Madonna-Konzert mit „You Gotta Fight For Your Right To Party“. Wer dabei war, wird heute behaupten: „Ja, ich wusste damals schon, die werden mal ganz groß, die waren auch viel besser“. Dass man eigentlich noch in der Kneipe gegenüber von der Halle gesessen hatte und auf den letzten Drücker durch die Schlange stolperte, muss man ja nicht erzählen.
Veranstalter, richtet eine Happy-Hour ein!
Also was lernt man daraus? Gebt den Vorbands eine Chance, auch wenn das Vorglühen verlockender scheinen mag. Und für die Veranstalter? Schreibt doch einfach aufs Poster: „Die große Nacht der Fuzz-Gitarren“, oder „Metal pur mit drei Mega-Bands“ – und am wichtigsten: Richtet eine Happy-Hour ein, für treue Musikfans, die sich schon um 17.30 Uhr ins Stadion stellen!
Übrigens: Am 11. Juli spielen Die Toten Hosen im Olympiastadion. Begleitet werden sie von den New Wave-Ikonen The Stranglers („Golden Brown“ ist einer der besten Songs aller Zeiten) und den Beatsteaks, der nettesten Punkrock-Band Berlins, die vielleicht sogar selber das Olympiastadion vollmachen könnten. Oder doch lieber die Alte Försterei? Was haltet ihr davon? Am Samstag geht ihr nicht zu den Hosen, sondern zu einem Punk-Festival mit drei Lieblingsbands. Was will man mehr?