Kultur

Mutter ohne Vollkasko

Eva Apraku

Man nehme: einen einträglichen Job – und trotzdem ausreichend Zeit für Privatleben. Wichtig ist auch eine langjährige, liebevolle Partnerschaft. Dass auf eine gesunde Lebensweise zu achten ist, versteht sich von selbst. Und die Wohnverhältnisse sollten stimmen: gerne ein Häuschen im Grünen mit nahe gelegener Kita und Schule.
Bevor die Menschen hierzulande Kinder kriegen, wird ihnen anempfohlen, ihre Lebenssituation zu prüfen: Alles klar für eine perfekte Zukunft? Viele müssen abwinken: Nein. Und verzichten lieber auf Kinder.
Annegret R., eine Berlinerin, die mit 65 nun noch einmal schwanger ist, ging das Thema Kinderkriegen stets anders an. Als sie mit Anfang 20 ihr erstes Kind bekam, hatte die spätere Lehrerin ihr Studium wohl kaum abgeschlossen. Trotzdem hatte sie den Mut, sich nicht nur auf dieses erste, sondern auf zwölf weitere leibliche Kinder einzulassen. Als Alleinerziehende, wohlgemerkt.
Ob Annegret R. ihren Kindern eine perfekte Mutter war? Wer ist das schon? Ihre 13 Kinder, die schon mal im Fernsehen zu sehen waren, wirkten jedenfalls ziemlich okay. Kompetenz in Sachen Kinderkriegen und -aufziehen kann man Frau R. nicht absprechen. Trotzdem wird die Schwangere derzeit mit einem Kübel von Hass überschüttet: Was fällt ihr ein? Mit 65? Und dann auch noch Vierlinge!
Mal abgesehen davon, dass die Vierlinge so nicht geplant waren, sondern im Rahmen einer künstlichen Befruchtung der Hoffnung geschuldet sind, dass sich überhaupt ein befruchtetes Ei einnistet, sagt die Kritik an Frau R.s Schwangerschaft mehr über die Kritiker aus als über die Kritisierte. Man nimmt Annegret R. übel, dass sie – auch ohne Vollkasko-Absicherung – Leben schenken will. Und vergisst, dass im Leben – außer dem Tod, der früher oder später eintritt – sowieso nichts sicher ist: Trennungen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Unfälle sorgen auch bei Jüngeren dafür, dass alle Planungen schon mal für die Katz sind. Warum also nicht etwas riskieren für die Dinge, die einem wichtig sind? Annegret R. riskiert viel – ihre Entscheidung. Ob das egoistisch ist? Na klar! Das ist die Natur des Fortpflanzungstriebes – schon vergessen? Und was ist mit den „armen“ Kindern? Bei 3,5 Millionen Berlinern – viele ungewollt kinderlos – sollte es eigentlich kein Problem sein, helfende Hände zu finden, sollte Unterstützung mal nottun.

Text: Eva Apraku

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