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Nach dem Terror von Paris

Erik Heier

Dieses Heft fertigzustellen ist uns so schwergefallen wie kaum eines in letzter Zeit. Wie soll das auch gehen? Da sitzt man an seinem Schreibtisch, an einem Interview zum Beispiel, an dem der Leser Spaß haben soll, der Autor idealerweise auch, es geht auf den Redaktionsschluss zu. Und plötzlich hört man diese schrecklichen Nachrichten aus Paris. Die ganz offensichtlich islamistisch motivierten Terroranschläge: auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, dann auf den jüdischen Supermarkt. Das Unfass­bare inmitten einer Hauptstadt in Europa, wie Berlin eine ist. #JeSuisCharlie. Ich bin Charlie. Der Hashtag ging um die Welt, millionenfach. Als Zeichen der Solidarität, der Trauer, des Zorns. Und eben auch der Fassungslosigkeit über diesen Anschlag einer Art, wie man ihn seit Langem befürchten musste, es ist ja nicht der erste. Aber wenn es passiert, ist es eben immer noch kaum zu ertragen. Kaum zu ertragen ist dann aber auch, wie sich so manche Leute, mit denen man niemals einer Meinung sein möchte, allzu geschwind dieses Thema, diesen Hashtag mit zu eigen machten. Wie die geistigen Grobmotoriker von Pegida, AfD oder NPD, denen ihr islamfeindliches Süppchen, das sie sich aus der Tragödie zu kochen versuchen, den Rachen verbrennen möge. Nur kann man sich fragen, wie sinnfällig es ist, sich nach den Anschlägen reflexartig als allererstes um ein Erstarken der Pegida zu sorgen. ?So begann der Aufruf der sechs Berliner Abgeordnetenhaus-Parteien – Titel: „Dem Hass keine Chance – die offene Gesellschaft verteidigen“ – nicht etwa mit der Bedrohung dieser Gesellschaft durch Terroristen. Sondern mit einem Aufruf, gegen die Pegida-Anhänger zu protestieren. Natürlich ist es einfacher, die offene Gesellschaft gegen Demonstranten mit eher schlichtem Gemüt zu verteidigen (wobei auch Schlichtdenker in der Demokratie das Recht auf Meinungsäußerung haben) als gegen zu allem bereite Radikale – die islamischen Glaubens sein können, es aber nicht sein müssen. Die, wie die Mörder von Paris, hier geboren sind, sich hier radikalisieren. Der muslimische Psychologe Ahmad Mansour sagte neulich, der Salafismus gelte unter manchen Berliner Jugendlichen inzwischen als „Pop-Dschi­had“. Diese Tendenz sollte uns jetzt Sorgen machen, zuallererst.

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