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Nachbarschafts-Apps

Nachbarschafts-Apps

Bei mir ums Eck gab es früher einen Spielplatz. Dann wurde das Gelände von einem Investor gekauft. Bis der sich mit dem Bezirk über eine mögliche Bebauung einigen kann, liegt alles brach, Obdachlose lungern rum, besoffene Jugendliche pöbeln Passanten an, Anwohner lassen ihre Hunde draufkacken. Seit einer Weile habe ich das Gefühl, dass man dieses Gelände besser nutzen könnte. Mit einem Kiezgrillen zum Beispiel. Und weil ich vor einer Weile ein paar Flyer vom Nachbarschafts-Netzwerk Wirnachbarn.com im Briefkasten hatte, lade ich einfach mal die Nachbarn ein – ganz im Web 2.0.
Ein „Facebook für die Nachbarschaft“ soll Wirnachbarn.com sein, so stellt es sich Philipp Götting, einer der Köpfe hinter dem Projekt, jedenfalls vor. „Wir beobachten eine starke Rückbesinnung auf das Lokale“, glaubt er. Man kaufe wieder beim Gemüsehändler aus der Region, und man unterstütze den Bäcker von nebenan.
Hyperlokalität heißt der Trend. „Die Hemmschwelle ist geringer“, sagt Götting. „Über 50 Prozent aller Menschen in Deutschland besitzen bereits Smartphones, und die meisten haben irgendwie schon mal Erfahrungen mit einem Social Network gemacht.“
Tatsächlich: Das Anmelde-Prozedere bei Wirnachbarn.com dürfte jedem, der schon mal ein Social Network gesehen hat, zunächst vertraut vorkommen: Profilbild hochladen, Steckbrief ausfüllen. Und schon werde ich einer Nachbarschaft – einer Fläche von etwa 500 Quadratmetern – auf der Stadtkarte zugeordnet und kann auch mit angrenzenden Kiezen kommunizieren. Neu ist, dass ich mich mit der Nummer meines Personalausweises verifizieren muss. „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal, mit dem wir Vertrauen schaffen“, erklärt Götting. Anonyme Stalker sollen bei Wirnachbarn.com außen vor bleiben.
Dieses rigide Anmeldeprozedere unterscheidet Wirnachbarn.com von anderen Nachbarschaftsnetzwerken. Auf dem iPhone buhlt Nachbarschaft.net um User, auf Android möchte sich die App Swapi ausbreiten. Genau wie bei Wirnachbarn.com gibt es dort Profile und eine Pinnwand. Man kann Events anlegen oder Nachbarn direkt eine Nachricht zukommen lassen. Aber um überhaupt mal auf einen aktiven User zu treffen, muss ich mich hier von Neukölln bis nach Schöneberg oder Mitte klicken.
Ich entscheide mich also für Wirnachbarn.com, um das Event „Nachbarschaftsgrillen“ anzulegen. In meinem Kiez gibt es fünf registrierte Personen. Die fünf aktuellsten Postings sind auch schon über zwei Monate alt. Nun ja.
In den USA funktioniert das Prinzip bereits sehr viel besser. Das große Vorbild heißt Nextdoor. Über 50.000 Nachbarschaften haben sich in diesem Portal bereits vernetzt. Stadtverwaltungen nutzen es, um mit Bürgern zu kommunizieren, die Polizei findet online Hinweise auf Fluchtspuren von Einbrechern.
Ob das Konzept der Nachbarschaft 2.0 auch in Deutschland aufgeht? Weitere App-Anbieter beschränken ihr Angebot auf einige wenige Kernfunktionen. Die Macher von Z’app beispielsweise wollen die digitale Zettelwand sein, die man vorher in manchen Hausfluren gefunden hat. Nachbarn, die etwas verkaufen oder verschenken wollen, pinnen ihre Anzeigen auf eine virtuelle Karte. Es finden sich gebrauchte Autoreifen, Fahrräder und sogar Katzenbabys. Allerdings sind die meisten Einträge aus der Datenbank von „Zweite Hand“ importiert.
DoMeAFavour, eine App von AS Berlin Applications, fasst den Begriff der Nachbarschaftshilfe etwas weiter: Nachbarn können hier Gefälligkeiten und Fragen aller Art posten und bei erfolgreicher Hilfe Karma-Punkte sammeln. So will eine junge Dame wissen, wo sie beim Rathaus Neukölln „lecker Thai“ essen kann. Ich antworte auf ihren Post – und hinterlasse noch schnell ein Gesuch nach einem großen Grill. Mein Kiezgrillen rückt näher.
Je größer die Stadt, so scheint es, desto höher die Hürde, den eigenen Nachbarn einfach so anzusprechen. Abhilfe kann eine eigenständige App schaffen, muss aber nicht. Bei Facebook hat gefühlt jeder zweite Berliner Kiez seine Gruppe, die sich mehr oder weniger rege austauscht: „We love Neukölln“ (2.544 Mitglieder), „Weddingweiser Pinnwand“ (3.832 Mitglieder), „Zehlendorf Süd – ein Leben lang“ (651 Mitglieder). Und Initiativen wie Aufhalber­treppe.de oder Polly&Bob nutzen das Internet, um Nachbarn zusammenzubringen, damit diese sich anschließend dann in ganz greifbaren analogen Projekten kennenlernen: Treppenhauskaffee, Wohnzimmerkonzerte, Hinterhof-Flohmärkte. Das Friedrichshainer Netzwerk Polly&Bob hat angekündigt, bald ebenfalls mit einem Social Network im Internet zu starten. Man kann sich schon jetzt vorab online registrieren. Postleitzahlen in Friedrichshain haben teilweise mehrere Hundert Vorab-Anmeldungen.
Mein Grillwochenende ist dagegen keine Sternstunde für die Nachbarschaft 2.0. Zum angekündigten Zeitpunkt sitze ich einsam auf der unwirklichen Spielplatzbrache herum. Einen größeren Grill bringt niemand vorbei.
Irgendwann winkt mir der Nachbar, der immer meine Pakete annimmt, vom Balkon zu. Ich winke zurück, er soll einfach runterkommen. Auf meinem kleinen Grill brutzeln wir Würstchen und holen uns Bier vom Späti. Ganz analog, ganz altmodisch.

Text: Michael Metzger

Foto:
wirnachbarn

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