Kultur

Kinder lesen in Berlin

Leseclub Prior & Mumpitz
Im Fernsehen schauen sie „Germany’s Next Top-Model“. Sie simsen, filmen, fotografieren und telefonieren mit ihren Handys. Und sie pflegen ihre Kontakte auf SchülerVZ im Internet: Bereits im Grundschulalter erweisen sich viele Berliner Kinder in Sachen elektronische Medien als gewiefte alte Hasen. Selbst die eigenen Eltern können oft nur staunen, wie selbstverständlich sich ihr Nachwuchs durch die Welt der Bildschirme und Displays bewegt.

Doch dies ist nur die eine Seite der aktuellen Medienrealität von Kindern. Denn auf der anderen Seite rangiert auch das gute, alte Buch beim Nachwuchs in der Beliebtheitsskala immer noch ganz weit oben, wie der Hype um die „Harry Potter“-Bücher oder die schwindelerregenden Verkaufszahlen der Titel von Cornelia Funke („Tintenherz“, „Die Wilden Hühner“) beweisen. Allerdings, so Sabine Mähne, Leiterin des Berliner Kinderliteraturzentrums LesArt, stünden Kinder mit ihrer Lust auf Bücher häufig ziemlich einsam da: „Kinder, die gerne lesen, finden kaum noch gleichaltrige Ansprechpartner.“ Denn in den Pausenhöfen der Schulen dominieren eindeutig die Diskussionen darüber, welche „Top-Models“ sich gerade als blöde Zicken erweisen, oder ob ein „Super-Talent“ echtes Potenzial hat oder doch einfach nur peinlich ist. Dass Gespräche über Lieblingsbücher zurückstehen, mag aber auch an der erdrückenden Vielzahl der jährlich neu erscheinenden Kinder- und Jugendbuchtitel liegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Lesekonsum eines Kindes mit dem eines anderen überschneidet, wird – bis auf die Top-Seller der Branche – immer geringer.

Dabei, sagt Martina Prior, Mitinhaberin der Buchhandlung Prior & Mumpitz, „wollen Kinder ihre Freude und Begeisterung an Büchern eigentlich unbedingt miteinander teilen“. Als sie vor etwa zehn Jahren, damals noch als Angestellte einer anderen Berliner Buchhandlung, Kinder zu gemeinsamen Lese- und Diskussions­aben­den aufrief, war das Interesse jedenfalls riesengroß. Dazu aufgerufen, den anderen Lesegruppen-Kindern ihr aktuelles Lieblingsbuch vorzustellen, erwiesen sich die jungen Gesprächsteilnehmer schon bald als klarsichtige Rezensenten. „Kinder lesen anders als Erwachsene“, hat Martina Prior allerdings gelernt. In Zusam­menarbeit mit Verlagen bietet
sie „ihren“ Leseclub-Kindern eine Gruppe, die sich in der Buchhandlung jeden ersten Freitag im Monat trifft, nicht nur Neuerscheinungen, sondern manchmal sogar Druckfahnen zum Lesen an, also Bücher, die sich noch im Entstehungsprozess befinden. Was die Kinder von den jeweiligen Titeln halten, können sie in Form von Artikeln auf der Webseite derleseclub.blogspot.com veröffentli­chen. Dass die Beiträge der Nachwuchskritiker ihr auch bei der Auswahl der für ihren Laden zu bestellenden Bücher helfen, verheimlicht Martina Prior dabei nicht.

Bei den LesArtigen, einem Kinder-Literaturzirkel, der sich jeden Freitag Nachmittag bei LesArt trifft, geht man dagegen vor allem systematisch vor. „Unser Thema ist derzeit ,Berlin‘“, erzählt Vincent Viebig, 13, der seit 2006 dabei ist. Mit viel Glück hat er letztens aus dem Bücher-Fundus bei LesArt den Titel „Der mechanische Prinz“ ergattern können, ein Kinder-Fantasy-Roman, der in der Welt der Berliner U-Bahn-Tunnel spielt und an dem vor allem die Jungs bei den LesArtigen interessiert waren. Zu Recht, wie es scheint. Denn wenn Vincent von dem Inhalt des Buches erzählt, bekommt man auch als Erwachsener Lust, es zu lesen.

„Es gibt immer mehr wirklich sehr gute Kinder- und Jugendbücher“, ist Gisela Rhein, Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek Berlin Spandau überzeugt. Denn um die Aufmerksamkeit der Kinder oft über mehrere hundert Seiten zu fesseln, reichen oberflächliche Geschichten nur selten aus. Stattdessen geht es häufig um spannend erzählte Verwicklungen, die sich um existenzielle Fragen ranken: Identität, Familie, Freundschaften, Zukunft. „Was macht ein gutes Buch aus?“, überlegen rund 15 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren, die sich seit vier Jahren regelmäßig als Jugendliteratur-Jury in der Kinder- und Jugendbibliothek Berlin Spandau treffen und aus der jährlichen Auswahlliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis ihren eigenen Sieger küren. Dass die Teilnehmer bei den gemeinsamen Diskussionen über Buchinhalte auch viel von ihrem eigenen Innenleben preisgeben, liegt dabei auf der Hand. Die Freundschaften, die in diesem Jugendliteraturzirkel entstanden sind, scheinen, so Gisela Rhein, jedenfalls intensive Beziehungen zu sein.

Auch im Pegasus-Klub der Anton-Saefkow-Bibliothek in Lichtenberg hat sich der geistige Austausch als nachhaltiger Kitt unter den teilnehmenden Kindern ab zehn Jahren erwiesen. Zwar un­terscheidet sich der von Annelie Streit geleitete Pegasus-Klub von den bisher genannten Literatur-Klubs, weil er zusätzlich auch eine Schreibwerkstatt umfasst. Doch bevor die Kinder selber zur Feder greifen, werden erst einmal Gedichte oder Geschichten von bekannten und weniger bekannten Autoren gelesen. Pegasus-Klub-Kind Ben, zwölf Jahre alt, ließ sich so etwa von Peter Härtlings „Sechs Sätze für Fabian“ zu einem eigenen Werk inspirieren, dass die Mühsal und Freuden des Schreibens sehr anschaulich schildert. In Bens „Sechs Sätze fürs Schreiben“ heißt es: „Fünfmal holste Stifte raus. Viermal sieht der Text blöd aus. Dreimal biste kurz vor der Wut. Zweimal macht Dir jemand Mut. Einmal ist es Dir gelungen, da bist Du im Kreis gesprungen.“

Text: Eva Apraku

LesArt
Weinmeisterstraße 5, Mitte,
Tel. 282 97 47, www.lesart.org
Die LesArtigen: Jeden Freitag ab 16 Uhr treffen sich insgesamt zehn Kinder
(Warteliste!) im Alter zwischen 10 und 14 Jahren für circa eineinhalb Stunden zum Lesen, Diskutieren und Kritikenschreiben. Eintritt frei.

Buchhandung Prior & Mumpitz
Dunckerstraße 72, Prenzlauer Berg,
Tel. 53 09 09 80, www.priorundmumpitz.de, http://derleseclub.blogspot.com
Kinder-Leseclub: Jeden ersten Freitag im Monat sind Kinder zwischen 10 und 16 Jahren ab 19 Uhr (für ca. 1,5 Std.) eingeladen, über Kinder- und Jugendbuch-Neuerscheinungen zu diskutieren. Ohne Anmeldung, Eintritt frei.

Kinder- und Jugendbibliothek
Berlin Spandau Carl-Schurz-Straße 13, Spandau, Tel. 902 79-55 13
Jugendliteratur-Jury: Es treffen sich rund 15 Jugendliche (Warteliste!) im Alter
zwischen 14 und 18 Jahren im Abstand von etwa zwei bis vier Wochen, um die für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Titel zu besprechen. Eintritt frei.

Anton-Saefkow-Bibliothek

Anton-Saefkow-Platz 14, Lichtenberg, Tel. 902 96-37 58
Pegasus-Klub: Jeden Mittwoch ab 15 Uhr treffen sich Kinder von der 3. bis zur 7. Klasse etwa eine Stunde lang, um gemeinsam zu lesen und eigene Texte zu verfassen. Ohne Anmeldung, Eintritt frei.

Mundo Azul

Internationale Kinderbücher, Choriner Straße 49, Prenzlauer Berg,
Tel. 49 85 38 34, www.mundoazul.de
Bei Mundo Azul finden diverse, meist kostenpflichtige Literatur-Workshops in Englisch, Französisch und Spanisch für Kinder statt.

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