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Kulturgeschichte

„Neolithische Kindheit“ im Haus der Kulturen der Welt

Im Kopf von Carl Einstein: Der Titel der Ausstellung „Neolithische Kindheit“ ist einem Essay des Kunsthistorikers Einstein entlehnt. Es geht um die Einflüsse außereuropäischer Kunst und der Krisenstimmung in den späten 1920ern auf die Moderne

Paule Vézelay Paule Vézelay, Drapeaux d’Hiver, 1930, Öl auf Leinwand, 96,5 x 146 cm. © Estate of Paule Vézelay, Foto courtesy England & Co gallery, London.

Schon der Titel der neuen Ausstellung im HKW verspricht einen höchst ungewöhnlichen Blick auf den Surrealismus und die späte Zwischenkriegszeit, hauptsächlich die frühen 1930er Jahre. Neolithische Kindheit nennt sie sich, entlehnt einem ebenso betitelten Essay des Kunsthistorikers Carl Einstein. Und dann noch, als Untertitel, das wunderbare Paradox: „Kunst in einer falschen Gegenwart“.

In beiden Teilen schwingt schon ein Teil der Themen mit, die hier verhandelt werden. Da ist zum einem die Frage nach dem, wie man es damals nannte, „Primitiven“, die Entdeckung und künstlerische Aneignung von Kunst aus der Vorzeit sowie von außereuropäischen, als rückständig wahrgenommenen Zivilisationen und ganzen Erdteilen, insbesondere Afrika. Daneben die „falsche Gegenwart“, das allumfassende Gefühl der Krise, die gerade zu Ende der zwanziger Jahre neben ökonomischen auch gesellschaftliche, kulturelle und selbst wissenschaftliche Dimensionen annimmt.

In dieser Krisenwahrnehmung, sehr schön an in Vitrinen ausgelegten Büchern anschaulich gemacht, liegt vielleicht auch am ehesten eine Verbindung zu unserer „falschen“ Gegenwart, die ebenso von einer Permanenz der Krisen gekennzeichnet zu sein scheint. Der schon erwähnte Carl Einstein ist dabei so etwas wie das Leitmotiv der Ausstellung, ohne wirklich ihr Gegenstand zu sein. Tom Holert, der diese Schau gemeinsam mit Anselm Franke kuratiert hat, drückt es so aus: die Ausstellung sei eine Einladung, „im Kopf von Carl Einstein Platz zu nehmen“. Natürlich ist das Wissen um dessen tatsächliche Lektüre und Beschäftigung begrenzt, aber die Ausstellung schafft es, viele der damaligen Diskurse abzudecken und ist in gewisser Weise als eine Archäologie der frühen 1930er Jahre inszeniert.

Für die meisten Besucher werden aber wohl die Kunstwerke, von Einstein so passend KW abgekürzt, der Höhepunkt dieser Ausstellung sein. Schon gleich im ersten Raum der insgesamt über drei Räume und Themenfelder verteilten Ausstellung warten neben einer wandbreiten Konzeption für Einsteins unvollendetes Werk „Handbuch der Kunst“ Collagen von Hannah Höch und wundervolle Auszüge aus Brassaïs Graffiti-Serien. Brassaï interessierte dabei besonders die von ihm angenommene Artikulation des Unterbewussten in diesen Zeichen, die Städte wild durchwuchern. Das Kunst-Herzstück der Ausstellung ist aber die in der großen Halle aufgestellte Wand, gefüllt in Petersburger Hängung – also in sehr enger Reihung. Um alle Werke gut betrachten zu können, hat man sogar einen luftigen Laufsteg in den Ausstellungsraum gebaut.

Dabei muss man es den Ausstellungsmachern hoch anrechnen, welch diversifiziertes Bild sie vom Surrealismus zeichnen, indem sie auch viele weniger bekannte Positionen und Künstlerinnen aufnehmen, die erst in jüngster Zeit ihren Platz im Kanon gefunden haben und von Einstein zum Großteil geflissentlich übersehen wurden. Schließlich war der Kunsthistoriker eben doch ein „Mann seiner Zeit“ – bei aller Progressivität und Positionierung als Antifaschist, Antikolonialist und Sozialist, die ihn schließlich sogar zur Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg verleitete. Abgerundet wird die Ausstellung mit sehr unterschiedlichen Filmausschnitten, die auch diesem damals schon wichtigen Medium seinen Platz geben.

Neolithische Kindheit Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 11–19 Uhr, bis 9.7.

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