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Filmprojekt

„Netflix dreht jetzt in Nairobi“ – Gespräch mit Tom Tykwer

Und zwar mit Leuten, die das Projekt One Fine Day Films dort ausbildet – eine  Initiative von Tom Tykwer und ­Marie Steinmann-Tykwer. Nun hat die Eigenproduktion „Kati Kati“ Premiere

Foto: J. Gern
Foto: J. Gern

tip Herr Tykwer, auch das Auswärtige Amt unterstützt die deutsche Premiere der One Fine Day Films-Produktion „Kati Kati“. Können Sie die Umstände des Projekts schildern?
Tom Tykwer „Kati Kati“ ist der fünfte Film aus der Workshop-Initiative One Fine Day Films, die wir – meine Frau Marie Steinmann-Tykwer und ich – vor ein paar Jahren in Kenia begonnen haben. 70, 80 junge afrikanische Filmemacher werden dabei im Verlauf von drei Wochen durch einen Marathon geschickt, bei dem sie alles einmal ausprobieren, was mit Film zu tun hat. Aus diesem Prozess gründet sich ein Team, das dann den Film realisiert, der im Jahr davor aus einem Drehbuch-Workshop als Favorit hervorgegangen ist. So war das auch bei „Kati Kati“, wie davor schon bei „Soul Boy“ und in drei weiteren Fällen. Die Filme sind aber natürlich viel mehr als die Summe eines Workshops. Das Problem fast aller jungen Filmemacher ist ja generell, dass sich wenige trauen, eine eigene Sprache zu entwickeln, weil so eine große Erwartung an Formatierungen existiert. Dagegen sagen wir: Finde deine eigene Stimme. Beschäftige dich und uns mit Themen aus deiner Welt.

tip Trifft das auch auf „Kati Kati“ zu? Ich hatte, als ich den Film auf dem Filmfestival in Toronto sah, den Eindruck einer bewusst ein wenig aus den lokalen Zusammenhängen Kenias herausgehobenen Geschichte.
Tom Tykwer Die Filme, die bisher mit One Fine Day Films entstanden sind, sind sehr unterschiedlich, hatten aber tendenziell die Gemeinsamkeit, dass sie sehr aufs Ganze gingen: kaleidoskopische Erzählungen, viele Figuren, aufwendige Drehs. In Kenia ist das Drehen sowieso komplex. Bei „Something Necessary“ hatten wir 120 Motive in 20 Drehtagen. „Soul Boy“ wurde zwar nur in einem Slum gedreht, der ist aber auch so groß wie eine Stadt. Deswegen haben wir zu der Produzentin Sarika Lakhani gesagt: Wir sollten einen Film finden, der sich auf einen Ort beschränkt. „Kati Kati“ hatte diese griffige Idee eines fast anonymen Ortes, an dem Menschen zusammenkommen, die gestorben sind und die Hintergründe ihres Todes verstehen lernen müssen, bevor sie sich verabschieden können. Da tat sich ein ganz neuer Auseinandersetzungsraum auf. Ich finde es großartig, wie kompakt „Kati Kati“ geworden ist.

tip Bei den Workshops machen anfangs alle alles?
Tom Tykwer Die Workshops sind schon in Fachbereiche unterteilt, meistens sind es sieben oder acht: Regie, Kamera, Ton, Ausstattung, Schauspiel, dazu auch mal Musik oder andere Sachen. Regisseur wird schließlich einer der acht oder zehn aus der Regieklasse. Der Workshop ist eine Art Casting. Meistens machen aber fast alle Regiestudenten dann auch mit, als Beleuchter oder wo sie halt gebraucht werden.

tip Kann man von einem afrikanischen Kino sprechen?
Tom Tykwer Das finde ich sehr schwierig, man muss wenigstens Subsahara und Maghreb unterscheiden, und selbst das ist immer noch ein bisschen ignorant. Aber es gibt auch überregionale Gemeinsamkeiten, vor allem die afrikanischen Telenovelas aus Nollywood, der nigerianischen Industrie. Kenia guckt Nollywood rauf und runter. Das wird inzwischen in Ländern, die eine eigene Filmindustrie etablieren, kopiert. Man kann sich das ein bisschen so vorstellen wie die Lindenstraße: nahe dran an den Alltagsproblemen der Leute. Konflikte zwischen der Spätmoderne und der Tradition, sehr vereinfacht und schon trashig gespielt. Das ist ein Problem, denn viele Schauspieler verdienen dort ihr Geld, diese Übertreibungen müssen sie sich dann wieder abgewöhnen, wenn sie für das Kino arbeiten wollen.

tip Wie könnte es mit One Fine Day Films, für das Sie eine Art Aushängeschild sind, weitergehen?
Tom Tykwer Dass wir fünf Mal was hingekriegt haben, ist schon erstaunlich genug. Wir lassen den Leuten ja auch in der Postproduktion viel Zeit, damit sie was lernen können. Das BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hat noch mal für zwei weitere Workshops Geld zugesagt, das wird für drei Jahre reichen, weil wir etwa alle eineinhalb Jahre etwas machen. Auf Dauer ist es schwer zu legitimieren, warum ausgerechnet Kenia so eine Förderung bekommt. Aber es hat Wirkung. Faktisch ist es so, dass in Nairobi mehr als die Hälfte der Leute, die dort die Filmindustrie relevant repräsentieren, aus diesen Workshops kommen. Das sind wirklich ein paar Hundert. Die haben eine Erfahrung und eine Praxis.

tip Es gibt also schon eine lokale Industrie?
Tom Tykwer Der größte Erfolg war, dass die Produzenten der Serie „Sense 8“ überzeugt werden konnten, in Kenia zu drehen, was nicht nur versicherungstechnisch schwierig ist. Aber die waren von den Workshops so begeistert, dass sie einen der acht Erzählstränge nach Nairobi geschrieben haben. Das heißt, dass dort jetzt viele Leute regelmäßig für eine Netflix-Serie arbeiten können. Inzwischen denkt die Regierung auch über steuerliche Lösungen nach, das für Investoren attraktiv zu machen.

tip In Kenia ist die politische Situation allerdings schwieriger geworden in den letzten Jahren.
Tom Tykwer Es wirkt sich auch direkt auf die Themen aus, die bei One Fine Day Films auftauchen, speziell die Gewalt nach den vorletzten Wahlen. Die kam ja über das Land wie damals der Krieg über Jugoslawien. Das war ein Schock, dass Nachbarn plötzlich gegenseitig die Häuser abfackeln. Kenia kannte so etwas nicht, das glüht ganz stark nach. Es gibt auch ein massives Korruptionsproblem. Das spielt jeden Moment in alles hinein. Ständig muss man mit Autoritäten herumlavieren, jede Genehmigung ist eine Frage von Beziehungen. Das ist ein völlig anderes Arbeiten als in Deutschland.

Kati Kati
Eine junge Frau kommt in ein Feriendorf mitten in der Savanne. Ein paar Leute sind schon da, lungern am Pool herum, reden rätselhaftes Zeug. Bald stellt sich heraus, dass es mit dieser Situation eine besondere Bewandtnis hat: Die Gäste sind tot. Sie müssen das nur erst begreifen. Mbithi Masya erzählt in „Kati Kati“ eine existenzielle Parabel, in die konkrete politische Zeichen verwoben sind. So ist ein sehenswerter afrikanischer Film mit internationalem Anspruch entstanden.

Kati Kati
Ken/D 2016, 75Min., R. Mbithi Masya, D. Nyokabi Gethaiga, Elsaphan Njora, Paul Ogola, bislang nur Do 24.11., noch steht der Filmstart nicht fest

Bewertungspunkte2

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