• Kultur
  • Neue Sprache, Dialekt oder einfach nur „falsches Deutsch“?

Kiezdeutsch

Neue Sprache, Dialekt oder einfach nur „falsches Deutsch“?

Die Hauptstadt Deutschlands ist gleichzeitig Epizentrum des sogenannten Kiezdeutsch – ein „multilingualer Turbodialekt“, der sich gerade entwickelt. Bildquelle: www.fotolia.com © elxeneize (#129348651)
Die Hauptstadt Deutschlands ist gleichzeitig Epizentrum des sogenannten Kiezdeutsch – ein „multilingualer Turbodialekt“, der sich gerade entwickelt. Bildquelle: www.fotolia.com © elxeneize (#129348651)

Ist die deutsche Sprache kaputt? So mag es jedenfalls für jemanden erscheinen, der sich in Berlin mit „Kiezdeutsch“ konfrontiert sieht. Der sogenannte „Mulitiethnolekt“ ist eine neue Sprachform, ein Dialekt, den Einwohner mit und ohne Migrationshintergrund erdacht haben. Nicht zuletzt, um die manchmal wirklich komplexe deutsche Sprache zu vereinfachen. Im Kiezdeutsch geht es nicht um die Unterscheidung zwischen „dass“ und „das“, „seid“ oder „seit“ – hier gelten andere Regeln.

Ist Kiezdeutsch das neue Berlinerisch? Der Sprachtrend ist längst in andere Teile der Bevölkerung geschwappt und erfreut sich nicht nur bei pubertierenden Jugendlichen großer Beliebtheit. Der Beitrag klärt auf über die Entstehung und Geschichte der neuen Sprache und gibt einen Ausblick über weitere Entwicklungen.

 

Der Ursprung von Kiezdeutsch

Geprägt wurde die Sprache, die neben Kiezdeutsch als „Kanak Sprak“, Ghettosprache, Türkenslang, Kanakisch oder Türkendeutsch bekannt ist, durch zweisprachig aufgewachsene, vielfach türkischstämmige Jugendliche der zweiten oder dritten Einwanderergeneration. Feridum Zaimoglus – ein deutscher Schriftsteller türkischer Herkunft – popularisierte den Dialekt dann 1995 mit seinem Buch „Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft“. Mit der Verbreitung des Dialekts auch bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund wurde der Begriff Kanak Sprak zunehmend kritisiert, heute ist nicht zuletzt deshalb „Kiezdeutsch“ weiter verbreitet.

Auch im eher beschaulichen Stockholm gibt es einen Dialekt mit ganz ähnlichen grammatischen Strukturen wie im „Kiezdeutschen“. Eine weitere Parallele zu Berlin: auch dieser Stadtteil ist jugendlich und multikulturell geprägt. Bildquelle: www.fotolia.com © Alexi TAUZIN (#93312005) 
Auch im eher beschaulichen Stockholm gibt es einen Dialekt mit ganz ähnlichen grammatischen Strukturen wie im „Kiezdeutschen“. Eine weitere Parallele zu Berlin: auch dieser Stadtteil ist jugendlich und multikulturell geprägt. Bildquelle: www.fotolia.com © Alexi TAUZIN (#93312005) 

Dabei bezeichnet ein Kiez ein bestimmtes Stadtviertel. Kiezdeutsch ist kein rein deutsches Phänomen, es wird in vielen Ländern gesprochen. Die Niederländer nennen die Jugendsprache Straattaal, „Straßensprache“; in Schweden heißt sie Rinkeby-Svenska, benannt nach Rinkeby, einem Stockholmer Vorort mit hohem Migrantenanteil; in Dänemark ist die multiethnische Jugendsprache als „Københavnsk Multietnolekt“ bekannt.

grafik-1

Grundsätzlich ist Kiezdeutsch eine Art Dialekt, der häufig neben dem Standarddeutschen gesprochen wird – analog zu regionalen Dialekten oder der Wahl einer formellen oder weniger formellen Sprache in der Familie, mit Freunden oder dem Umgang mit Vorgesetzten. Auch gibt es viele Parallelen zu anderen Jugendsprachen: wie etwa die bevorzugte Verwendung innerhalb einer Gruppe Gleichaltriger, die Abgrenzung gegenüber Erwachsenen oder auf sprachlicher Ebene zum Beispiel den Einfluss des US-Amerikanischen.

Dabei ist Hybridität in der Sprache weder neu noch außergewöhnlich, sondern bereits seit mehreren Jahrhunderten auf der ganzen Welt bekannt. Ein Beispiel: Kreol, das eine raffinierte Kombination verschiedener Sprachen darstellt – einst von Sklaven auf Haiti kreiert. Entstanden ist ein Sprachmix, der für Sklavenhalter unverständlich war und durch eine Revolution zur Unabhängigkeit Haitis führte. Und auch das „Ruhrpottdeutsch“ oder das „Berlinerische“ haben unter dem Einfluss vieler Sprecher mit verschiedensten Hintergründen sprachliche Besonderheiten entwickelt, die mit dem Standarddeutsch nicht immer viel gemein haben.

 

Wer spricht Kiezdeutsch?

Die typischen Kiezdeutsch-Sprecher gibt es eigentlich nicht. Die Einflüsse des Dialekts kommen aus dem Deutschen, Türkischen, Arabischen, Russischen, Afrikanischen und vielen anderen Sprachen. Bildquelle: www.fotolia.com © Kzenon (#101056351)
Die typischen Kiezdeutsch-Sprecher gibt es eigentlich nicht. Die Einflüsse des Dialekts kommen aus dem Deutschen, Türkischen, Arabischen, Russischen, Afrikanischen und vielen anderen Sprachen. Bildquelle: www.fotolia.com © Kzenon (#101056351)

 

Hauptsächlich sprechen es Jugendliche in urbanen Wohngebieten, in denen verstärkt verschiedene Kulturen aufeinandertreffen. Die Verwendung der Sprache bleibt dabei nicht auf Jugendliche einer bestimmten ethnischen Herkunft beschränkt, sondern entwickelte sich gerade im Kontakt unterschiedlicher Sprachen und Ethnien. Häufig ist der Dialekt nur einer von mehreren, die die Jugendlichen in verschiedenen sozialen Umfeldern beherrschen. Ist das nicht der Fall, gibt es schnell Probleme mit der gesellschaftlichen Teilhabe und der beruflichen Entwicklung.

grafik-2

Kiezdeutsch ist damit ein Mittel, um soziale Identität zu schaffen und um sich als Jugend von der Generation der Eltern abzugrenzen. Deshalb hört man den Dialekt häufig auf der Straße, wohl aber kaum im Elternhaus – dort sprechen die Jugendlichen Arabisch, Türkisch, Kurdisch oder eben Deutsch.

 

Die Kiezdeutsch-Regeln

Der Jargon zeichnet sich aus durch Elemente von reduziertem Deutsch und anderen Formen deutsch-türkischer Sprachmischung. Nachweisbar sind auch russische und arabische Einflüsse. Weitere Merkmale der Sprache sind Verwechslungen des grammatikalischen Geschlechts und der Präpositionen, die sich vom Türkischen unterscheiden. Wörter wie „zum“ oder „beim“ entfallen häufig, die Verwendung des Wortes „sein“ wird vereinfacht, ebenso der Gebrauch von Artikel und Pronomen. Was dabei regellos wirkt, hat klare Strukturen – die deutsche Grammatik bildet die Grundlage und die Sprache entwickelt sich konstant weiter.

Viele der Gebrauchsmuster sind dabei keineswegs eine Erfindung des Kiezdeutsch, sondern finden sich auch in der deutschen Sprache wieder. Die Sprachforscherin Heike Wiese nennt dafür einige Beispiele:

  • Die ungewöhnliche Nutzung des „so“ als Fokusmarker in Sätzen.
  • Reduzierungen wie „ich hab“, wobei das Kiezdeutsch bereits etwas weiter als die deutsche Sprache ist und Endungen stärker angleicht
  • Weglassen der Präpositionen

Hier auch ein interessantes Interview mit Heike Wiese, die sich unter den deutschen Sprachforschern wohl am intensivsten mit dem Sprachphänomen auseinandergesetzt hat.

Einführung neuer Worte

Ähnlich wie im Standarddeutschen zahlreiche Begriffe aus dem Englischen und dem Französischen in den Alltagsgebrauch eingeflossen sind, gibt es im Kiezdeutsch Eingliederungen aus dem Arabischen und dem Türkischen, wobei die Worte jeweils in deutsche grammatikalische Strukturen einfließen. Das aus dem Türkischen stammende „lan“ wird eingedeutscht als „Alter“ verwendet, „wallah“ aus dem Arabischen steht anstelle eines „echt wahr“, „yallah“ bedeutet etwa wie „los“ ein Zeichen zum Aufbruch. Die Aussprache ist dabei eingedeutscht, die Verwendung bleibt nicht auf Personen des jeweiligen Landes der Begriffsherkunft beschränkt, sondern wird von allen Jugendlichen gleichermaßen genutzt. Kiezdeutsch greift damit aktiv auf die Muttersprachen zu, fügt neue Begriffe jedoch nicht ungesehen ein, sondern integriert diese durch Veränderung und Verarbeitung in das deutsche Sprachsystem.

Durch das Aufeinandertreffen vieler Sprachen werden diese untereinander beeinflusst. Das türkische „lan“ trifft auf das arabische „wallah“ und nicht zuletzt auf die deutsche Grammatik. Bildquelle: www.fotolia.com © Frank Gärtner (#111016587)
Durch das Aufeinandertreffen vieler Sprachen werden diese untereinander beeinflusst. Das türkische „lan“ trifft auf das arabische „wallah“ und nicht zuletzt auf die deutsche Grammatik. Bildquelle: www.fotolia.com © Frank Gärtner (#111016587)

Auslassungen von Artikeln und Flexionen

Bei Possessivpronomen besteht die Möglichkeit, Endungen entfallen zu lassen („Das ist mein Schule“) und damit auf eine nach standarddeutschen Regeln korrekte Flexion zu verzichten, auf Artikel wird teilweise komplett verzichtet („Hast du Handy?“). Diese Entwicklung ist jedoch nicht auf das Kiezdeutsch beschränkt, sondern findet auch in der Standardsprache statt: Hieß es ehemals eigentlich „dem Manne“ beschränkt sich die Sprache heute in der Regel auf „dem Mann“, „ich habe“ wird zu „ich hab“, Artikel werden an voranstehende Wörter angebunden und damit ebenfalls verkürzt („Hast du’n Handy?“). Da Flexionsendungen jedoch keine eigentliche Bedeutung für den Sinn eines Satzes haben, bleibt die Aussage dennoch verständlich.

grafik-3

Auch bei Orts- und Zeitangaben wird häufig auf Artikel verzichtet: „Steigst du Zoo aus.“ Vor allem im Kontext mit Wegbeschreibungen und Haltestellenangaben ist dieses Phänomen auch in der Standardsprache verankert. Damit erweitert das Kiezdeutsch erneut die sprachlichen Möglichkeiten des Deutschen.

 

Auch das Verb „sein“ entfällt in Sätzen immer wieder, wobei auch hier die Bedeutung erhalten bleibt: „Was denn los hier?“ „Ich aus Wedding.“ Dieses Phänomen gibt es auch in anderen Sprachen, z. B. dem Russischen und dem Arabischen.

 

Partikel

Partikel sind Wörter, die als feste Wendungen in einem Satz nicht verändert werden dürfen. Ursprünglich entstanden sie aus veränderlichen Verbformen. Analog dazu gibt es auch im Kiezdeutsch Partikel:

  • „gibs“ ist entstanden aus der Wendung „es gibt“, d. h. die Existenz von etwas wird benannt. Im Standarddeutsch kommt die Wendung vielfach mit einem Adverbial, das auf einen Ort verweist vor, im Kiezdeutsch entwickelt sich diese Wendung weiter: Der Partikel besteht nicht mehr aus zwei Worten, sondern verschmilzt zu einem einzigen, sodass das Pronomen „es“ zusätzlich auftreten kann: „Das Problem daran ist ja, dass es Rivalitäten gibs.“ Damit ändert sich auch das grammatikalische Verhältnis, da das Subjekt des Satzes durch die Verschmelzung entfällt. Kiezdeutsch macht deshalb das eigentliche Objekt zum Subjekt des Satzes.
  • „ischwör“ („ich schwöre“) wird benutzt, um Aussagen bzw. deren Wahrheitsgehalt besonders zu betonen. Analog dazu wird außerhalb des Kiezdeutsch „glaubich“ als Partikel verwendet, sodass hier nicht eine sprachliche Vereinfachung vorliegt, die Ausdruck der fehlerhaften Sprache ist, sondern ebenfalls Analogien im Standarddeutschen zu finden sind.

 

Ganz ähnlich wie die Sprache des Webs arbeitet Kiezdeutsch auch mit Verkürzungen von Sätzen oder einzelnen Wörtern. Bildquelle: www.fotolia.com © stokkete (#104277204)
Ganz ähnlich wie die Sprache des Webs arbeitet Kiezdeutsch auch mit Verkürzungen von Sätzen oder einzelnen Wörtern. Bildquelle: www.fotolia.com © stokkete (#104277204)

 

Neue Konstruktionsmuster

Aus den Auslassungen entstehen immer wieder neue Konstruktionsmuster: „lassma“ verkürzt ein „lass uns mal“, „musstu“ steht für „musst du“. Vor allem musstu weist dabei neue Verwendungsweisen auf, da sich dieses nicht unbedingt an eine einzelne Person richten muss, sondern gleichermaßen an eine Gruppe gerichtet sein kann. Zudem ist die Verwendung eines „musstu“ an Personen gerichtet, die den Sprecher selbst nicht einbeziehen, ein „lassma“ hingegen schon.

grafik-4

Sowohl „müssen“ als auch „lassen“ sind dabei Verben, die im Standarddeutschen mit Infinitiven kombiniert werden. Dieses Schema wird auch im Kiezdeutsch fortgesetzt: „Musstu anhalten.“ Dabei werden musstu- und lassma-Sätze mit Aussagesätzen mit Verb-Erst-Stellungen (das heißt das Verb steht am Anfang des Satzes) kombiniert, wobei das Subjekt dem Verb folgt.

 

Position des Verbs im Satz

Im Standarddeutschen steht vor dem finiten Verb in Aussagesätzen immer nur ein Wort, im Kiezdeutsch ist die Wortstellung variabel, z.B. folgt dem Adverb erst das Subjekt vor dem Verb: „Morgen ich geh Kino.“ anstelle von „Morgen gehe ich ins Kino“ oder „Ich gehe morgen ins Kino“.

grafik-5

Diese Möglichkeit, zwei Wörter vor dem finiten Verb zu platzieren, ist auch in anderen europäischen, multiethnischen Jugendsprachen vertreten. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten in der Informationsstruktur eines Satzes, d.h. Sätze lassen sich nicht nur nach Subjekt, Prädikat, Objekt unterscheiden, sondern auch nach der Art und Weise, wie eine Information innerhalb eines Satzes verpackt ist. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle:

 

  • Wovon handelt der Satz (Inhalt)?
  • Was ist die neue / zentrale Information?
  • In welchem Rahmen soll die Aussage des Satzes verstanden werden (Rahmensetzer)?

 

Dabei stehen sowohl Inhalte als auch Rahmensetzer in der Regel am Anfang des Satzes, um den Inhalt möglichst schnell räumlich oder zeitlich zu verorten, bevor die Information mitgeteilt wird. Bleibt das Standarddeutsch dabei darauf beschränkt, entweder den Rahmensetzer oder das Topik an den Satzanfang zu stellen, bestehen im Kiezdeutsch mehrere Möglichkeiten.

„Lerne ich Deutsch.“ Klingt falsch? Im Kiezdeutschen allerding ein ganz normaler Satz. Auch im Standarddeutschen sind solche Konstruktionen teilweise zu beobachten. Bildquelle: www.fotolia.com © Ingo Bartussek (#105726265)
„Lerne ich Deutsch.“ Klingt falsch? Im Kiezdeutschen allerding ein ganz normaler Satz. Auch im Standarddeutschen sind solche Konstruktionen teilweise zu beobachten. Bildquelle: www.fotolia.com © Ingo Bartussek (#105726265)

 

Auslassung des Wortes vor dem Verb

 Darüber hinaus ist es möglich, die Position vor dem Verb komplett unbesetzt zu lassen: „Geh ich schwimmen mit Freunde.“ Auch dies ist keine Besonderheit des Kiezdeutsch, sondern findet sich auch in der informellen Sprache wieder: „Wird er sich freuen.“ Eine weitere Form dieser Satzkonstruktion gibt es bei Sätzen mit Hilfsverben, bei denen das Subjekt ein Pronomen ist, das hier direkt an das Verb angehängt wird (Beispiel aus dem Standarddeutschen: „Das musst du halt noch einmal machen.“) Eine sogenannte Klitisierung des Pronomens (also einer sprichwörtlichen Verkürzung desselben) ist ebenfalls in zahlreichen Dialekten zu finden: „Musstu halt nochmal machen.“

Außerdem lassen sich Verb-Erst-Sätze – das heißt das Verb steht am Anfang des Satzes, was im Deutschen eigentlich (fast) nur in Fragen vorkommt – auf Auslassungen zurückführen: „Weiß ich nicht“ ist eine Verkürzung von „Das weiß ich nicht.“ Im Kiezdeutsch hingegen ist die Verb-Erst-Form eine reguläre Möglichkeit, wobei es keine Einschränkung hinsichtlich des Kontext, unvollständiger Sätze oder der Beschränkung auf Hilfsverben gibt. Insbesondere bei einem bereits bekannten Thema kann es vorkommen, dass das Verb tatsächlich das erste Wort des Satzes darstellt.

 

Der Partikel „so“

Ein weiteres charakteristisches Merkmal von Kiezdeutsch ist die Verwendung von „so“ an Stellen, an denen man es im Standarddeutschen nicht erwartet. Im Standarddeutsch hat der Partikel „so“ mehrere Funktionen, denen allen gemein ist, dass so auf eine Frage nach dem „Wie“ antwortet und mit einer Art und Weise beschrieben werden kann.

  • Ausdruck von Vergleichsrelationen: „So schnell wie Tanja.“
  • Intensität: „So
  • Anzeige, dass gleich ein Zitat folgt: „Paul dann so: „Ich kann das nicht.““

Diese Funktionen werden im Kiezdeutsch ergänzt um die Funktion, den Fokus eines Satzes – also die Information, die übermittelt werden soll – besonders hervorzuheben. Dabei hebt das Deutsche den Fokus sowohl durch die Betonung als auch über die Wortstellung hervor, im Kiezdeutsch gibt es die dritte Funktion des Fokusmarkers „so“. Diese Verwendungsweise ist jedoch auch in anderen umgangssprachlichen Bereichen des Deutschen vertreten und bleibt nicht auf das Kiezdeutsch beschränkt. Analog dazu gibt es im Englischen das Wort like, das – ebenfalls inhaltsleer – eine besondere Fokussierung leistet: „I was, like, what’s going on here?“

 

Beispiele

„Yallah, lassma gehen!“ – (Fremdwort aus dem Arabischen) Los, lass uns gehen.

„Ich bin Konrad Adenauer.“ – Ich bin am Konrad-Adenauer-Platz.

„Hast du Handy bei?“ – Hast du das Handy dabei?

„Ischwör, Alter, war so.“ – Ich schwör’s, es war so.

„Musstu Lampe reinmachen.“ – Du musst eine Glühbirne reinschrauben.

„Ich komm mit Fahrradmahrrad“ – (Wiederholung des Wortes mit einem M davor entstammt dem Türkischen)

„Isch mach dich Krankenhaus“ – Ich schlage dich krankenhausreif.

„Isch mach dich Messer“ – Ich greife dich mit einem Messer an.

Weitere Beispiele finden sich bei RP Online.

 

Reaktionen auf den Dialekt

In Medien und Comedy-Shows ist das Kiezdeutsch immer wieder ein beliebtes Thema. Spätestens seit dem Buch Kanak Sprak ist das Kiezdeutsch in der breiten Öffentlichkeit angekommen, der Autor Feridun Zaimoglu mit seinen Geschichten am Rande der deutschen Gesellschaft längst Kult. Dargestellt wird die Sprache stets mit zahlreichen grammatikalischen Fehlern, ritualisierten Drohgebärden und Reduzierungen („Was guckst du?“ „Bin ich Kino?“), sodass nicht selten die Befürchtung besteht, dass das Kiezdeutsch Einzug in die Standardsprache hält. Das ist nicht verwunderlich, denn Kritik an einer Jugendsprache gab es schon immer – schließlich ist ihr Ziel auch die Abgrenzung zur Erwachsenenwelt. Kein Wunder also, dass vielerorts Unverständnis herrscht.

grafik-6

Auf wenige kurze Sätze reduziert wird das Kiezdeutsch vielfach belächelt oder gleich als Bedrohung für die deutsche Sprache abgestempelt, Arbeitgeber melden sich zu Wort und äußern, niemals jemanden mit einem starken Soziolekt einzustellen.

Dabei ist das negative Ansehen des Kiezdeutsch kein einzigartiges Phänomen: Allen Dialekten haftet ein schlechter Ruf an, da alles, was vom Standard abweicht, von vielen Menschen erstmal als fehlerhaft betrachtet wird. Was beim Kiezdeutsch erschwerend hinzukommt, ist die Assoziation als Sprache von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, welche per se tendenziell eher mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Vorwürfe eines mangelnden Integrationswillens und eine Ablehnung der deutschen Sprache sind dabei nicht selten zu hören.

 

Wie bringt Kiezdeutsch unsere Sprache voran?

Kiezdeutsch ist weit mehr als ein gebrochenes Deutsch – der Jargon weist zahlreiche sprachliche Besonderheiten auf, die die Sprachwissenschaft längst intensiv untersucht. Neben grammatischen Vereinfachungen und sprachlicher Kreativität fließen zahlreiche neue Fremdwörter aus dem Arabischen und Türkischen in die Sprache ein, es entstehen neue Wendungen und grammatikalische Konstruktionen, die eine Ausweitung grammatikalischer Regeln des Standarddeutschen darstellen. Gleichzeitig verdeutlicht das Kiezdeutsch neue Entwicklungspfade und zeigt einen Neuzugang zum sprachlichen System auf. Durch unterschiedliche ethnische Einflüsse unterschiedlicher Kulturen und Sprachen konzentrieren sich vielsprachige Kompetenzen in einem einzigen Dialekt, der eine besonders dynamische Sprachentwicklung abbildet.

grafik-7

Und auch umgekehrt gibt es Veränderungen: Wissenschaftler beobachten seit geraumer Zeit, dass sich das Türkische in Deutschland verändert: Deutsche Ausdrücke und grammatikalische Konstruktionen beeinflussen die türkische Sprache in Deutschland.

 

Keineswegs stellt das Kiezdeutsch eine Bedrohung für die deutsche Sprache dar, sondern trägt durch innovative Konstruktionsmuster zu einer sprachlichen Vielfalt in Form einer Jugendsprache bei, die Raum für die Entwicklung neuer sprachlicher Formen bietet. Durch die sprachliche Flexibilität, die die Jugendlichen mitbringen, ist auch der Weg zu einem Standarddeutsch nicht mehr weit. Damit bietet das Kiezdeutsch Jugendlichen mit Migrationshintergrund einen weiteren Zugang zur deutschen Sprache und der gesellschaftlichen Teilhabe – und damit ein wertvolles Potenzial.

 

Fazit

Es ist kurzsichtig, Kiezdeutsch als falsches, fehlerbehaftetes Deutsch abzustempeln. Vielmehr handelt es sich hier um eine eigene Jugendsprache, die aufgrund unterschiedlicher ethnischer Einflüsse über eine besondere Dynamik verfügt. Auf der Basis der deutschen Grammatik werden Weiterentwicklungen, Vereinfachungen und Umstrukturierungen vorgenommen, die zur Ausbildung eines eigenen Dialektes führen, den die Medien häufig zur Stereotypisierung von Ausländern (bevorzugt in Comedy-Formaten) nutzen. Diese Stereotypisierung führt in der erwachsenen Bevölkerung vielfach zur Angst vor einem sprachlichen Verfall. Diese ist jedoch schon allein deshalb unbegründet, da Jugendliche die Sprache fast ausschließlich untereinander nutzen, im Elternhaus und der Schule jedoch andere Sprachen sprechen. So wäre es sinnvoller, das Kiezdeutsch als Chance für die Sprachentwicklung zu betrachten und es gegebenenfalls auch bei pädagogischen Konzepten zur Sprachvermittlung zu berücksichtigen.

Mehr über Cookies erfahren