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Theaterstadt Berlin

Neustart am Berliner Ensemble – wie Oliver Reese das Theater am Schiffbauerdamm in die Gegenwart holt

Das Berliner Ensemble könnte das aufregendste Ensemble der Stadt werden, mindestens! Oliver Reese macht das Haus zur Bühne für neue Dramatik und große Regisseure

Foto: Copyright Poblotzki

Dafür, dass in zwei Wochen die erste Premiere seiner Intendanz am Berliner Ensemble stattfindet, ist OIiver Reese (Foto) erstaunlich entspannt. Über ein Jahr lang hat der 53-Jährige seine erste Spielzeit am schönsten Theater Berlins vorbereitet. Er hat Michael Thalheimer als Hausregisseur und Frank Castorf als regelmäßigen Gast gewonnen und als Schauspieler lauter Hochkaräter engagiert: Stefanie Reinsperger, Constanze Becker, Corinna Kirchhoff, ­Judith Engel, ­Andreas Döhler, Ingo Hülsmann, Wolfgang Michael.

Das BE könnte das aufregendste Ensemble der Stadt werden, mindestens. Reese hat an allen erdenklichen Stellschrauben des nicht ganz unkomplizierten Theaterapparats gedreht, sich einen wagemutigen Spielplan ausgedacht, Dramatiker zur Mitarbeit eingeladen und die Beschimpfungen seines dauergekränkten Vorgängers Claus Peymann stoisch an sich abperlen lassen: Einladungen zum Schlammcatchen werden nicht angenommen. Und jetzt kann es losgehen mit dem neuen Theater am Schiffbauerdamm. Reeses Gelassenheit könnte damit zu tun haben, dass das BE nicht das erste Theater ist, das er in einem etwas schwierigen ­Zustand übernimmt.

Als er 1994 als Chefdramaturg mit dem Intendanten Bernd Wilms ans Maxim Gorki Theater kam, stand die Abwicklung des Hauses zur Disposition. Wilms und Reese machten es mit klugem Boulevard (ja, das gibt es) wieder sehr flott. Als sie sieben Jahre später ans Deutsche Theater wechselten, erlebten sie, dass die Wiedervereinigung noch nicht an jedem früheren Staatstheater der DDR angekommen war. Sie holten das Theater in die Gegenwart; großen Regisseuren wie Gosch, Gotscheff oder Thalheimer gelangen hier einige ihrer besten Arbeiten.
Reeses erste Station als Intendant, das Schauspiel Franfurt, war von seiner Vorgängerin in die Bedeutungslosigkeit gesteuert worden. Reese machte es wieder zu einem der wichtigen Theater des Landes. Das Berliner Ensemble ist da eine schöne, neue Aufgabe, aber kein Grund, nervös zu werden.

Den Ruf, einer der besten Theatermanager Deutschlands zu sein, hat sich Reese einerseits redlich erarbeitet. Andererseits ist diese Zuschreibung natürlich nicht sehr charmant, sie ist auch nicht ganz fair. Bei aller energischen Konzentration auf den Erfolg, bei aller Strategie, mit der er zum Beispiel sein Theater in Frankfurt wieder zum Stadtgespräch gemacht hat, geht Reese auch immer wieder ins (kalkulierte) Risiko: Die Erfolgsorientierung ist Mittel zum Zweck der Kunst, nicht umgekehrt.

Der zweite Grund für seine Ruhe vor dem Premierensturm (zum Einstieg gibt es gleich drei Premieren nacheinander), dürfte darin liegen, dass er ziemlich genau weiß, was er will. Dabei ist er gänzlich unbeeindruckt von diversen Moden und den nicht mehr ganz taufrischen Theorien der Postdramatik: „Ich möchte mit professionellen Schauspielern, mit literarischen, besonders gern dramatischen Texten und wohlausgewählten Regisseuren in einem Bühnenraum arbeiten und nicht erstmal mit einer Stadtbespielung oder Laiendarstellern beginnen.“ Punkt. Dazu, dass im Zentrum die Schauspieler stehen, passt, das Reese des Wort „Ensemble“ im Namen seines Theaters ernst nimmt. Es ist nicht mehr der Betrieb durchreisender Gäste wie unter Peymann, sondern eine Gruppe von Schauspielern, die zusammen den Kern dieses Theaters ausmachen. Engagements von Gästen sind eher die Ausnahme als die Regel, bei den ersten drei Premieren wirkt kein einziger mit.

Das BE ist nicht irgendein Haus, und das nicht nur, weil es durch Brecht in der frühen DDR zu einem der berühmtesten Theater der Welt wurde. Um zu erklären, was er am BE will, holt Reese etwas aus: „Die erste ­Frage zu Beginn einer Intendanz ist die nach der Geschichte des Hauses. Dieses Theater wurde 1892 als ‚Neues Theater‘ gegründet, es war in den besten Zeiten immer ein Theater der neuen Autoren, mit Uraufführungen von Fleißer, Hauptmann, Brecht schon in der Weimarer Republik; später mit Autoren und Regisseuren wie Heiner Müller und Einar Schleef. Am BE sollten Klassiker eher die Ausnahme als die Regel im Spielplan sein. Von den 17 Premieren, die wir angekündigt haben, sind zwölf von lebenden Autoren.“

Schöne Idee, ein Autorentheater. Dumm nur, dass Gegenwartsstücke nicht immer auf Gegenliebe beim Publikum stoßen, was nicht zwingend die Schuld des Publikums sein muss. „Wir haben im deutschsprachigen Theater ein riesiges Problem mit neuen ­Stücken lebender Autoren. Die wenigsten finden ein so großes Publikum, dass man sie erfolgreich auf der großen Bühne spielen kann. Das liegt auch daran, dass eine Reihe von Autoren in Deutschland zu abgehoben schreiben und die Themen außer Acht lassen“, diagnostiziert Reese ohne größere Scheu, sich bei der Hälfte der deutschen Gegenwartsdramatik unbeliebt zu machen
Seine Antwort auf diese Diagnose zeigt sich in seinem Spielplan: Gegenwartsstücke, in denen es eher um Geschichten als um Sprachflächen oder die Spiele der Dekonstruktion geht. „Es ist mir völlig egal, wenn das vielleicht bei einigen Feuilletonisten nicht als besonders hip gilt. Es gibt international Dramatiker, die hervorragend Geschichten erzählen können, jemand wie Tracy Letts etwa. Wir spielen sein neues Stück, ‚Eine Frau‘, das ist ein Meisterwerk“, sagt Reese. Letts Stück „Eine Familie“ war ein Welterfolg, die Frankfurter Inszenierung übernimmt Reese in den BE-Spielplan. Das neue Stück, dessen deutschsprachige Erstaufführung das BE im November zeigt, erzählt vom ganz durchschnittlichen Leben einer Wirtschaftsprüferin. „Das wird groß und interessant durch die Genauigkeit, mit der Tracy Letts diese Frau portraitiert. Ihre Figur wird aufgesplittert auf mehrere Schauspielerinnen“, sagt Reese. „Das ist eine intime, sehr persönliche Geschichte. Trotzdem ist das ein hochpolitisches Stück. Es zeigt, wie ein Leben zerbricht, wie gefährdet die Existenz ist. Mit Tracy Letts werden wir kontinuierlich arbeiten und auch neue Stücke von ihm spielen.“ Auch bei einer anderen Erstaufführung, „Nichts von mir“ von Arne Lygre, geht es um Menschen, die an den Rand ihrer Existenzmöglichkeiten geraten. „Es erzählt von einer großen Verlorenheit. Das sind Stücke, die mich begeistern“, schwärmt der Intendant.

Eine slowenische Regisseurin, Mateja Koleznik, inszeniert das Stück des norwegischen ­Autors. Auch mit anderen Projekten setzt Reese auf eine Internationalisierung des Spielplans – etwa wenn Dieudonné Niangoouna, der aus dem Kongo stammt und in Paris im Exil lebt, ein eigenes Stück inszeniert.

Am Schauspiel Frankfurt hat Reese mit einem Regie-Studio jungen Regisseuren die Möglichkeit für erste Arbeiten und eine konzentrierte künstlerische Entwicklung gegeben. Einer von ihnen war der heute als Shootingstar gehandelte Ersan Mondtag, der natürlich auch am BE arbeiten wird. Jetzt will Reese in Berlin in einem Autoren-Programm unter Leitung des Dramatikers Moritz Rinke mit Autoren neue Stoffe und Theaterstücke entwickeln. Das Programm arbeitet gezielt mit Autoren, die bisher noch nicht für das Theater schreiben, dafür aber über einen genauen Blick und besondere Kenntnis sozialer Realitäten verfügen – etwa Journalisten wie der „Spiegel“-Redakteur Dirk Kurbjuweit oder der deutsch-afghanische Film-Regisseur Burhan Qurbani.

Es geht vernünftigerweise nicht um Dramatikerförderung als Selbstzweck (davon gibt es andernorts mehr als genug), sondern um den Versuch, mit Autoren als Seismographen gesellschaftlicher Wirklichkeit Gegenwartsstücke für das BE zu entwickeln, die auf andere, möglicherweise genauere oder widerspruchsreichere Weise Ausschnitte heutiger Wirklichkeit zeigen als das etwa in den Grobzeichnungen der Massenmedien geschieht.
Klassiker gibt es natürlich trotzdem. Castorf inszeniert im November „Les Misérables“ nach Victor Hugo. Zur Eröffnung gibt es Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ (Regie: Michael Thalheimer) und „Caligula“ von Albert Camus (Regie: Antú Romero Nunes), ein Stück über einen narzisstischen, wahnsinnigen Herrscher – schöne Grüße nach Washington. „Das spielen wir aus aktuellem Anlass. Noch wichtiger als literarische Label ist mir, dass das BE ein politisches, zeitgenössisches Theater ist. Die Leute wollen in diesen unruhigen Zeiten nicht unbedingt einen gut abgehangenen ‚Don Carlos‘ sehen“, glaubt Reese. „Das ­Theater muss sich den drängenden Fragen der Zeit stellen, und an denen fehlt es ja derzeit wahrlich nicht, wenn wir an Trump, Terroranschläge oder den erschreckenden Erfolg der AfD denken.“

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Premierenauftakt mit „Caligula“ (21.9.), „Nichts von mir“ (22.9.) und „Der Kaukasische Kreidekreis“ (23.9.), alle ausverkauft

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