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Niemand hatte die ?Absicht, eine Mauer einzureißen

Niemand hatte die ?Absicht, eine Mauer einzureißen

1989 wurde in Berlin Geschichte geschrieben. Die Mauer fiel und befreite  beide Hälften der Stadt: Ost-Berlin von der Parteidiktatur, was noch in der Nacht des 9. November zu einem Freudentaumel führte, und West-Berlin aus seiner  Insel- und Frontstadt-Lage – was man aber erst viel später realisierte. Heute können wir uns kaum mehr vorstellen, dass alles auch ganz anders hätte  kommen können. Wirklich nicht? 

Eine Geschichte von David Wagner

November 2014 – Es sind wahrscheinlich die letzten Tage der Grünen Autonomen Republik Berlin (West). Die Söldner der DDR werden, wir rechnen damit, bald einmarschieren. „Humanitäre Mission“ werden sie es nennen – und nicht einmal ganz Unrecht haben, es gibt ja kaum noch etwas zu essen in dieser Stadt, die keine funktionierende Stadt mehr ist.
Hinter der Ruine der Staatsbibliothek, wo einmal, lange her, vor dem Zweiten Weltkrieg, der Potsdamer Platz lag, erstreckt sich ein Birken- und Robinienhain bis zum Neuen Brandenburger Tor. Von der anderen Seite der Mauer, von drüben, glitzern hell erleuchtete Glastürme herüber. In ihrem Schein kann ich lesen, nachts gibt es nur hier noch Licht.
Dass die Mauer, in deren Nähe ich sitze, früher einmal, lange vor den Analogunruhen, dazu da war, um niemanden aus dem Osten herauszulassen, das mutet heute an wie ein Witz. Kinder, denen ich davon erzähle, wollen es nicht glauben. Sie lachen, wenn sie hören, dass die Mauer um unser Berlin früher einmal dazu da war.
Wie fing das an? Wie hat die DDR den Westen überholt? Die radikalen Reformen haben sie damals wohl am Westen vorbeikatapultiert. Im Rückblick sieht es so einfach aus, ja, die DDR hat den Westen durch Digitalisierung überholt – und sich schon im Jahr 2000 in Deutsche Digitale Republik umbenannt. Die Abkürzung blieb praktischerweise die gleiche.
Zur Sicherung ihrer Grenze hatte die DDR schon in den frühen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein elektronisches Überwachungsnetz mit Kommunikationsmöglichkeiten und mobile Drohnen entwickelt. Staatsbetriebe begannen diese Überwachungstechnologie zu exportieren, Israel bekam die beste, fast unsichtbare Mauer der Welt, die USA kauften einen neuen, sehr langen Grenzzaun der neuesten Generation für ihre Grenze zu Mexiko. Überall, wo Armutsmigration aufgehalten werden musste, waren Qualitäts-Grenzsicherungen made in GDR gefragt. Mauerschützen wurden gleich mitgeliefert, die Schwarzwasser-Söldner der DDR waren und sind als Spezialkräfte in der ganzen Welt unterwegs. Morgen oder übermorgen kommen sie wahrscheinlich zu uns. Die Digitale Republik will endlich aufräumen vor ihrer Haustür. Das Neue Brandenburger Tor soll endlich irgendwo hinführen.
Die prosperierenden Rüstungs- und Überwachungstechnologieexporte ermöglichten den Import von Konsumgütern, darüber hinaus wurden eigene, sehr erfolgreiche zivile Anwendungen der Überwachungstechnik entwickelt, mobile Telefone beispielsweise. Die Regierung schenkte jedem Staatsbürger ein Handtelefon, DDR-Bürger konnten nun jederzeit und überall miteinander telefonieren. Was sie nicht wußten oder nicht wahrhaben wollten: dass sie so sehr leicht zu überwachen waren. Jeder trug eine Wanze, ein Abhörgerät mit sich herum, freiwillig. Kaum jemand musste mehr beschattet werden. Die Partei der Reformer in der Staatssicherheit hatte geahnt, daß es viel effektiver sein kann, die Bevölkerung sich selbst überwachen ?zu lassen.
Die Anti-Elektronik-Fraktion in Berlin (West) warnte vor diesen tragbaren Telefonen, ebenso die immer stärker werdende Vereinigung der Antimetaller. In der Grünen Autonomen Republik Berlin (West), die sich von der westdeutschen Altenpflegerdiktatur (der von Helmut Kohls Witwe regierten ehemaligen Bundesrepublik) losgesagt hatte, wurden Tragetelefone verboten. Die Regierung der Berliner Schwäbischen Alternative verbot dann nach und nach alle Elektronik und führte uns zurück zur Weidewirtschaft, nirgendwo durfte neu gebaut werden, Dächer wurden abgedeckt, um mehr Nistplätze für Vögel zu schaffen, es kam zu Zwangsumsiedlungen in Wagenburgen.
Heute fährt keine U-Bahn mehr, die Antimetaller haben die U-Bahntunnel geflutet und alle Autos stillgelegt (es gäbe allerdings auch weder Strom noch Benzin, um sie zu bewegen), während drüben im Osten selbststeuernde Automobile und Magnetschwebebahnen fahren. Nach Leipzig-Mitte ist die Schwebebahn angeblich nur siebenundzwanzig Minuten unterwegs. Wir hingegen gehen zu Fuß und heizen mit Abfällen. Holzfahrräder und Einbäume sind erlaubt, vegane Kleidung ist Pflicht.
West-Berliner, die noch eine andere Staatsbürgerschaft hatten, sind schon lange fortgezogen. Rückkehrprämien lockten türkischstämmige Berliner ins Boomland Erdogistan, es gibt keine Döner und keine vietnamesischen Restaurants mehr in Berlin, es gibt nur, was hier wächst: Gemüse. Immer wieder nur Gemüse. Überall Gemüse. Es wächst auf den Hängenden Gärten (die einmal Stadtautobahnen waren) und in Hochbeeten auf allen Plätzen und den Tempelhofer Feldern, überall wird biologisch und nachhaltig gegärtnert. Kaninchen finden viel zu fressen, werden aber nur heimlich gejagt, die Vegetaristen haben das totale Fleisch- und Tiertötungsverbot durchgesetzt. Nur die Grunewaldpartisanen scheren sich darum nicht, sie grillen auch Hunde. Es gibt ja genug, es gibt ungefähr hunderttausend wilde Hunde in der Stadt, Wald- und Straßenköter, die von den Haus- und Schoßhunden abstammen, die während der Analogunruhen von fliehenden Besitzern zurückgelassen wurden. Als die Analogunruhen vorbei waren, hatten die Bildschirmstürmer alle Fernseher und Computermonitore der Stadt zerschlagen. Die DDR sicherte sich in dieser Zeit die Bestände der Staatsbibliothek und die Schätze des Kunsthandwerkmuseums, kurz darauf brannte das Kulturforum ab, in dessen Ruinen ich hause. Der Wald ist dabei, sich das Gelände zurückzuerobern, Brombeeren und Pilze wachsen überall, Bienen summen herum. Seit es verboten ist, Bäume zu fällen, weil auch für Bäume Bürgerrechte gelten, wuchert alles zu.
In der DDR nahm die Selbstüberwachung der DDR-Bürger mit den aufkommenden Computer-Steckbriefalben dann ganz neue Züge an. Bald hatte jeder eine Seite im Netz und machte alles öffentlich, niemand wollte mehr Geheimnisse haben – dem Staat war das, so geht die Erzählung, sehr recht. Terminals standen überall, bald gab es transportable Geräte, und dann wollte jeder, auch Menschen im Westen, einen Robotron Boskop besitzen, Robotron Boskop, das Taschengerät für alle, das immer alles weiß. Und immer dabei sein kann. Robotron ist wohl Weltmarktführer – aber was weiß ich, ich lese ja nur altes Papier. Fetzen, die beim Brand der Staatsbibliothek übrig blieben.
„Überholen ohne einzuholen“ – unsere Großeltern hatten über diesen Satz gelacht, und nun ist es ihnen doch gelungen. Der digitale Sozialismus hat gewonnen. Nicht nur Robotron, auch der Staatsbetrieb, der ursprünglich Raufasertapete für den Westen herstellte, wurde zum Weltkonzern, weil ein sächsischer Ingenieur die Google erfand. Die Google war anfangs bloß eine Suchmaschine, die vieles im Netz finden und verbergen konnte. Heute weiß die Google einfach alles, weil jeder Nutzer ihr etwas verrät. Sie kann sich alles merken. Ursprünglich sollte die Google „Kristallkugel“ beziehungsweise „Kugel“ heißen – ihr Erfinder, der sächsische Ingenieur Erich Schmidt, sprach jedoch so undeutlich, daß alle immer Google statt Kugel verstanden.
Ich sitze jetzt auf einem umgestürzten Baumstamm nicht weit von der Mauer, die im Grunde unsichtbar ist, nur ein Leuchtband und ein mit Pestiziden kahl gehaltener Bodenstreifen markieren die Grenze. Ich könnte einfach hinübergehen, mir würde gar nichts passieren – wenn ich nur einen DDR-Chip implantiert hätte. Mittlerweile trägt jeder Bürger der Deutschen Digitalen Republik einen winzigen implantierten Near-Field-Communication-Chip mit individueller Kennung, der überall registriert wird, immer, überall, Neugeborene bekommen ihn in den ersten Lebensminuten eingesetzt. Trüge ich einen in mir, die unsichtbare Mauer würde mich erkennen und durchlassen. Ein NFC-Chip öffnet viele Türen, startet Selbstfahrerautos und Videospiele, ermöglicht Bezahlung und Grenzübertritte und identifiziert eindeutig. In der Deutschen Digitalen Republik ist jeder immer erkennbar.
Nicht wenige von denen, die noch hier in der Grünen Hungerrepublik ausharren, sind schon Bürger der Digitalen Republik. Ja, es war ein Geniestreich der DDR, daß sie Staatsbürgertum und Territorium entkoppelte. Fast jeder, egal, wo er auf der Welt wohnt, kann Bürger der Deutschen Digitalen Republik werden. Er muß nur einer Chip-Implantierung zustimmen. So sind die besten Softwareingenieure Indiens, Indonesiens, Chinas Bürger der DDR geworden. Neubürger dürfen sich hocharbeiten, Bonuspunkte und Gratifikation können erworben werden. Vielleicht war das auch eine gute Idee der DDR: ihren Bürgern das Leben als großes Videospiel zu verkaufen.
Hätte es nicht auch anders kommen können? Hätten die Digitalisten der Staatssicherheit damals im Frühjahr 1988 nicht geputscht – würde Erich Honecker noch immer regieren? Ohne die digitalen Reformen hätte die alte DDR ihren 40. Geburtstag wahrscheinlich nicht mehr gefeiert. Der Westen hätte den Kalten Krieg gewonnen. Wer weiß. Es gäbe vielleicht Strom, und ich müßte nicht nachts bis zur Mauer kriechen, um ein wenig Licht zu finden.
Die Sache mit dem Strom ist schwierig. Es gibt illegale Leitungen, es gibt versteckte Windkraftanlagen und Solarmodule – oft aber ziehen Anti-Strom-Fanatiker durch die Stadt und zerstören diese Anlagen, weil sie Stromstrahlen fürchten. Um den natürlichen Biorhythmus nicht zu stören und die Pflanzen und Tiere nicht zu irritieren, gilt sowieso ein allgemeines Nachtlichtverbot. Deshalb sitze ich hier an der Mauer, hier kann ich lesen, hier kommt Licht von drüben.
Rüber möchte ich trotzdem nicht. Ich bin gerne eine tote Seele. So nennen sie uns, tote Seelen, weil wir nicht registriert sind, weil es uns digital nicht gibt. Sie haben ja keine Ahnung.“

Illustration: Sarah Neuendorf

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