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„Öl“ von Lukas Bärfuss am deutschen Theater

In seinem Roman „Hundert Tage“ erzählt Bärfuss aus der Perspektive
eines zuerst naiv idealis­tischen, später auf das Brutalste
desillusionierten Mitarbeiters der Schweizer Botschaft in Kigali vom Völkermord in Ruanda.
Innerhalb weniger Wochen wurden 1994 zwischen 800.000 und einer Million
Angehörige der Tutsi-Minderheit regelrecht abgeschlachtet, ein gut
organisierter Genozid, ausgeführt mit Macheten, geplant und
durchgeführt von einem Regime, das lange als afrikanischer
Mus­terschüler der westlichen Entwicklungshilfeorganisationen
galt und entsprechend mit Hilfsgeldern geflutet wurde – „die Schweiz
Afrikas“. In Ruanda erfährt Bärfuss’ Protagonist mehr als ihm lieb ist,
über sich selbst, über sein wohlsortiert-naives Weltbild und über sein eigenes Land, die Schweiz.
„Wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten“, grübelt er am Ende seines Desillusionierungsprozesses.
„Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man
sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben und nicht in der roten Soße
unterzugehen.“ Kein Wunder, dass Bärfuss’ Roman in der Schweiz für
einige Aufregung sorgte. Mit kaltem Schauder nimmt der aus dem Ruanda
des Völkermords nach Europa zurückgekehrte Botschaftsmitarbeiter seine
Landsleute und ihre geradezu kindliche moralische Selbstgerechtigkeit
wahr: „Ich bin nach meiner Rückkehr durch dieses Land gezogen, und ich
habe nur gerechte Menschen gefunden, die wissen, was gut und was
schlecht ist.“
Um ähnliche gespenstische Illusionen der Unschuld, um den Zusammenhang
zwischen Verbrechen andernorts und Wohlstand hierzulande geht es auch
in „Öl“,
Bärfuss’ neuem Stück. Es erzählt zunächst von Eva Kahmer, einer
vereinsamten, langsam durchdrehenden Ehefrau mit einem schweren
Alkoholproblem. Dass ihr im Traum oder einer Art Wach-Delirium
eine mysteriöse Prophetin erscheint, die seltsame Andeutungen und
Befehle von sich gibt, macht es auch nicht unbedingt besser. Weil ihr
Gatte nach Ölvorkommen sucht, muss sie in ir­gendeinem trostlosen
Dritte-Welt-Land, isoliert in ihrem Haus, bedient und bewacht von einer
Einheimischen, ihre Tage totschlagen. So weit, so theaterüblich und
vertraut aus unzähligen Ehekata­strophen-Kammerspielen.
Interessant wird es, wenn man die Öl­suche, die Europäer in der Dritten
Welt, den ganz normalen Wirtschaftsimperialismus mit dem privaten Elend
kurzschließt – und wenn das eine mit dem anderen mehr als nur durch
biografische Zufälle zu tun hat. Und das genau ist Bärfuss’ steile
These.
Auf sein Thema kam Bärfuss eher durch Zufall. Vor acht Jahren war er
von der Schweizer Botschaft zwecks Kulturaustausch nach Kasachstan
eingeladen. Er lernte Leute aus der Ölindustrie kennen und fing an,
sich dafür zu interessieren, wie es den Familien der Manager geht,
isoliert in irgendeiner Gated Community. Und er fing an, ähnlich wie in
„Hundert Tage“, der Vorstellung zu misstrauen, innerhalb der hochgradig
vernetzten und interdependenten Weltwirtschaft könnte es so etwas wie
Unschuld geben. „Was mich bei ,Öl‘ interessiert hat, war die Einsicht,
dass unsere Demokratien mit ihren Bürgerrechten und Menschenrechten,
mit ihren liberalen Freiheiten, alle abhängig sind von einem Stoff, der
in Ländern abgebaut wird, die diese Rechte und Ideale mit Füßen treten
– Saudi-Arabien, Nigeria, Venezuela, Iran, Russland“, berichtet Bärfuss
eine Woche vor der DT-Premiere, konzentriert, mit Schweizer
Höflichkeit, ziemlich entspannt und offenkundig frei von übertriebener
Nervosität angesichts der prominent platzierten Uraufführung.
„Wir wissen, welche Verbrechen zum Beispiel Shell in Nigeria verübt
hat, bis zum Mord an dem Menschenrechtsaktivisten Ken Saro-Wiwa.
Gleichzeitig tanken wir bei Shell oder einem anderen Multi und ärgern
uns über den Benzinpreis, obwohl das Benzin in Wirklichkeit natürlich
viel teurer sein müsste“, sagt der Dramatiker. „Ich habe mich gefragt,
wie diese Strategien der Abspaltung funktionieren. Man kann sich das ja
nicht jeden Tag vergegenwärtigen, man braucht irgendeinen Mechanismus der Verdrängung.
Wir haben das Gefühl, wir können uns distanzieren, aber in Wirklichkeit
sind wir ein Teil dieser Mechanismen. Was geschieht, wenn diese
Verdrängung nicht mehr funktioniert, wenn einen die Realität plötzlich
heimsucht?“
Genau hier setzt sein Stück an, indem es andeutet, die Wahnzustände und
Selbstgespräche der vereinsamten Ölsucher-Gattin sei­en Zeugnisse einer
Art höherer Wahrheit. „Wir haben das Gefühl, dass wir sehr weit weg
sind von diesen Ereignissen. Eva Kahmer in meinem Stück hat einfach
diese Möglichkeit nicht, sie hat keine Distanz“, sagt Bärfuss über
seine Bühnenfigur. „Eva Kahmer dringt ungefiltert zu einer Wirklichkeit
durch, in der wir alle leben. Ich möchte nicht über die Ölindustrie und
ihre Praktiken referieren. Um darüber etwas zu erfahren, kann man in
die Buchhandlungen gehen oder gute Zeitungen lesen. Aber was das mit
uns zu tun hat, was das mit uns macht, das interessiert mich, und das
kann man eben nicht im Wirtschaftsteil
einer Zeitung lesen. Ich wollte beim Schreiben etwas in Erfahrung
bringen. Es ist nicht so, dass ich vorher schon alles weiß, wenn ich
mit dem Schreiben und Recherchieren anfange.“
Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair/ Beatrice Künzi

Teil 1 des Interviews mit Lukas Bärfuss


Das Interview mit John von Düffel lesen sie auf Seite 57 in Heft 20/2009

„Öl“
im Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Mitte,
Premiere: 18.9.; 19.9., 19.30 Uhr, 24., 30.9., 7.10., 20 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

Lukas Bärfuss „Hundert Tage“, Wallstein Verlag, 197 Seiten, 19,80 Ђ

 

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