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Spielzeitauftakt am Deutschen Theater – Teil 2

LukasBärfuss„Wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten“, grübelt er am Ende seines Desillusionierungsprozesses. „Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben und nicht in der roten Soße unterzugehen.“ Kein Wunder, dass Bärfuss’ Roman in der Schweiz für einige Aufregung sorgte. Mit kaltem Schauder nimmt der aus dem Ruanda des Völkermords nach Europa zurückgekehrte Botschaftsmitarbeiter seine Landsleute und ihre geradezu kindliche moralische Selbstgerechtigkeit wahr: „Ich bin nach meiner Rückkehr durch dieses Land gezogen, und ich habe nur gerechte Menschen gefunden, die wissen, was gut und was schlecht ist.“ Um ähnliche gespenstische Illusionen der Unschuld, um den Zusammenhang zwischen Verbrechen andernorts und Wohlstand hierzulande geht es auch in „Öl“, Bärfuss’ neuem Stück. Es erzählt zunächst von Eva Kahmer, einer vereinsamten, langsam durchdrehenden Ehefrau mit einem schweren Alkoholproblem. Dass ihr im Traum oder einer Art Wach-Delirium eine mysteriöse Prophetin erscheint, die seltsame Andeutungen und Befehle von sich gibt, macht es auch nicht unbedingt besser. Weil ihr Gatte nach Ölvorkommen sucht, muss sie in ir­gendeinem trostlosen Dritte-Welt-Land, isoliert in ihrem Haus, bedient und bewacht von einer Einheimischen, ihre Tage totschlagen. So weit, so theaterüblich und vertraut aus unzähligen Ehekata­strophen-Kammerspielen. Interessant wird es, wenn man die Öl­suche, die Europäer in der Dritten Welt, den ganz normalen Wirtschaftsimperialismus mit dem privaten Elend kurzschließt – und wenn das eine mit dem anderen mehr als nur durch biografische Zufälle zu tun hat. Und das genau ist Bärfuss’ steile These.

Auf sein Thema kam Bärfuss eher durch Zufall. Vor acht Jahren war er von der Schweizer Botschaft zwecks Kulturaustausch nach Kasachstan eingeladen. Er lernte Leute aus der Ölindustrie kennen und fing an, sich dafür zu interessieren, wie es den Familien der Manager geht, isoliert in irgendeiner Gated Community. Und er fing an, ähnlich wie in „Hundert Tage“, der Vorstellung zu misstrauen, innerhalb der hochgradig vernetzten und interdependenten Weltwirtschaft könnte es so etwas wie Unschuld geben. „Was mich bei ,Öl‘ interessiert hat, war die Einsicht, dass unsere Demokratien mit ihren Bürgerrechten und Menschenrechten, mit ihren liberalen Freiheiten, alle abhängig sind von einem Stoff, der in Ländern abgebaut wird, die diese Rechte und Ideale mit Füßen treten – Saudi-Arabien, Nigeria, Venezuela, Iran, Russland“, berichtet Bärfuss eine Woche vor der DT-Premiere, konzentriert, mit Schweizer Höflichkeit, ziemlich entspannt und offenkundig frei von übertriebener Nervosität angesichts der prominent platzierten Uraufführung.

„Wir wissen, welche Verbrechen zum Beispiel Shell in Nigeria verübt hat, bis zum Mord an dem Menschenrechtsaktivisten Ken Saro-Wiwa. Gleichzeitig tanken wir bei Shell oder einem anderen Multi und ärgern uns über den Benzinpreis, obwohl das Benzin in Wirklichkeit natürlich viel teurer sein müsste“, sagt der Dramatiker. „Ich habe mich gefragt, wie diese Strategien der Abspaltung funktionieren. Man kann sich das ja nicht jeden Tag vergegenwärtigen, man braucht irgendeinen Mechanismus der Verdrängung. Wir haben das Gefühl, wir können uns distanzieren, aber in Wirklichkeit sind wir ein Teil dieser Mechanismen. Was geschieht, wenn diese Verdrängung nicht mehr funktioniert, wenn einen die Realität plötzlich heimsucht?“

Genau hier setzt sein Stück an, indem es andeutet, die Wahnzustände und Selbstgespräche der vereinsamten Ölsucher-Gattin sei­en Zeugnisse einer Art höherer Wahrheit. „Wir haben das Gefühl, dass wir sehr weit weg sind von diesen Ereignissen. Eva Kahmer in meinem Stück hat einfach diese Möglichkeit nicht, sie hat keine Distanz“, sagt Bärfuss über seine Bühnenfigur. „Eva Kahmer dringt ungefiltert zu einer Wirklichkeit durch, in der wir alle leben. Ich möchte nicht über die Ölindustrie und ihre Praktiken referieren. Um darüber etwas zu erfahren, kann man in die Buchhandlungen gehen oder gute Zeitungen lesen. Aber was das mit uns zu tun hat, was das mit uns macht, das interessiert mich, und das kann man eben nicht im Wirtschaftsteil einer Zeitung lesen. Ich wollte beim Schreiben etwas in Erfahrung bringen. Es ist nicht so, dass ich vorher schon alles weiß, wenn ich mit dem Schreiben und Recherchieren anfange.“

Text: Peter Laudenbach
Foto:Beatrice Künzi /Arno Declair

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Öl

im Deutschen Theater, (Adresse + Googlemap)
Premiere: 18.9.; 19.9., 19.30 Uhr, 24., 30.9., 7.10., 20 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets


Lukas Bärfuss „Hundert Tage“
, Wallstein Verlag, 197 Seiten, 19,80 Ђ

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