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Deutschen Theater startet mit „Öl“ und „Herz der Finsternis“ in die Spielzeit

Oel Während sich die reichen Länder in der Rezession ausgiebig und nicht frei von Selbstmitleid damit beschäftigen, dass ihr Bruttoinlandsprodukt um ein paar Prozentpunkte schrumpft und das Wohlstandsniveau jetzt nur noch auf dem Stand von 2005 oder 2006 ist, setzt das Deutsche Theater, sozusagen antizyklisch, einen dezidiert anderen Akzent. In den ersten beiden Premieren der Spielzeit, „Herz der Finsternis“ (Regie: Andreas Kriegenburg) und „Öl“ (Regie: Stephan Kimmig), geht es um extreme Fremdheitserfahrungen, um die Dritte Welt und darum, was wir in ihr anrichten und was das wiederum mit uns macht. Es geht, um es mit etwas altmodischen Vokabeln zu sagen, um Kolonialismus und Wirtschaftsimperialismus.

Für zeitgenössische Dramatiker ist das ein eher seltener Stoff. Auf das Theater kommt er in der Regel bestenfalls als europäische, schwer sexuell dampfende Fieberfantasie wie bei Koltйs („Kampf des Negers und der Hunde“) oder als neomarxistisch hochgetunter Revolutionskitsch wie bei Heiner Müller („Der Auftrag“). Von solchen ideologischen Welterklärungsstrickmustern und Projektionen, die in der Dritten Welt das ganz andere und den Reiz aufregender Exotismen vermuten, ist Lukas Bärfuss’ Stück „Öl“ ziemlich weit entfernt. Vermutlich ist der 38-Jährige einfach ein zu genauer und neugieriger Beobachter, wahrscheinlich interessiert er sich zu sehr für seine Figuren, um das Theater mit einer Ideologiebrockenbaustelle und einem Weltbildlieferanten zu verwechseln.

Spätestens seit seinem Stück „Der Bus“ ist Bärfuss einer der meistgespielten Dramatiker des deutschsprachigen Gegenwartstheaters. „Öl“ ist nach seinem im vergangenen Jahr erschienenen und unbedingt lesenswerten Roman „Hundert Tage“ bereits das zwei­te Werk des Schweizer Schrift­stellers, das sich explizit und aus jeweils klug gewählten, originellen Perspektiven dafür interessiert, was passiert, wenn Menschen aus der reichen, sogenann­ten Ersten Welt in Afrika oder Asien ihre Geschäfte machen, und seien es Geschäfte im Gutmenschen- und Entwicklungshilfe-Business.

In seinem Roman „Hundert Tage“ erzählt Bärfuss aus der Perspektive eines zuerst naiv idealis­tischen, später auf das Brutalste desillusionierten Mitarbeiters der Schweizer Botschaft in Kigali vom Völkermord in Ruanda. Innerhalb weniger Wochen wurden 1994 zwischen 800.000 und einer Million Angehörige der Tutsi-Minderheit regelrecht abgeschlachtet, ein gut organisierter Genozid, ausgeführt mit Macheten, geplant und durchgeführt von einem Regime, das lange als afrikanischer Mus­terschüler der westlichen Entwicklungshilfe- Organisationen galt und entsprechend mit Hilfsgeldern geflutet wurde – quot;die Schweiz Afrikas„. In Ruanda erfährt Bärfuss’ Protagonist mehr als ihm lieb ist, über sich selbst, über sein wohlsortiert-naives Weltbild und über sein eigenes Land, die Schweiz.

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