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Olympische Spiele 2024 oder 2028 in Berlin?

Olympische Spiele 2024 oder 2028 in Berlin?

Judith Demba war als sportpolitische Sprecherin für B90/Die Grünen maßgeblich an der NOlympia-­Kampagne gegen die Bewerbung um die Olympischen Spiele 2000 beteiligt. Seit 2007 ist sie für die Linken im Verbindungsbüro der Europafraktion im Bundestag und seit 2013 beim Landesverband der NaturFreunde ­Berlin, der gemeinsam mit der Grünen Liga Berlin das NOlympia-Berlin- Bündnis 2014 initiiert hat.

tip Die erste Frage des DOSB lautet: „Warum will Ihre Stadt die Olympischen und Paralympischen Spiele ausrichten?“ – Was, glauben Sie, wird der Berliner ­Senat antworten?
Judith Demba In den Antworten auf diese Frage geht es immer um den Imagegewinn, den Berlin durch Olympische Spiele bekommen würde. Aber die Stadt braucht diesen Imagegewinn nicht, denn Berlin ist bereits in. Es kommen viele junge Leute hierher, die sich hier ausprobieren wollen. Man sollte lieber die soziokulturelle Struktur fördern, die Hochschulen ausbauen. Das ist sinnstiftender und nachhaltiger. Doch ich befürchte, dass der Senat sich auch deshalb für dieses prestigeträchtige Großprojekt bewerben will, um seine ganzen anderen Baustellen in den Hintergrund zu drängen: den BER, die Staatsoper, das Ostkreuz, die Zukunft des ICC, die Frage, wie viele Sozialwohnungen gebraucht werden …

tip Mit der Max-Schmeling-Halle, dem Velodrom, der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark oder dem grundsanierten Olympiastadion gibt es aus der Bewerbung für Olympia 2000 bereits einige große Sportstätten. Der Senat verspricht auch aufgrund dieser vorhandenen Infrastruktur Olympische Spiele zu einem sehr günstigen Preis.
Judith Demba Mal abgesehen davon, dass das Olympiastadion so auch saniert wurde, weil es auch für Hertha BSC oder das ISTAF gebraucht wird, wurden die genannten Sportstätten im Zuge der Bewerbung für Olympia 2000 gebaut. Der Senat ist aber an den Olympischen Spielen 2024 beziehungsweise 2028 interessiert. Dann sind diese Sportstätten noch mal 14 Jahre älter und nach den Standards des IOC nicht olympiatauglich. Diese Gebäude nach den IOC-Vorgaben zu sanieren, könnte teurer werden, als neu zu bauen. Und auf die IOC-Vorgaben hat der Berliner Senat keinen Einfluss. Diese Versprechen, Olympische Spiele zum Schnäppchenpreis realisieren zu können, sind Blasen, die ganz schnell zerplatzen werden.

tip London 2012 hat gezeigt, dass man auch mit temporären oder zurückbaubaren Sportanlagen Olympische Spiele bestreiten kann.
Judith Demba Selbst wenn Sportstätten auf- und abgebaut würden, würden Olympische Spiele viel mehr kosten als die zwei Milliarden Euro, die Innensenator Frank Henkel in den Raum geworfen hat. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität Oxford waren die Olympischen Spiele in London nicht nur die teuersten Spiele aller Zeiten. Die Uni hat auch nachgewiesen, dass Olympische Spiele seit 1960 durchschnittlich um 252 Prozent teurer waren als zuvor veranschlagt. Interessant ist auch, dass der Senat für seine temporären Sportanlagen das Tempelhofer Feld miteinplant. Dabei hat das Volksbegehren doch ergeben, dass die Berliner wollen, dass das Feld so bleibt, wie es ist. Der Senat veräppelt doch die Bevölkerung, indem er einerseits erklärt, die Berliner sollen mitentscheiden, ob sich Berlin bewirbt, und andererseits das Ergebnis des Volksbegehrens ignoriert.

Olympische Spiele 2024 oder 2028 in Berlin?

tip Über die Hälfte der Berliner hätten gerne Olympische Spiele in der Stadt.
Judith Demba Ja, eine Forsa-Umfrage hat ergeben, dass 52 Prozent der Berliner die Olympischen Spiele wollen. Für die Umfrage sind 1?003 Leute befragt worden. Nur 38 Prozent von denen sind aber davon überzeugt, dass die Spiele der Stadt tatsächlich etwas bringen. Kurz vor der Forsa-Umfrage ergab eine Online-Umfrage der „Berliner Zeitung“ mit Beteiligung von mehr als 9?000 Menschen, dass 58 Prozent gegen die Spiele sind.

tip Im Rahmen der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin fühlte sich das Publikum von Sport-Stars wie Usain Bolt beflügelt und motiviert. Solche Größen kämen auch mit den Olympischen Spielen in die Stadt.
Judith Demba Es geht nicht darum, irgendjemandem den Spaß zu verderben. Die Frage ist nur: Welchen Spaß soll sich die Stadt leisten? Wir haben doch bereits große Sport-Events. Wir haben das ISTAF, den Marathon, Erstliga-Fußball, -Basketball oder -Eishockey, die Schwimm-EM. Die Menschen werden bei uns genügend beflügelt und motiviert. Was die motivierten Menschen aber auch brauchen, sind funktionierende Sportanlagen, die sie selber nutzen können. Der Landessportbund verzeichnet hinsichtlich der Breitensportanlagen ein Defizit von 300 Millionen Euro. Vom Land Berlin werden nur rund 9 Millionen Euro jährlich investiert. In Berlin wurden Schwimmhallen zugemacht statt saniert. Über 20 Prozent der Grundschüler können nicht schwimmen. Da sollte man investieren. Und nicht in vier Wochen Spaß für Olympische Spiele.

tip Olympische Spiele ziehen Paralympische Spiele nach sich. Bereits im Rahmen der Bewerbung für Olympia 2000 wurden U- und S-Bahnhöfe in Berlin mit Aufzügen ausgerüstet. Das bringt mehr Inklusion.
Judith Demba Seit 1992 gibt es das Konzept der behindertengerechten Stadt. Das war außerhalb der damaligen Olympiabewerbung entworfen worden. Heute, nach über 20 Jahren, sind immer noch nicht alle S- und U-Bahnhöfe mit Aufzügen ausgestattet. Da frage ich mich, ob eine Olympiabewerbung das richtige Mittel ist, diesen Bedarf zu stillen. Für den Ausbau brauchen wir keine Paralympischen Spiele, bei denen der Schwerpunkt auf der behindertengerechten Infrastruktur für Sportler liegt. Das ist zwar ebenfalls wichtig, aber der Anspruch der behindertengerechten Stadt geht viel weiter. Man kann Geld ja nur einmal ausgeben: für die Bewerbung um Olympische Spiele, die alleine schon geschätzt um die 60 Millionen Euro kostet – ganz abgesehen von den Milliarden, die bei einer erfolgreichen Bewerbung folgen würden, oder für den Ausbau der schon vorhandenen Infrastruktur, für Rampen, für Aufzüge, für Schulen, Kindergärten, Breitensportanlagen.

tip Das Bündnis NOlympia mag Olympische Spiele grundsätzlich nicht?
Judith Demba Meiner Meinung nach muss man solche Events grundsätzlich infrage stellen. Für das IOC und die Sponsoren geht es nicht um Sport, sondern nur um eine Ware, um Einschaltquoten, um Gewinne. Und um Verluste, die die öffentliche Hand trägt. Man muss sich fragen, welche Legitimation dieses IOC eigentlich hat. Das ist ein riesengroßes Unternehmen mit mehreren Milliarden Umsätzen, das keine Steuern zahlen muss, weil es ja angeblich non-profit ist.

Interview: Eva Apraku#

Fotos: Bündnis Olympia Berlin, Gattarossa

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