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„Pandämonium Germanicum – Lenz im Loop“ im HAU 2

Pandämonium Germanicum

Es hat mit beiden kein gutes Ende genommen. Nicht mit Bernward Vesper, Sohn eines Nazi-Dichters, der als Ex-Freund von Gudrun Ensslin an der Peripherie der RAF herumgeisterte, zu viele Drogen schluckte und sich 1971 in der Psychiatrie das Leben nahm. Der  Nachwelt hinterließ Vesper ein genialisches Abrechnungspamphlet („Die Reise“). Und auch nicht mit Jakob Michael Reinhold Lenz, dem Sturm-und-Drang-Dichter und Jugendfreund Goethes, der unter schizophrenen Schüben litt, unbehaust umherirrte und schließlich vergessen auf den Straßen Moskaus verhungerte. Die jüngste Produktion des Berliner Performance-Kollektivs and­company („Pandämonium Germanicum – Lenz im Loop“) fragt, was diese irrlichternden Grenzgänger-Existenzen miteinander zu tun haben. Andcompanys Forschungs­methode ist die forcierte Assoziationen-Beschleunigung. Lenz als romantisch verkitschten Stellvertreter für Genie- und Wahn-Ideen zu lesen, fällt ihnen schon mal nicht ein. „Da manifestiert sich bei Vesper ein ganz anderer, auch drogeninduzierter Wahn“, sagt andcompany-Mastermind Alexander Karschnia (Foto unten). Als er vor einigen Jahren angefangen habe, sich über die berühmte Büchner-Erzählung hinaus mit Lenz zu beschäftigen, sei er verblüfft gewesen, „was für einen analytischen Verstand er hat, und was für eine politische Entscheidung es war, zu schreiben, wie er geschrieben hat, und sich nicht anzupassen.“
Pandämonium GermanicumDas Stück von Lenz, die selbstironiesatte Literaturbetriebs-Satire „Pandämonium Germanicum“, in der Lenz an der Seite Goethes den „Tempel des Ruhms“ erklimmt und allerlei literarische Größen der Zeit parodiert werden, dient den Performern dabei nur als Sprungbrett für den Gedankensalto durch die Zeiten und Zitate. „Ein sehr voraussetzungsreicher Text, den konnten wir natürlich nicht eins zu eins machen“, so Karschnia. Stattdessen schreiben sie das „Pandämonium“ fort, betten es ein in andere Lenz-Texte, wie etwa die „Anmerkungen zum Theater“. Und sie beleuchten den Konflikt mit Goethe, der in das weltgeschichtliche Wendejahr 1776 fiel. Woher dieser Bruch rührte, ist bis heute nicht bekannt, man vermutet, sagt Karschnia, dass Lenz auf einem Maskenball am Weimarer Hof die Etikette missachtet habe, Goethe spricht von „Lenzens Eselei“. Sicher, wie Dokumente belegen, trieb man damals derbe, regelrecht sadistische Späße miteinander. Doch während Großbürger Goethe stets wusste, wann es ernst wird mit den Konventionen, ist Lenz offenbar in Sturm-und-Drang-Manier auf die erstarrte Gesellschaft geprallt. Die Folge: totale Isolation. Goethe macht sich zum Weimarer Klassiker, Lenz, dieser frühe Popliterat einer kurzen Ära der Anarchie, lebt als Hippie im Wald. „Für uns“, sagt Karschnia, „geistert er durch die deutsche Literatur und Geschichte wie der Fliegende Holländer.“
Die Andockmöglichkeiten sind zahlreich. Wie Karschnia erzählt, schmähte Goethe den Loser Lenz als „Projektemacher“ – tatsächlich eine Vokabel aus der damaligen Zeit und der Link zur heutigen Künstlersituation zum Beispiel der andcompany. Mit „Projektemacher“ meinte Goethe: Den sich verzettelnden Phantasten, der mit tausend Vorhaben schwanger ging, aus denen aber nichts wurde. „Bei Vesper war es ähnlich: Der hat eine ernorme verlegerische Tätigkeit entfaltet, aber da ist auch viel gescheitert, etwa der Versuch, das Gesamtwerk seines Vaters herauszubringen, noch mit Gudrun Ensslin. Dafür haben sie mit rechtsradikalen Verlagen korrespondiert, während er gleichzeitig schon linke Literatur herausgegeben hat“, berichtet Karschnia.  
Alexander KarschinaLinks, rechts, das sind im andcompany-Kosmos schon lange keine Orientierung stiftenden Koordination mehr. Da treffen, wie in „Mysterium Buffo“ oder „West in Peace“, die großen Köpfe der ideologischen Lager zur fröhlichen Culture-Clash-Umarmung aufeinander, da ist es von Karl May zu Karl Marx und von Lenin zu Lennon immer nur eine kurze Drehung. Blitzgescheit sind die andcompany-Produktionen und auf Popdiskurshöhe sowieso. Im Falle ihres „Lenz im Loop“ nehmen die Performer etwa Bezug auf einen Text aus Diedrich Diederichsens „Eigenblutdoping“. Diederichsen, erzählt Karschnia, hätte grundsätzlich auch gerne etwas zu ihrer Inszenierung beigesteuert. Aber lustigerweise habe er „Pandämonium Germanicum“ gerade für sich selbst entdeckt.

Text: Patrick Wildermann

Fotos oben und mittig: Gregor Knueppel

Pandämonium Germanicum – Lenz im Loop, HAU 2, 6.1. (Premiere), 20 Uhr, auch 8. bis 11.1., 20 Uhr

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