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Peer Gynt gespielt von Jens Harzer am Maxim Gorki Theater

Peer Gynt im Maxim Gorki Theater

Er ist das große, durchtriebene Traumkind des Theaters – Jens Harzer. Ein Schlacks mit Strubbelhaar, Kohleaugen, Kinngrübchen und Samtstimme. Ein Schauspie­ler­wunder. Im Deutschen Theater spielt er in Jürgen Goschs epochaler „Onkel Wanja“-Inszenierung den von Utopieprojekten, Wodka und Daseinspessimismus durchglühten Hardcore-Individua­listen Astrow. Mit einem von Tes­tosteronexplosionen gigantisch gespreizten Schnurrbart unter der Nase. Im Gorki-Theater ist Harzer jetzt die so wilde wie wunderliche Hauptfigur in Henrik Ibsens „Peer Gynt“, diesem so staunenden wie analytischen Monumentaltheater aus nördlichen Sagen- und globalen Wirklichkeitswelten.
Peer, ein kreativer Taugenichts, aber unentwegt auf der Suche nach dem, was die Welt wie ihn selbst im Innersten zusammenhält, unternimmt eine fantastische Tour de Force durch Zeiten, Märchen, Welten. Er ist Superlümmel, tobend in „einem Meer von Begierde“, ist alerter Youngster, Goldgräber, Sklavenhändler, ist ein Bruder Baals und Playboy der westlichen Welt, ein skrupelloser Egomane und zynischer Opportunist in Ibsens moralisierendem Märchen und philosophischem Ideendrama, in dieser Bürgergroteske und nicht zuletzt unerfüllten Lovestory mit der traurig singenden Solveig.

Was für eine Rolle für solch einen Schauspieler wie Harzer! Regisseur Jan Bosse stellt sich ganz auf ihn ein. Er drückt das Exzessiv-Opulente, den opernhaften Märchen- und Mummenschanz rigoros zurück, lässt sich von Stephane Laime auf der ansonsten leeren Bühne eine Welt aus Pappkartons bauen; auch als Spielbude und Klettergerüst sowie Projektionsfläche für allzu reichlich Videoclips. Und lässt ansonsten (fast) alles von Harzer machen: Und das ist vor allem das Philosophierende. Ist Peers Reflektieren. Sein Hin und Her zwischen den beiden Daseins-Maximen „Sei dir selbst genug!“ und „Sei du selbst!“
Harzer tut das so erschütternd wie faszinierend cool, durchträumt hellwach das Dreistunden-Gedicht in der witzigen Übersetzung von Christian Morgenstern; schiebt mithin das Wilde, Saftige, Kraftlackelhafte lax beiseite. Und präsentiert ein so präzises wie phänomenales Gyntsches Grübel-Solo. Das sich bei seiner Hamburger Premiere im dortigen (koproduzierenden) Thalia in dessen Weite ein bisschen verloren haben mag. Jetzt hier, im engeren Berliner Gorki, packt es als souverän hingeworfenes Denkkonzentrat. Mit einem adäquaten Mitspieler: mit der rotzig lakonischen und doch so innig liebenden, so anrührend beherzt in den Tod gehenden, großen Karin Neuhäuser als Peers Mutter Aase.

Text: Reinhard Wengierek
Foto: Bettina Stöß

tip-Bewertung: Sehenswert

Peer Gynt
im Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, 30.10., 18., 28.11., 19.30 Uhr

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

 

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