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Performance-Künstler Phil Collins im Gespräch

Phil_Collinstip: Phil Collins, Ihre Performance „This Unfortunate Thing Between Us“ greift auf das Format des Teleshoppings zurück.

Phil Collins: Ich wollte eine Performance live aus dem Theater produzieren, die eine Auswirkung auf die Welt außerhalb des Theaters hat. Und ich liebe Teleshopping …

tip: Haben Sie schon mal im TV etwas gekauft?

Collins: Nein, aber ich habe mir viele solcher Sendungen angesehen. Ich mag Marktschreier unheimlich gerne, sie haben ein großartiges Gespür für Sprache, und sie haben die Fähigkeit, die immer gleichen Objekte wie Gläser oder Handtücher in immer wieder neuen Worten zu beschreiben. Sie liefern diese unglaublichen Reden ab und formen dadurch eine Gemeinschaft. Das fasziniert mich am Teleshopping. Aber sie verkaufen dort nur Dinge, die ich nicht haben möchte. Also habe ich mich gefragt, wie es wäre, wenn man im Fernsehen etwas kaufen könnte, das Bedeutung hätte, das gefährlich wäre oder Mut verlangen würde. Sodass sich die Gemeinschaft nicht über Kartoffelschäler herstellen würde, sondern über Erfahrungen.

tip: Und was verkaufen Sie?

Collins: Wir verkaufen drei unterschiedliche Erfahrungen. Erstens bieten wir die Chance, verhört und ausgefragt zu werden. Zweitens die Möglichkeit, in einem viktorianischen Porno mitzuspielen. Die dritte Option ist, dass man in einem Krankenhausbett aufwacht, umrundet von Schauspielern, die Mitglieder der Familie spielen, und die darf man ausgiebig beleidigen. Die drei Erfahrungen kann man am ersten Abend kaufen, auch von außerhalb des HAU, das wird live auf ZDF Kultur übertragen, und am zweiten Abend kann man sie auf der Bühne machen.

tip: Sie meinen, dass Menschen sich trauen, öffentlich solche Erfahrungen zu machen?

Collins: Auf jeden Fall. Alle drei sind Szenarien, die ich gerne selber erleben würde. Sie entspringen Impulsen, die ich verstehe. Mein Projekt ist aber auch ein Nachdenken über das Fernsehen und andere Formen der Unterhaltung. Was würde passieren, wenn solche Arten von Erfahrungen in einem offenen System angeboten würden?

tip: Viele Ihrer Arbeiten beschäftigen sich mit Gemeinschaftserfahrungen.

Collins: Das gängige Kunstsystem neutralisiert Impulse schon dadurch, dass Kunstwerke in Räumen platziert werden, die die meisten Menschen nie betreten. Die meisten Galerien sehen aus wie Designerläden, hippe Orte, von denen man abprallt. Wenn man an einem Freitagabend Freigetränke in einem Bahnhof verteilen würde, gäbe es Krawall. Macht man dasselbe in einer Galerie, gibt es einen Mechanismus, der eine bestimmt Art von Gemeinschaft zusammenbringt, in der das nicht passiert. 

tip: Eine Galerie setzt also Grenzen.

Phil_CollinsCollins: Mich interessieren eher Kanäle, die offener oder fließender funktionieren, auch in der populären Unterhaltung. Deshalb arbeite ich mit Karaokesängern, mit Menschen, die glauben, ihr Leben sei vom Reality-TV ruiniert worden, mit Seniorentanzgruppen. Dabei entstehen verschiedene Arten von Interaktion, aber immer gibt es eine Brücke, über die man muss. Doch das ist kein einfacher Austausch, es geht nicht darum, eine utopische Brücke zu bauen, sondern eine, die mit Stacheldraht umwickelt ist, bei der es ein Problem gibt.

tip: Mein Problem wäre, ich würde mich nicht auf Ihre Bühne wagen.

Collins: Ich auch nicht, aber das hält mich nicht davon ab, es zu wollen. Wenn die Plattform für die Erfahrung etwas Einmaliges oder Unvergessliches ist, dann ist das auch anziehend. An der Art, wie wir Begegnungen schaffen, ist interessant, was wir preisgeben und was wir verbergen: die Dynamik zwischen dem, was wir sagen wollen, und den Kräften, die uns unablässig zensieren und monoton machen. Monotonie ist typisch für unsere Zeit. In den letzten 20 Jahren hat ein formelhafter Ausdruck der Identität einen expressiven immer mehr ersetzt.

tip: Warum geht es bei Ihnen meist um populäre Formen der Interaktion?

Collins: Für mich liegt alle Schönheit in den Fehlern, in der Verwundbarkeit und nicht in der Meisterschaft. Schönheit ist nicht in der Virtuosität einer Maria Carey, sondern da, wo jemand nach den klassischen Regeln nicht singen kann. Wie Bob Dylan oder Lou Reed. Die besten Sänger in der Popgeschichte sind die, bei denen es nicht um Könnerschaft geht, sondern um Emotion.

tip: Soziale Interaktion im Internet interessiert Sie nicht?

Collins: Nein, ich habe noch nicht mal ein Mobiltelefon. Ich finde das Internet flach. Dort gibt es nicht diese kollektiven Erfahrungen, weil die Menschen nicht gemeinsam dasselbe zur selben Zeit machen.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Harry Schnitger

Testing Stage – A Window To Performa New York Hau, 15.9.–1.10.; „This Unfortunate Thing Between Us“ von Phil Collins läuft im HAU 1 am Do 15. und Fr 16.9., 22 Uhr;

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