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Performanceprojekt „X-Wohnungen“ in Johannesburg – Teil 2

Die Ära der Apartheid ist seit 16 Jahren offiziell vorbei. 1994 wurde Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsident Südafrikas gewählt. Aber nach wie vor ist der Graben zwischen Arm und Reich nirgendwo auf der Welt tiefer als in Südafrika. Noch immer ist der Wohlstand nach Hautfarben verteilt. Jeder vierte Mensch hat keine Arbeit. 80 Prozent davon sind schwarz. Leider hat sich auch an der räumlichen Trennung der Hautfarben wenig geändert.
Bis zur Aufhebung der Rassentrennung war Johannesburg eine überwiegend von Weißen bewohnte Stadt. Die Schwarzen hatte man in die Townships verfrachtet. Nach 1994 sind viele Menschen schwarzer Hautfarbe in die Innenstadt gezogen. Das Gros der weißen Bevölkerung hat daraufhin das Zentrum fluchtartig verlassen. Sogar der Standort der Börse von Johannesburg wurde verlegt. Viele der leerstehenden Hochhäuser wurden von Drogenbanden in Beschlag genommen.

Der Großteil der Bevölkerung mit weißer Hautfabre lebt nun im Norden von Johannesburg. Grüne Villensiedlungen, die an Beverly Hills erinnern, reihen sich aneinander. Die hohen Mauern verhindern, dass die Grundstücke von außen einsehbar sind. Umgekehrt können die Bewohner nicht auf die Straßen schauen. Vor jedem Grundstück prangen Logos von Sicherheitsfirmen und Schilder mit der Aufschrift „Armed Response“. Man kann weiße Viertel daran erkennen, dass die Straßen verwaist sind. Das öffentliche Leben findet überwiegend in hermetisch abgeriegelten Shopping Malls statt.
Hillbrow wiederum gilt nach wie vor als „No Go Area“. Viele Weiße, die hier zu Zeiten der Apartheid lebten, haben den Stadtteil seit mehr als 15 Jahren nicht mehr betreten. Wir arbeiten hier eng mit dem Hillbrow Theatre zusammen, einer kirchlich finanzierten Kultureinrichtung für Jugendliche. Die Mitarbeiter haben für uns die Kontakte zu Leuten aus der Nachbarschaft hergestellt. Bei den Aufführungen von „X Wohnungen“ werden die Besucher von den Jugendlichen aus dem Hillbrow Theatre begleitet.

Der Leiter des Theaters, Gerard Bester, ist als Weißer in Hillbrow aufgewachsen. Er wohnt nicht mehr hier, sondern kommt nur noch zum Arbeiten her. In den 80er-Jahren gab es in Hillbrow ein pulsierendes Nachtleben mit Treffpunkten für Schwule und Lesben, in denen auch Gerard Bester sein Coming Out erlebte. Heute ist Hillbrow überwiegend ein Transitraum für Arbeitsmigranten aus anderen afrikanischen Ländern.

Unser Kooperationspartner in Kliptown ist das Sky Youth Center, eine weitere gemeinnützige Einrichtung für Jugendliche. Der Leiter, Bob Nameng, ein hochgewachsener Mann mit imposanten Dreadlocks, ist hier als Waise aufgewachsen. In sein mit Autogrammen und Fußball-Devotionalien übersätes Haus hat er Ntokozo Dube aufgenommen, ebenfalls ein Jugendlicher ohne Eltern, der uns mit kooperationsbereiten Leuten aus der Gegend zusammengebracht hat.
In dem Teil von Kliptown, wo sich das Sky Youth Center befindet, dominieren Wellblechhütten ohne Strom und fließendes Wasser das Bild. Wer auf Toilette muss, benutzt eines der Dixi-Klos, die auf einer der staubigen, ungeteerten Straßen stehen. Es ist öfter passiert, dass wir mit Ntokozo Dube unterwegs waren, um Spielorte zu besichtigen, bis wir merkten, dass gerade schlechte Stimmung herrscht, weil das Sky Youth Center für mehrere Tage kein Geld haben wird, um Kinder und Jugendliche vor dem Schulbesuch mit Essen zu versorgen. Wir haben dann den Termin abgebrochen und sind mit Ntokozo Dube erst einmal zum Supermarkt gefahren, um Säcke mit dringend benötigtem Maismehl zu kaufen.

Wenn dieser Text veröffentlicht ist, werde ich wieder in Südafrika sein, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Die jeweils sieben Wohnungen, die wir für jede Tour benötigen, stehen fest. Bis zur Generalprobe am 6. Juli arbeiten wir an den Performances. Danach hat das Publikum vier Tage lang die Möglichkeit, die beiden Routen zu begehen.
Ich gehe mit einem guten Gefühl dorthin zurück. Die Leute in Südafrika haben uns bislang mit einer enormen Gastfreundschaft empfangen. Doch man spürt auch immer die historisch gewachsenen Abgründe, die die Menschen hier voneinander trennen. Mehr als 15 Jahre nach dem Ende der Apartheid befindet sich das Land in einem posttraumatischen Zustand. Weiße und Schwarze sind bisher nicht wirklich miteinander ins Gespräch gekommen. Ihre Beziehung untereinander ist durch ständiges Misstrauen, Schuldzuweisungen, Leugnungen gekennzeichnet. In den Ängsten, die Menschengruppen gegeneinander hegen und die in den paranoiden Erfindungen der Sicherheitstechnologie zu einer skulpturalen Gestalt finden, lebt der Geist der Apartheid als Phantom weiter.

Mpumelo Paul Grootboom, der eine Wohnung in Hillbrow bespielen wird, hat kürzlich in einem Text für den britischen „Guardian“ geschrieben, die Probleme, die Südafrika heute habe, hingen möglicherweise damit zusammen, dass das Ende der Apartheid zu unblutig und friedlich abgelaufen sei. Eine Vielzahl der Konflikte und Probleme, die im Namen der von Nelson Mandela ausgerufenen Utopie der „Rainbow Nation“ unter den Teppich gekehrt wurden, entfalteten erst jetzt ihre ganze zerstörerische Kraft.

Christoph_GurkIn Südafrika kann man nichts tun, ohne nicht immer wieder auf die Hautfarbe, die man hat, zurückgeworfen zu sein. Es gibt keinen universellen Ort des Sprechens, der sich jenseits der Logik der Rassentrennung wähnen darf. An diesem Thema der Repräsentation wird auch „X Wohnungen“ nicht vorbeikommen. Während der Fußball-WM wird sich die weltweite Aufmerksamkeit auf Südafrika richten. Im Land mehren sich die Stimmen, die sagen, dass am Ende doch wieder nur die Kaste der Besitzenden von diesem Event profitieren wird. In einem Projekt wie „X Wohnungen“ liegen aber auch Chancen. Wenn Privaträume in Stadtteilen, die selbst Bewohnern von Johannesburg nur als Gerücht bekannt sind, zugänglich gemacht werden, dann ist dies ein symbolischer Einspruch gegen eine gesellschaftliche Dynamik der Segregation. Südafrikanische Künstler erhalten die Gelegenheit, eine internationale Öffentlichkeit auf ihre extrem schwierigen Arbeitsbedingungen hinzuweisen, denn bis heute ist das Theater eine Domäne der Weißen. Der Nachteil ist, dass die Adaption eines Projekts wie „X Wohnungen“ für Johannesburg – unter gesellschaftkritischen Vorzeichen, versteht sich – immer auch einen Restbestand neokolonialer Ideologie in sich trägt

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Protokolliert von Katharina Wagner
Fotos: Susanne Burkhardt, Andrew Tshabangu

Zur Person
Christoph Gurk
, geboren 1962 in Ratingen, ist freier Autor, Lektor und Kurator. Nach seinem Germanistik- und Philosophiestudium arbeitete er zunächst für das
Hamburger Stadtmagazin Szene, 1993 wurde er Chefredakteur der Spex. Zehn Jahre später wechselte er als Programmdramaturg an die Berliner Volksbühne, zurzeit ist er Kurator am Centraltheater in Leipzig und vom Hebbel am Ufer.

X Wohnungen Johannesburg Mehr Infos zum Projekt auf der Website des Goethe Instituts Südafrika 

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