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Performanceprojekt „X-Wohnungen“ in Johannesburg

XWohnungWer eine Reise nach Südafrika plant, noch dazu mit dem Ziel Johannesburg, kann im Bekanntenkreis kaum mit Ermutigung rechnen. „Bist du dir sicher, dass du dich da nicht auf ein Himmelfahrtskommando einlässt?“, fragte mich eine Freundin, als ich ihr im Sommer 2009 erzählte, dass ich an den Kap fliegen werde, um mit den Vorarbeiten eines Theaterprojektes  zu beginnen, das dort unter meiner Leitung während der Fußball-Weltmeisterschaft über die Bühne gehen soll.
Joburg, A World Class African Host City“. Mit diesem Slogan und zahllosen Werbekampagnen hat die Stadt versucht, ihr Image aufzupolieren und sich als freundlicher und kompetenter Gastgeber zu präsentieren, der alles im Griff hat. Geholfen hat das nur bedingt.  Die Besucherzahlen werden weit unter den Erwartungen liegen. Die Flüge sind kurz vor Beginn der Spiele nicht teurer geworden, sondern günstiger.

In der Tat haben Südafrika – und ganz besonders Johannesburg – ein Sicherheitsproblem, das sich schwer beschönigen lässt. Jeden Tag werden durchschnittlich 50 Menschen ermordet und 150 Vergewaltigungen registriert. Hinzu kommen unzählige Diebstähle, Raubüberfälle, Einbrüche. Die Kriminalität ist nicht nur in den hiesigen Medien, sondern auch im Land selber ein Thema, das unentwegt und pausenlos diskutiert wird. Wer aber der Versuchung erliegt, sein Denken ausschließlich von der Sicherheitsdebatte bestimmen zu lassen, läuft in eine Falle, denn sie führt zu einer Wahrnehmung von Südafrika, in der sich die Logik des Kolonialismus fortsetzt. Wie also lassen sich Bilder herstellen, die über die in Südafrika allgegenwärtigen Projektionen der Angst und der Gewalt hinausweisen?

Eingeladen hat uns das Goethe Institut Johannesburg. Das Projekt findet im Rahmen der Programmreihe „Football meets Culture“ statt. Sieben Künstler aus dem nördlichen Teil der Weltkugel und sieben Kulturschaffende aus Südafrika, darunter Theatermacher, Choreografen, bildende Künstler und Musiker, werden inszenieren.

„X Wohnungen“ befreit Spielhandlungen aus dem Dunkel des Theaterraums und sucht sie dort auf, wo Menschen einen Großteil ihres Lebens mitsamt seinen Konflikten, Hoffnungen, Enttäuschungen verbringen: in der vor dem Blick der Öffentlichkeit sorgsam geschützten Sphäre privater Räume. Im Abstand von einigen Minuten werden jeweils zwei Besucher auf eine Tour geschickt, die sie im Laufe eines dreistündigen Spaziergangs an sieben Orte führt. In jedem der Räume erleben sie eine Performance, die etwa zehn Minuten dauert.
Vor acht Jahren hat Matthias Lilienthal, künstlerischer Leiter im Hebbel am Ufer (HAU), das Theaterformat für das Festival „Theater der Welt“ erfunden. Der erste Austragungsort war der Duisburger Stadtteil Marxloh. Seitdem hat sich „X Wohnungen“ zu einem wirkungsvollen Instrument der ästhetischen und ethnographischen Erkundung urbaner Räume entwickelt. Es verändert sich in jeder Stadt, in die man es bringt. Außerhalb von Deutschland war das Projekt bisher in Städten wie Caracas, Sao Paolo, Istanbul oder Warschau zu Gast.

Johannesburg mit seiner von der Politik der Rassentrennung geprägten Geschichte und Architektur stellt das Format vor enorme Herausforderungen. Zu Beginn der Vorbereitungen habe ich mich ernsthaft gefragt, ob wir „X Wohnungen“ überhaupt dort realisieren können. Nicht allein wegen der Sicherheitsfrage, sondern weil es in vielen Stadtteilen unüblich ist, zu Fuß zu gehen. Von einem öffentlichen Raum im emphatischen Sinne, wie man ihn aus europäischen Städten kennt, kann man in Johannesburg kaum reden. Als ich im vergangenen September zum ersten Mal dort war, wirkten die Mauern, Stacheldrähte und Sicherheitsanlagen, mit denen noch die ärmlichsten Behausungen gegen Einbrüche und Gewaltverbrechen geschützt sind, erst einmal ziemlich einschüchternd. In den ersten Tagen habe ich mein Bed & Breakfast nur in Begleitung verlassen. Dabei war ich in Melville untergebracht, ein Stadtteil, in dem man als Weißer weniger markiert ist als in den Townships. In Melville wohnt der gehobene Mittelstand. Es gibt, in Johannesburg eher selten anzutreffen, eine Haupstraße mit Cafйs, Bars, Restaurants, Buchläden, Videotheken. Man kann Sushi essen gehen oder portugiesisch. Leute aus dem Kulturbereich treffen sich hier, auch nachts ist die Gegend sehr belebt.

Es hat eine Zeitlang gedauert, bis ich das Gefühl hatte, einschätzen zu können, wie und wo ich mich einigermaßen frei bewegen kann. Gewisse Sicherheitsstandards, die man aus Reisen in andere, ähnlich unsichere Länder kennt, sind in jedem Fall zu befolgen: Nur wenig Bargeld bei sich haben, beim Autofahren die Fenster geschlossen halten und in bestimmten Gegenden nachts nicht an roten Ampeln anhalten. Hat man sich an diese Einschränkungen erst einmal gewöhnt, kommt man in Johannesburg ganz gut klar. amit ich ein Gefühl für diese Stadt bekomme, hatte das Goethe Institut bei meinem ersten Besuch eine Reihe von Blind Dates mit südafrikanischen Künstlern organisiert. In langen Autofahrten haben sie mir ihren Blick auf Johannesburg nähergebracht und mir die Viertel gezeigt, in denen sie leben. Seitdem habe ich mit Anna Mülter, unserer Produktionsleiterin, und Christiane Dankbar, unserer Produktionsassistentin vor Ort, in wechselnden Fahrzeugen des Autoverleihers „Rent A Wreck“ tausende von Kilometern zurückgelegt, nur in dieser Stadt.

Am Ende haben wir uns für zwei Spielorte entschieden, in denen fast ausschließlich Schwarze leben. Der eine ist Hillbrow, eine modernistische Hochhaussiedlung mit zehn- bis zwanzigstöckigen Gebäuden im Zentrum von Johannesburg. Der andere Schauplatz ist Kliptown, einer der ältesten und traditionsreichsten Bezirke in Soweto. Das zwölf Kilometer südlich vom Zentrum Johannesburgs gelegene Soweto ist eine Ansammlung von etwa 30 Townships mit höchst unterschiedlichen sozialen Milieus. Kliptown zählt hier zu den ärmsten Gegenden. Weite Teile sind von informellen Bauweisen geprägt. Hillbrow und Kliptown, in beiden Stadtteilen bündeln sich die Widersprüche und Konflikte des Landes wie unter einem Brennglas.

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