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Peter Laudenbach: „Die elfte Plage“

Tourists_c_HS-28Burkhard Kieker, der Geschäftsführer von Visit Berlin, der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, hat einen interessanten Job. Seine Aufgabe besteht darin, Berlin weltweit als „Städtedestination“ zu vermarkten. Er macht das ziemlich erfolgreich. Im Gespräch ist Kieker ein ausnehmend angenehmer und anregender Gesprächspartner. Er weiß natürlich, dass auch der Horror des 20. Jahrhunderts die touristische Markenidentität Berlins schmückt: Die bekanntlich nicht nur heitere deutsche Geschichte wird in der Tourismusmarketing-Perspektive zu einer Art Berlin-Geschmacksverstärker, der den zahlenden Gästen einen gewissen Thrill beschert. Kieker hat dafür in aller Marketing-Unschuld einen schönen Claim parat: „Unser Spruch ist: You saw it in Hollywood, but it happened here.“ Wenn das kein Alleinstellungsmerkmal ist.

Weil auch Alleinstellungsmerkmale sorgsam gepflegt und kommuniziert werden müssen, hat in einem Promo-Film von Visit Berlin natürlich auch das Denkmal für die ermordeten Juden seinen werbeträchtigen Auftritt, ebenso wie historisches Filmmaterial von Nazi-Aufmärschen: „You saw it in Hollywood, but it happened here.“ Das kann nicht jede Reise-Destination bieten. Irgendwie schade unter Tourismusmarketing-Gesichtspunkten, dass der Führerbunker nicht mehr steht. Nationalsozialismus, Wannsee-Konferenz, Weltkrieg, Mauertote und Stasi-Gefängnisse tragen das ihre zum Tourismusmarketing bei. Die Leichenberge der deutschen Geschichte bescheren der Tourismus-Destination Berlin viele touristisch attraktive Gedenkstätten. Bei aller Seriosität zumindest einiger dieser Einrichtungen registriert man doch mit einiger Beklemmung, wie die deutschen Großverbrechen als Unique Selling Propositions der Des­tination wegkonsumiert werden.

Die Unternehmensberater von McKinsey loben in der ihnen eigenen Verwertungslogik denn auch, dass Berlins „einzigartige Geschichte als Frontstadt des Kalten Krieges“ zur „Attraktivität Berlins als Reiseziel“ beiträgt. Vermutlich ist es nur reine Vorsicht, dass die McKinsey-Tourismus-Forscher nicht auch die Villa der Wannsee-Konferenz, die Topographie des Terrors oder die Gedenkstätte Plötzensee zu den Orten zählen, die die „Attraktivität Berlins als Reiseziel“ erhöhen. Aber selbstverständlich sind auch die Orte, die an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnern, touristisch reizvoll und nicht vor der Barbarei des Spaßtourismus sicher. Weil dem Touristen alles zum Amüsement dient, legen die Berlin-Stadtrundfahrten der Firma Schröder Reisen, bei denen viertklassige „Comedians“ zur Animation von Reisegesellschaften in Suff- und Feierlaune Zoten reißen, auch im „Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis Moabit“ einen ­Zwischenstopp ein. Hier wurden im Nationalsozialismus politische ­Gefangene gefoltert und ermordet. Kein Grund, der angeschickerten Touristengruppe die Partylaune zu verderben.

„Alle betreten die Zellen-Installation, einen winzigen Raum. Die ganze Busladung steht eng zusammen und singt ein Volkslied“, berichtet Sarah Khan, die sich für eine Reportage in der „Süddeutschen Zeitung“ diese Bus­touren angetan hat. Eine Comedy-Touristen-Animateurin sorgt auch in der Zelle für gute Stimmung. „Aber schön beide Arme heben, ruft sie, denn eine einzige Hand heben ist Nazi. Danach gibt’s Futschi“, schreibt Khan leicht entsetzt über diese Gute-Laune-Abgestumpftheit. Die SZ-Reporterin fragt sich, wie weit der touristische Konsum der Stadt, der in aller Unschuld vor keiner Schamgrenze haltmacht, noch gehen wird: „Wenn man das konsequent weiterdenkt, steht dem Berliner Tourismus bald Eierlauf durch die Topographie des Terrors bevor. Sackhüpfen am Holocaust-Mahnmal. Migranten füttern im Hartz-IV-Park. Weil es ein Publikum gibt, das dafür Geld zahlen würde.“

Tourist_c_HS-kleiDass auch Museen zur jüngeren deutschen Geschichte das Unterhaltungsbedürfnis des Erlebnistourismus bedienen, versteht sich im Mauer Museum am früheren Grenzübergang Checkpoint Charly und im DDR Museum („Geschichte zum Anfassen“) von selbst. Wie sich Geschichte infantilisieren lässt, führt das kommerziell äußerst erfolgreiche DDR Museum samt angeschlossenem DDR Restaurant („Chefkoch Hans-Jürgen Leucht serviert Broiler mit Sättigungsbeilage – natürlich nach DDR-Rezep“) im Brachial-Boulevard-Stil vor. Die Sightseeingtour-Station bietet putzige Diktatur-Folklore samt liebevoll im Spielzeugeisenbahn-Format nachgebautem Mauerabschnitt mit Todesstreifen. Direkt neben den Besuchertoiletten befindet sich der Nachbau einer Verhörsituation. Wem langweilig ist, der kann kurz Diktatur-Opfer spielen und sich das Gebrabbel eines Stasi-Offiziers vom Band anhören. Gleich nebenan lädt der detailgetreue Nachbau einer Gefängniszelle zum Verweilen ein. Dann waren die Stasi-Knäste ja doch zu etwas gut: Heute dient das wohlige Gruseln, das das DDR Museum mit ihnen bedient, der Touristen-Bespaßung.

Im Mauer Museum, einer Resterampe des Kalten Krieges, kann man für 15 oder 25 Euro kleine Zementbrocken, angeblich von der echten Mauer, kaufen. Auch klobige Tassen mit Honecker und Breschnew im kommunistischen Bruderkuss oder Schokolade mit der Aufschrift „Your Are Leaving The American Sector“ auf der Verpackung dienen der historischen Aufklärung. Das Umfeld wird geschichtserlebniskommerziell bespielt. Vor 13 Jahren stiftete das Museum den Fake-Nachbau einer 1990 demontierten Kontrollbaracke. Statisten in GI-Uniform markieren die Vorposten der Freien Welt und lassen sich für zwei Euro fotografieren. Die Freie Welt besteht offenbar vor allem daraus, sich gegen schlechte Bezahlung zum Affen zu machen. Auf Wunsch drücken die Billig-Darsteller auch gerne „Original-Grenzstempel“ in Pässe oder nehmen „Bananenkontrollen“ in Kofferräumen vor. Nebenan sorgen herumstehende Mauerteile für Fotomotive. Sie sind konfus, aber bunt bemalt und symbolisieren vor allem, dass Touristen jeden Quatsch interessant finden. Dass das Geschichtsentertainment auch kunstgewerblich kein Erbarmen kennt, beweist wenige Meter weiter der Kitschmaler Asisi mit seinem riesigen Mauerpanorama.
Noch etwas gröber auf Pathoswirkung kalkuliert war das 2004 von den Betreibern des Mauer Museums auf einer Brache errichtete private Maueropfermahnmal mit einem Fake-Nachbau von 200 Metern Mauer und 165 übermannshohen schwarzen Holzkreuzen. Jedes der Kreuze stand für einen an der Mauer umgekommenen DDR-Flüchtling und war mit Namen, Lebensdaten und Foto versehen.

Dass am Checkpoint Charly keine DDR-Bürger beim Fluchtversuch erschossen wurden, störte die Museumschefin Hildebrandt nicht weiter. In ihren Augen hatte der in den 1990er-Jahren errichtete offizielle Gedenkort für die Mauertoten an der Bernauer Straße den entscheidenden Nachteil, für Touristen nur schwer erreichbar zu sein. „Laut Hildebrandt „sollten also nicht die Touristen zu den Gedenkorten, sondern vielmehr das Gedenken an die touristischen Aufenthaltsorte reisen“, kommentiert die Historikerin Sybille Frank die publikumsorientierte Logik der Geschichtsinszenierung. Frank: „Im Gegensatz zum fachwissenschaftlich geprägten Angebot des Gedenk­orts Bernauer Straße, der eine abgeschlossene künstlerische Rekonstruktion der Berliner Mauer, ein Mauer-Dokumentationszentrum sowie eine Gedenkkapelle aufwies, wurde das Mauermahnmal am Checkpoint Charlie als erlebnisorientierte Heritage-Stätte präsentiert, die sich in erster Linie an den Erwartungen internationaler Besucherinnen und Besucher orientierte.“ So geht die kommerzielle Ver­wertung von Geschichte als Touristenattraktion übergangslos in ­Grusel-Entertainment über: Holocaust-Mahnmal und Diktatur-Opfer-­Resterampen sind immer eine Reise wert.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Harry Schnittger

Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch, das tip-Redakteur Peter ­Laudenbach über die Belästigungen des Berlin-Tourismus geschrieben hat.

Peter Laudenbach: „Die elfte Plage – Wie Berlin-Touristen die Stadt zum Erlebnispark machen“ Edition Tiamat, 144 Seiten, 13 Euro

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