• Kultur
  • Peter Laudenbach zerstört: „Liberté“ an der Volksbühne

Ausstattungstheater

Peter Laudenbach zerstört: „Liberté“ an der Volksbühne

Reif für die Guillotine: Endstation Volksbühne: Ingrid Caven und Helmut Berger widmen sich in
Albert Serras „Liberté“ den Mühen der Ausschweifung

Roman Ynan

Am Ende krächzt die große Ingrid ­Caven mit arg überfordertem Stimmchen ein kleines Totenlied. Helmut Berger liegt da schon dekorativ als Theaterleiche auf der Vorderbühne, nachdem er eben noch darüber räsoniert hat, wohin es führe, wenn man mit dem eigenen Körper zu Reichtum kommen will: „Die Schönheit führt zum Tode.“ Womit eine selbstreferentielle Schleife gedreht und demonstrativ auf den verblichenen Glanz der Blütenjahre in Bergers Karriere verwiesen wäre. In Albert Serras Inszenierung „Liberté“ an der Berliner Volksbühne spielt er einen alternden Lüstling, aber meistens sitzt er nur vor sich hinmurmelnd in einer am Bühnenrand abgestellten Sänfte: Der Wüstling von einst ist zu seinem eigenen, etwas tatterigen Denkmal geworden – der Bühnenauftritt als klarer Fall von Restruhmverwertung. Albert Serra kennt sich aus mit alternden Diven und der Kunst, ihr Endstadium ins schimmernde Zwielicht zu setzen. Vor zwei Jahren schenkte er Jean-Pierre Léaud, der Ikone der Nouvelle Vague, mit seinem Film „Der Tod von Ludwig XIV“ eine gespenstische, höchst würdevolle Abschiedsvorstellung.

Inhaltlich könnte man seinen Theaterversuch an der Volksbühne als Fortsetzung des sonnenköniglichen Todeskampfes lesen, wenn auch diesmal unter Verzicht von Zutaten wie Interesse an den Figuren, Metier­sicherheit oder gar Würde. Nicht nur der Sonnenkönig, auch sein Sohn haben inzwischen das Zeitliche gesegnet. Weil ihr Nachfolger, Ludwig XVI., keinen Sinn für die Kunst der Ausschweifung und raffiniert verfeinerter Exzesse hat, musste Duchesse de Valselay (Caven spielt sie mit einer schönen Mischung aus unendlicher Müdigkeit und Herablassung) vom königlichen Hof in die trostloseste Barbarei fliehen, also nach Deutschland. Hier will sie den unkultivierten Preußen mithilfe einer schrulligen Comtesse (Anne Tismer) und einer Äbtissin mit verruchter Vorgeschichte (Jeanette Spassova) die Freuden der Libertinage beibringen und ein Luxusbordell mit Klosterschülerinnen errichten.

Für Atmosphäre und Zeitkolorit sorgen spitzenbesetzte Rokokostüme (Rosa Tharrats) und Turmfrisuren vor einem Bühnenbild im Halbdämmer ­(Sebastian Vogler). Es sieht aus, als hätte der Maler Watteau seine Schäfer-Idyll-Landschaften für ein Hollywood-Studio auf XXL-Breitwand-Format aufgeblasen: tief gestaffelte Bäumchen und ein kleiner See vor wolkenverhangenem Abendhimmel. So feiern an diesem Abend nicht nur in die Jahre gekommene Kinostars, sondern auch die Schaureize und seligen Ausstattungskünste des 19. Jahrhunderts ein pompöses Comeback.

Natürlich kann man das als Anspielung auf die Lage der Volksbühne verstehen. Der glücklose Intendant Chris Dercon klagt ja oft genug, er sei ein Opfer linker Ideologen, denen es an Weltläufigkeit mangele. Jetzt schlägt er zurück: Mit französischer Libertinage gegen deutsche Puritaner. Aber leider ist die Libertinage an diesem Abend eine reichlich freudlose Angelegenheit. Es wird vor allem sehr viel herumgestanden und ziellos auf und ab gegangen. Der hölzerne Text mit seinen rührenden Versuchen, nach Verruchtheit und Tiefsinn zu klingen („nichts reinigt stärker als die Lust“), wird unter strikter Vermeidung von Spannung, Rhythmus und Spielfreude in einem leisen, monotonen Singsang abgesondert. Infolge der im Gleichklang abgespulten Textbausteine kann man die Figuren nach kurzer Zeit nur noch an der Farbe ihrer Kostüme und Perücken voneinander unterscheiden. Das soll vermutlich ein Stilmittel sein, wirkt aber nur unfreiwillig komisch und sehr ermüdend: Libertinage-Geplauder als Sedativum. Aber vielleicht ist diese lange, zähe, trostlose Zumutung ja in Wirklichkeit ein ironischer Scherz, kein Sehnsuchtsseufzer nach dem Ancien Régime, sondern der blanke Hohn über die Blasiertheiten der adligen Decadents kurz vor der Französischen Revolution: Sie sind alle reif für die Guillotine.

Volksbühne Do 22.3. + Fr 23.3., 19.30 Uhr, Karten 12 – 40 €

Mehr über Cookies erfahren