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Kulturpolitik

Peter Laudenbach zum Ende von Chris Dercon an der Volksbühne

Chronik eines angekündigten Endes Tschüss: Chris Dercon legt die Intendanz der ­Volksbühne nieder

Foto: FA Schaap

Am Ende ging es sehr schnell. Am Montag, dem 9. April, hatten Chris Dercon und sein Team einen Termin in der Berliner Kulturverwaltung. Sie sollten Bericht über die Budget-Situation des Theaters erstatten. Sie ist niederschmetternd. Bis Jahresende, also in den kommenden knapp acht Monaten, sind nach derzeitigem Stand keine Neuproduktionen für die große Bühne zu finanzieren. Das Theater hat seine Handlungsfähigkeit verloren. Zahlreiche Vorstellungen in dem Haus mit über 800 Plätzen finden vor 200 oder weniger Zuschauern statt. Das Theater mit den zweithöchsten Subventionen aller Berliner Schauspielbühnen steht vor dem finanziellen Kollaps. Wenige Tage nach dem Termin in der Kulturverwaltung hat Dercon die Konsequenzen aus der aussichtslosen Lage gezogen und ist von seinem Amt zurückgetreten. Kommissarischer Intendant wird mit sofortiger Wirkung Klaus Dörr, bisher Künstlerischer Betriebsdirektor und stellvertretender Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart und eigentlich ab kommender Spielzeit als Geschäftsführer der Volksbühne engagiert. Jetzt muss er eine vermutlich leicht chaotische Übergangszeit managen.

In einem Interview hatte Dercon am Vortag seines Rücktritts den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) heftig angegriffen. Müller, zur Zeit der Berufung Dercons auch Kultursenator, ist einer der Väter der heutigen, verfahrenen Situation. An ihrem Beginn, im Januar 2015, träumten Müller, Renner und Dercon noch davon, in einem Hangar des stillgelegten Berliner Flughafens Tempelhof eine riesige, interdisziplinäre Performance- und Theaterspielstätte unter der „Dachmarke“ Volksbühne zu errichten.

„Ich habe mich vier Mal mit Müller getroffen und nie wieder etwas von ihm gehört“, erklärt Dercon in dem Interview mit NDR, RBB und Süddeutscher Zeitung. „Das ist hier ein Appell und das sage ich auch gern: Wo ist der Herr Regierende Bürgermeister Michael Müller? Quo vadis, Herr Müller? Wo gehen Sie hin? Was wollen Sie? Übernehmen Sie Verantwortung? Eigentlich sollte man das Stück nennen ‚Von einem, der auszog, weil er die Miete nicht zahlen konnte‘ — weil das unsere gesamte Geschichte ist. Unser Problem ist, dass wir die Miete in Tempelhof nicht bezahlen können. Herr Bürgermeister Michael Müller kann die Miete auch nicht zahlen.“
Das ist einerseits der durchsichtige Versuch, andere für das eigene Scheitern verantwortlich zu machen. Aber es ist nicht ganz falsch. Die Akten zeigen, wie blauäugig beide Seiten, die Politik und Dercon, von einer ­Bespielung Tempelhofs träumten. In einem ersten Finanzentwurf, den Dercons Programmdirektorin Marietta Piekenbrock am 27. Januar 2015 an die Kulturverwaltung mailte, rechnet Dercons Team mit Sponsoringeinnahmen von 1,25 Millionen Euro und Gastspieleinnahmen von 750.000 Euro. Weder die Sponsoren- noch die Gastspieleinahmen konnten auch nur in Ansätzen erreicht werden.

Die Kosten des notwendigen, millionenschweren Umbaus eines Hangars zur Bühne wurden weder von Dercon noch von der Kulturverwaltung kalkuliert. Weder im Etat der Kulturverwaltung noch an anderer Stelle im Landeshaushalt wurden dafür Mittel eingestellt. Die ganze Tempelhof-Konstruktion war von Anfang an ein Luftschloss. Nicht einmal als die Kulturverwaltung Dercon mailt, dass die Finanzierung der Tempelhof-Träume völlig ungewiss sei, wird man in Dercons Büro hellhörig. Trotz der freundlichen Formulierung enthält diese Mail an Dercon eine kaum versteckte schlechte Nachricht: „Es besteht der feste Wille, Tempelhof im Sinne Deines Konzepts zu nutzen, dies zu erreichen, werden wir uns bemühen. Aber es kann zum jetzigen Zeitpunkt … keine Zusage gegeben werden.“ Keine Zusage heißt: kein Geld.

Tim Renner und Michael Müller, seit Dezember 2014 der neue Regierende Bürgermeister und damals zudem Kultursenator Berlins, hatten bei der Berufung Dercons eine eigene Agenda: Sie wollten mit Kultureinrichtungen auf dem Areal des Flughafens Tempelhof ein neues urbanes Zentrum für die Kreativwirtschaft etablieren. Müller kommt aus Tempelhof und hatte als langjähriger Senator für Stadtentwicklung gelernt, in langen Perspektiven zu denken. Die Expansion der Volksbühne in den noch nicht gentrifizierten Stadtteil sollte den Beginn einer 20- bis 30-jährigen Entwicklung des Standorts markieren. Am Ende reichte es in Tempelhof für eine Kurzbespielung und eine Zuschauertribüne, die der Architekt Francis Kéré entworfen hatte.
Budget gesprengt

So großzügig Dercon mit fiktiven Einnahmen kalkulierte, so üppig gab er Geld aus. Interne Unterlagen der Volksbühne zeigen die Finanzplanung für die erste Spielzeit. Allein für ein einmaliges Event auf dem Freigelände des Flughafens Tempelhof im September 2017, die von Boris Charmatz kuratierte Gruppen-Inszenierung „A Dancer’s Day“, wurde ein stolzes Budget von 455.000 Euro eingeplant – eine Dimension, die alles an großen Stadt- und Staatstheatern Übliche sprengt. Aber selbst wenn Dercon in seinen finanziellen Ansprüchen weniger maßlos gewesen wäre, ja, selbst wenn seine wenigen Eigenproduktionen statt 100 oder 200 an guten Tagen 600 oder 700 Zuschauer pro Vorstellung gehabt hätten, wäre er in Schwierigkeiten geraten. Der Versuch, in der Struktur eines Stadttheaters mit personal­intensiven Gewerken im Wesentlichen einen teuren Gastspielbetrieb zu errichten, musste das Budget des Hauses massiv überfordern. Wer ein wenig von Theaterbetriebswirtschaft versteht, konnte sich über die fröhliche Annahme, das werde schon irgendwie gut gehen, man müsse den neuen Intendanten unbeschwert machen lassen, nur wundern.

Während die Tempelhof-Ideen über das Stadium des Luftschlosses nicht hinauskamen, dachten Dercon und Piekenbrock über die Bespielung der Volksbühne nach. Sie wollten den Regisseur René Pollesch zum Leiter der Schauspielsparte machen. Das war gewagt. Pollesch ist dem Haus eng verbunden und neben Castorf und dem Bühnenbildner Bert Neumann einer der das Theater prägenden Künstler. Auf Bitten Renners war er bereit, sich mit Dercon in der Volksbühne zu verabreden.

Die Begegnung wurde ein Desaster. „Ich traf ihn im Foyer und ging mit ihm in die Kantine“, erzählt Pollesch. „Wir saßen in der Ecke unter dem Fernseher. Dercon kam mit seiner Freundin, einer Schauspielerin. Dercon sagte, dass er meine Arbeit liebt, aber es war schnell klar, dass er sie nicht kannte. Seine Freundin kannte einige Stücktitel, aber sie brachte alles durcheinander. Ich hatte den Eindruck, dass Dercon nicht einmal meinen Wikipedia-Eintrag gelesen hatte. Sein Plan war, dass es verschiedene Sparten geben sollte: Tanz, Film, Theater, und jede Sparte sollte einen eigenen Leiter bekommen, einen älteren Künstler, der als Mentor mit einem jüngeren Künstler zusammenarbeiten sollte. Ich sollte mit Susan Kennedy zusammenarbeiten. Und wir alle sollten unter seiner Generalintendanz arbeiten. Mir war klar, dass in dieser Konstruktion jeder Erfolg sein Erfolg wäre und jeder Misserfolg unser Misserfolg. Das konnte nie funktionieren.“ Nach dem Gespräch war für Pollesch klar, dass er mit Dercon nicht arbeiten will.

Damit waren die wichtigsten Pfeiler von Dercons Konzept – Tempelhof und die Volksbühne mit Pollesch – schon vor Beginn seiner Intendanz im September 2017 weggebrochen. Was folgte, war ein hilfloses Einkaufen von Gastspielen. Weder Publikum noch Kritik ließen sich von dem Programm (und den vielen Schließtagen) überzeugen. Aufgabe des kommissarischen Intendanten Klaus Dörr wird es sein, einen provisorischen Spielplan zu organisieren. Auf die Volksbühne dürften turbulente Zeiten zukommen. Aber Turbulenzen sind sie an diesem Theater gewöhnt.

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