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„Peter und der Wolf“ im Theater an der Parkaue

PETER_UND_DER_WOLF„So Kinder, heute gibt’s mal ein bisschen Musik“, verkündet der Performer Ole Wulfers frohgemut, und los geht’s. Mit Techno. Kommt prima an. Wulfers und sein Kollege Lutz Dechant stehen vor einem Publikum ab fünf Jahren und geben eine verspielte Lektion in angewandter Musikstilkunde. Sie stellen Country vor und HipHop, kalauern sich durchs Opern-Genre und lassen es als Schweinerocker mit Heavy-Metal krachen. Auf dem Programm im Theater an der Park­aue steht Sergej Prokofjews musikalisches Mini-Märchen „Peter und der Wolf“. Aber weil das ausgezeichnete Performance-Duo norton.commander.productions, bestehend aus Harriet Maria und Peter Meining, Regie führt, weist der Horizont hier von Beginn an über Klarinetten-Katzen, Querflöten-Vögel und Enten, die Oboen-Sound quaken, hi­naus. Wo Prokofjew die Kinder mit den Instrumenten eines Sinfonieorchesters vertraut machen wollte, vollführen nun Wulfers und Dechant ihren parodistischen Gattungs-Schnelldurchlauf.

Es ist die zweite Inszenierung von norton.commander.productions im Theater an der Parkaue, Berlins Staatstheater für Kinder. Die erste war 2008 „Die grüne Wolke“ nach dem Roman des Summerhill-Gründers Alexander Sutherland Neill. Fragt man Harriet und Peter Meining, ob es für sie einen großen Unterschied in der Arbeitsweise bedeute, für Erwachsene oder für Kinder zu inszenieren, schütteln sie den Kopf. Sie haben viele ihrer erprobten Mitstreiter dabei, den Komponisten Nikolaus Woernle zum Beispiel, der Prokofjews Partitur motivtreu, aber schön eigenwillig variiert. Visuell ist der Abend State of the Art im Multimedia-Kosmos der Meinings – mittels Zeichentrick-Projektionen auf hölzerne Baumaufsteller und mit riesigen Tiermasken, hinter denen sich die Schauspieler bewegen, wird eine fabelhafte, zweidimensionale Comic-Ästhetik geschaffen, die an die Illustrationen von Frans Haacken im berühmten „Peter und der Wolf“-Kinderbuch von 1958 erinnert. Gut, norton.commander lädt die Geschichte nicht wie sonst mit allerlei literarischen Assoziationen auf. Und wenn Wulfers und Dechant in Hintergrundvideos als HipHopper mit schwerem Goldbehang auftreten, ist das, so Peter Meining, „ein Umgang mit Klischees, den wir uns sonst nicht gestatten würden.“ Zweifellos aber sieht man diese Inszenierung auch als Erwachsener mit großem Vergnügen.

PETER_UND_DER_WOLFEs hat sich viel getan im Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue, wo seit Beginn der Intendanz von Kay Wuschek 2005 die ästhetische Offenheit Programm und die Grenzen zur Off-Szene fließend sind. Schon in der ersten Spielzeit veranstaltete die deutsch-amerikanische Künstlergruppe ­Cheap hier mit „Dr. Seuss’s ABC“ eine munter-sportive Buchstabenjagd durchs ganze Haus. Über Mitmachtheater, sonst das Kindergeburtstags-Schreckmittel der Performance-Szene, darf man sich da nicht beschweren. Laut Wuschek ist der größte anzunehmende Fehler in seinem Genre, den jungen Zuschauer das Gefühl zu vermitteln: „Die Vorstellung läuft auch ohne Euch.“ Das Miteinander – womit natürlich nicht nur das motorische gemeint ist – kann furiose Energien freisetzen.

Der Castorf-gestählte Schauspieler Milan Peschel zum Beispiel hat 2006 mit seinem Parkaue-Debüt als Regisseur, Grimms Märchen vom „Fischer und seiner Frau“, den anarchischen Geist der frühen Volksbühne ins Kindertheater getragen. Und schaffte es nebenher durch hohen kollektiven Spaßfaktor, eine ganz und gar nicht moralinsaure Konsumparabel zu erzählen. Die Künstler müssen sich in ihren Inszenierungen für Kinder an der Parkaue teilweise verständlicher machen, als sie es gewohnt sind. Was aber nicht zwangsläufig zu unterkomplexem Erzählen führt. Ein Hans-Werner Kroesinger kann sein herausforderndes Dokumentar-Theater scheinbar problemlos einer jungen Zielgruppe anpassen, was er an der Parkaue vor allem mit dem sehr erfolgreichen Stück „Die Kindertransporte“ über die Verschickung jüdischer Kinder nach England während des Zweiten Weltkriegs bewiesen hat.

„Wir lehnen uns hier weiter aus dem Fenster und sind mutiger als in vielen unserer anderen Projekte“, hat das Performance-Kollektiv Showcase Beat Le Mot mal zu Protokoll gegeben, das an der Parkaue unter anderem einen rasend erfolgreichen „Räuber Hotzenplotz“ inszeniert hat. Eine Binse, aber wichtig: nie die Strapazierfreude der Kinder unterschätzen, nicht ihre Offenheit für theatrale Formen. Auch nicht ihren Sinn für bösen Humor. Die Meinings haben für „Peter und der Wolf“ alternative Video-Enden gedreht. In einer Variante wird die Ente, die der Wolf lebendig verschluckt hat, aus dem Bauch befreit – und dann doch gebraten. In der anderen heiraten die beiden, großes Happy-End! Die Ente-kross-Version hatte nicht weniger Fans unter den jungen Zuschauern.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Christian Brachwitz

Peter und der Wolf

Theater an der Parkaue, Sa 4.12., 16 Uhr, Mo 6.12., 10 Uhr

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