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Philipp Oswalt über das Stadtschloss Berlin und traumatisierte Politiker

Schlossattrappetip Herr Oswalt, wann haben Sie das letzte Mal überlegt, ob Sie aufgeben?

Philipp Oswalt
Für mich geht es nicht allein um die Frage, ob wir Kritiker uns durchsetzen und den Beschluss kippen können. Mir geht es darum, eine intelligente und unter die Oberfläche gehende Diskussion zu erzwingen. Ich bin seit 2002 mit dem Thema beschäftigt, und seit der Zeit wird diese Debatte extrem polarisiert, fast im Gestus des Kalten Krieges geführt. Deswegen sind Zwi­schentöne, Alternativen, Abwei­chun­gen überhaupt nicht diskutabel.


tip
Seit dem Bundestagsbeschluss 2007, der festlegte, wie die Rekonstruktion aussehen soll, ist daran doch auch nicht mehr zu rütteln.

Oswalt
Meine Einschätzungen diesbezüglich schwanken, ob daran nicht mehr zu rütteln ist oder ob das Projekt doch auf wackligen Beinen steht. Es ist völlig klar, dass der heutige Bundestag sehr entschlossen ist, das Projekt schnell zu realisieren. Andererseits ist auch klar, dass es gesellschaftlich umstritten ist. Und das ist etwas pikant bei einem Vorhaben, das identitätsstiftend sein soll. Zweitens ist das Projekt in fachlichen Fragen noch sehr diffus. Deshalb wird es auch immer wieder neue Schwierigkeiten in seiner Realisierung geben.

tip Wie beurteilen Sie den Siegerentwurf von Franco Stella?

Oswalt
Er spitzt für mich das Schlossproblem zu, weil der Entwurf die Geschichte bis zu einem Punkt idealisiert, an dem der Ort seine historisch gewachsene Dimension verliert. Das ba­rocke Schloss hatte sich über einige Jahrzehnte entwickelt, es gab einen ers­ten Bauabschnitt von Schlüter, der dann später von Eosander erwei­tert wurde. Das konnte man an dem ursprünglichen Gebäude ablesen. Das verschwindet in Stellas Idealisierung und weitergeführten Symmetrisierung des historischen Vorläufers. Im Namen von Geschichte wird Geschichte eliminiert.


tip
Warum gibt es dieses Bedürfnis, Geschichte zu eliminieren?

Oswalt
Das 20. Jahrhundert war für Deutschland eine teilweise faszinierende und produktive, aber vielfach auch eine sehr problematische und zum Teil absolut abgründige Zeit. Das Agieren am Schlossplatz steht auch für die Sehnsucht, eine andere deutsche Vergangenheit zu entwerfen, das 20. Jahrhundert an diesem Ort aus dem historischen Gedächtnis zu nehmen und direkt im 19. wieder anzuknüpfen. Die Politikergeneration, mit der wir es zu tun haben, ist in Ost wie West vom Mauerbau traumatisiert. Die Vehemenz, mit der das Projekt verfolgt wird, kann ich mir nur aus dieser Traumatisierung erklären. Man bringt keine historische Distanz zu dem Phänomen auf.

tip Trotz Ihrer Kritik, das Votum der Jury für den Stella-Entwurf war einstimmig.

Lesen Sie weiter in tip 26/08

Interview: Stefanie Dörre

Foto (1): Harry Schnitger

Architekt Philipp OswaltZur Person:
Der Berliner Architekt und Publizist Philipp Oswalt, geboren 1964, wurde mit zwei Forschungs- und Ausstellungsprojekten bekannt: „Urban Catalysts“ (Zum Temporären im urbanen Raum) und „Shrinking Cities“. Oswalt ist Professor an der Hochschule in Kassel, wo er Architekturtheorie und -entwurf unterrichtet. Ab Frühjahr 2009 wird er die Stiftung Bauhaus Dessau leiten. Unter schlossdebatte.de betreibt er mit anderen Kritikern ein Diskussionsforum zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses.

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