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Polizisten mit Migrationshintergrund

Polizisten mit Migrationshintergrund

Als Serdar K. und sein Kollege in der Hochhaussiedlung in Marienfelde ankommen, hören sie den Lärm schon von Weitem. Ein stark alkoholisierter Mann brüllt lautstark aus dem Fenster. Nachbarn berichten von einem Streit mit der Freundin. Die beiden Polizisten versuchen, von unten auf ihn einzuwirken. Als das nichts bringt und der Vorfall immer mehr Aufmerksamkeit erregt, kündigt Serdar K. an, dass sie nun hochkommen werden. „Ihr Kollege darf rein, Sie lass ich aber ganz gewiss nicht in meine Wohnung!„, schreit der Mann.
Oft sind es Diskriminierungen dieser Art, die Migranten davon abhalten, eine Karriere bei der Polizei einzuschlagen. Das ergab eine Untersuchung aus dem Jahr 2011. Dennoch ist die Zahl der Bewerber nicht deutschen Ursprungs in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Seit dem Herbst 2014 entspricht sie fast dem Migrantenanteil der Berliner Gesamtbevölkerung, der bei 27 Prozent liegt. So weit die Zahlen für die Neueinstellungen. Betrachtet man jedoch das Gesamtbild, so machen Polizisten mit Migrationshintergrund bei der Landespolizei gerade mal vier Prozent aus. Eine Unterrepräsentation, die bald der Vergangenheit angehören werde, so Polizeipräsident Klaus Kandt gegenüber der dpa. In nächster Zeit würden etwa 40 Prozent der Beschäftigten pensioniert. „Wenn da jedes Jahr 20 Prozent Migranten unter den neuen Kollegen sind, dann bereichert das die Polizei schon enorm.“
Vor allem deren Sprachkenntnisse sind der Polizei von großem Nutzen. Weniger in kommunikativer als in sozialer Hinsicht. „Selbst das Deutsch eines türkischen Straftäters ist gut genug, um den Sachverhalt zu verstehen. Ich spreche nur dann Türkisch, wenn ich das Gefühl habe, in einer Situation so einfacher oder feinfühliger handeln zu können“, sagt Serdar K. Der 33-jährige Kommissar mir türkischen Eltern ist seit 2004 im Funkwageneinsatzdienst tätig. Bei seinen Einsätzen in Lichtenrade, Mariendorf-Süd und Marienfelde macht er oft die Erfahrung, dass aufgebrachte Menschen – egal ob Opfer oder Täter – sich in ihrer Muttersprache besser artikulieren können. Über das Switchen ins Türkische gelingt es ihm manchmal, Vorfälle für alle Parteien angenehmer zu lösen.
Ab und an komme es jedoch auch vor, dass die Belangten versuchten, über die gemeinsame Sprache eine künstliche Solidarität herzustellen, sagt Serdar K. Als Verräter sei er indes noch nie beschimpft worden. „Die meisten Landsmänner, auf die ich im Dienst treffe, haben großes Vertrauen in mich. Manche fragen mich sogar nach meiner Nummer“, sagt er.
Selbiges gilt Kollege Vladislav B. zufolge für die russischsprachige Bevölkerung Berlins. Nur einmal seit seinem Dienstbeginn vor fünf Jahren sei er von einem Landsmann angepöbelt worden: „Ein alkoholisierter, russischer Spätaussiedler hatte sich ausgesperrt. Weil er uns auf Russisch angesprochen hat, habe ich auf Russisch geantwortet. Daraufhin hat er mich als ,Scheiß-Russe!‘ beschimpft“, sagt Vladislav B. Natürlich sei ihm das kurz nachgegangen. Aber von einem Menschen, der in seinem eigenen Erbrochenen liege, könne man eigentlich nicht beleidigt werden.
„Es gehört zur Professionalität dazu, dass man so was nicht an sich ranlässt“, sagt auch Serdar K., „Ich kann mich ja im Einsatzgeschehen nicht hinstellen und philosophieren oder vielleicht sogar eine Träne darüber vergeuden, warum der mich jetzt als Kanake ohne Eier beschimpft hat.“ Beleidigungen dieser Art kämen im Dienst aber auch weitaus seltener vor als im Privatleben. „In meinem Berufsalltag traut sich keiner, mich zu diskriminieren. Ich trage ja Uniform.“
Es ist weniger der leichte Alltagsrassismus, der den beiden Polizisten zusetzt, als ihre Rolle als Vorzeigemigrant. Serdar K. erinnert sich noch lebhaft an einen Vorfall, bei dem ein Deutscher das Auto eines Türken gerammt und anschließend Fahrerflucht begangen hatte. „Als wir den Täter schließlich in einem Dorf in Brandenburg ausfindig gemacht hatten, hat er mir minutenlang in Fäkalsprache klarmachen wollen, wie asozial die Türken doch seien. Irgendwann habe ich den Mann gebeten, mich mal genauer anzuschauen. Daraufhin hat er erschrocken geguckt und gesagt: ,Das war doch gar nicht so gemeint, Sie sind doch einer von den Guten!‘“ Geschmeichelt habe ihm das nicht; ganz im Gegenteil. Für Vladislav B. entladen sich sämtliche Vorurteile gegenüber Ausländern in eben solchen Lobhudeleien: „Ihnen liegt die falsche Annahme zugrunde, dass sich Leute mit Migrationshintergrund in aller Regel nicht integrieren und nicht an Gesetze halten.“

Text: Henrike Möller

Foto: Polizei Berlin

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