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Prenzlauer Berg vs. Schöneberg – Teil 2

SchwarzsauerEs gibt in Prenzlauer Berg auch viele Ausländer – vielleicht nicht die, die man sofort am Schleier vor dem Gesicht oder dem verspoilerten Dreier-BMW erkennt. Keine Türken also und wenig Araber. Das ist schade, dafür aber gibt es statt der bipolaren Kreuzberger Welt (Deutsche/ Türken) viele andere Nationen: Franzosen, Vietnamnesen, Österreicher,
Italiener, Spanier und Engländer. Wer nicht gern im deutsch-türkischen Saft brät, ist in Prenzlauer Berg gut aufgehoben.
Der Prenzlauer Berg nervt auch nicht mit larmoyanten Erinnerungen. Die selbstmitleidigen Ossis, die einem weismachen wollen, dass es vor der Wende irgendwie kuscheliger war und es bei Konnopke gut schme­ckt, wurden größtenteils aus dem Bezirk vertrieben. Oder bleiben in ihren Wohnungen. Ein paar stehen aber jederzeit gern als Interviewpartner zur Verfügung, um Blättern wie der „Zeit“ Rede und Antwort zu stehen, warum Bio-Nahrung und Holzspielzeug für Kinder Zeichen für ein unauthentisches Leben sind. Daraus werden dann so putzige Artikel, die sich tapfer gegen den Lifestyle of Health and Sustainability (Lohas) stemmen, der angeblich überall in Prenzlauer Berg Einzug gehalten hat. Und die anraten, wieder Obst mit Pestiziden zu kaufen, um nicht als Vertreter eines sogenannten „Bionade-Biedermeiers“ gebrandmarkt zu werden. Aber so einfach ist es nicht.Thälmanndenkmal
In Prenzlauer Berg isst man den besten selbst gemachten Kuchen, bevor man sich zur heure bleue in eine der vielen Raucherkneipen begibt, die hier zahlreicher als in anderen Bezirken sind.
Der Prenzlauer Berg hat Geschichte, und zwar nicht nur das in Berlin Übliche – also 20er Jahre und Nationalsozialismus, sondern auch die jüngere, spannendere. Die Dissidenten in der DDR wohnten hier, trafen sich in Kirchen und in der Umweltbibliothek am Zionskirchplatz, im Torpedokäfer und den Wohnungen am Kollwitzplatz. Es ist schön zu wissen, dass man auf diesen Spuren wandelt und heute hier freier lebt, als es sich die Bürgerrechtler je hätten träumen lassen. Einer davon, der Ossibär Wolfgang Thierse, wohnt ja noch am Kollwitzplatz. Gut, das ist nun nicht unbedingt ein Grund, hierherzuziehen. Eher das Gegenteil.
Wenn man schon länger in Berlin ist, sagen wir, vor der Wende hierher gezogen ist, kommt eh nur der Prenzlauer Berg in Frage. Denn dann hat man ja selbstverständlich vor dem Mauerfall seine Zeit in Kreuzberg und Schöneberg abgeleistet und die beste Zeit dort mitgemacht. Heute kann man dort nur noch an die schöne Zeit zurückdenken, als das Cafй M noch ein besuchenswerter Ort war, das Ex’n’Pop noch herumlärmte oder das Loft am Nollendorfplatz zu Konzerten lud. Alles ist dort ex. Es ist ein Bezirk der Nekrophilen.
Wenn man nur ansatzweise Elan und ein bisschen Gespür für geschichtliche Gelegenheiten besitzt, ist man anschließend nach der Wende nach Mitte gezogen und hat das Flair des Lädierten aufgesogen, um seine Berliner Biografie vor einer peinlichen Leerstelle zu bewahren und seinen Enkeln auf die Frage, wo man denn nach dem Mauerfall so war,
die Antwort: „Wie immer in Kreuzberg“ zu ersparen.Kastanienallee Nur die Leute, die schon 1990 keinen Saft mehr hatten, blieben bis heute in ihrer Herr-Lehmann-haften Lethargie und erzählen heute die Mär von Kreuzkölln und dem Comeback der Goltzstraße.
Politisch-hedonistische Menschen genossen die ersten Jahre in Mitte und zogen dann weiter, als die Oranienburger Straße von der international operierenden Papadam-Mafia in eine Art Ballermann nur ohne Strand verwandelt wurde. Natürlich in den Prenzlauer Berg und solange nichts nachkommt, wo man alten Mauerberlinern, nervigen Touristen, Blixa Bargeld und windigen „Zeit“-Redakteuren mit wenigen Hakenschlägen aus dem Weg gehen kann, bleiben wir auch hier.

Text: Oliver Gehrs / Fotos: Ullsteinbild-Heerde / Frank Dehlis

Den Artikel von Jörg Buttgereit über den Bezirk Schöneberg finden Sie in tip 24/09, Seite 19-20

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Statistik

Fläche 10.85 km2
Bevölkerung 140.884 Einwohner, davon weiblich: 49,95%, davon männlich 50,05%
Bevölkerungsdichte 13014/km2
Ausländische Bevölkerung: 9.85% (größte Gruppen: Franzosen, Italiener, merikaner, Briten, Spanier, i.d. Reihenfolge;(Türken 2,54%))
Arbeitslosenquote (Großbezirk Pankow): 11,4%
Eigentümerquote: 11%, Mieterquote: 89% (Großbezirk Pankow)

Haushaltsgröße (Großbezirk Pankow)
1 Person: 58,73%
2 Personen: 25,98%
3 Personen: 9,02%
4 Personen: 6,27%

Einkommensverteilung
(Großbezirk Pankow)
unter 900 Ђ: 21,15%
900 – 2000 Ђ: 44,34%
2000 – 3200 Ђ: 20,79%
3200 und mehr: 13,76%

Altersverteilung

0-15 Jahre 12,27%
15-25 Jahre 8,70 %
25-40 jahre 39,12%
40-65 Jahre 28,46 %
ab 65 Jahre 11,45 %

Alle Angaben stammen vom Landesamt für Statistik und sind aktuell bzw. von 2008


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