• Kultur
  • Quidditch, Jugger & Co. – Seltsame Sportarten in Berlin

Sport

Quidditch, Jugger & Co. – Seltsame Sportarten in Berlin

Fliegen, jammen, juggern: Von außen betrachtet, wundert man sich ein bisschen, wenn „Hüter“ oder „Treiber“ Quidditch ­oder wenn „Quiks“ Jugger betreiben. Dabei fordern auch seltsame Sportarten komplexes Können

Foto: Matthias Brucklacher / mva

Berlin ist ein Mekka der abwegigen Sportarten und das Tempelhofer Feld scheint ihre zentrale Spielwiese zu sein. Wer sich hier umschaut, trifft auf Leute, die mit Ketten aufeinander einschlagen oder versuchen, einen Ball durch Ringe zu werfen, während sie eine Stange zwischen die Beine klemmen. Es kann einem auch passieren, dass sich ein unsanft miteinander rangelnder Pulk von Rollschuh-Fahrerinnen nähert oder Frisbee-Spieler, statt genügsam auf der Stelle zu stehen, wie die Wiesel übers Gras rennen. Um beherzt mit der gefangenen Scheibe übers Grün zu rutschen. Doch ob Jugger, Quidditch, Roller Derby oder Ultimate Frisbee – alle diese Mannschafts-Sportarten mögen auf den ersten Blick etwas komisch aussehen. Und der Spirit der Teams, der sich vom klassischen Turn- oder Fußballverein sehr unterscheidet, schweißt auch zusammen. Doch auch, wenn einige dieser Sportarten auf literarischen oder cineastischen Vorlagen beruhen, werden sie inzwischen ziemlich professionell betrieben – und sind vor allem richtig anstrengend. Wer hier dabei sein will, sollte eher nicht als unsportlicher Bücherwurm oder serien-verwöhnter Couch Potato antreten.

Quidditch: Nur Fliegen ist schöner

Die Oberschenkel werden beim Quidditch immer dann besonders in Anspruch genommen, wenn die Spieler – die in Wirklichkeit leider nicht fliegen können – ihren „fliegenden Besen“ loslassen müssen, um einen Ball, den Quaffel, durch einen der drei gegnerischen Ringe zu werfen. Nicht nur deshalb verdonnert der Trainer der Berlin Bluecaps sein Team auch zu regelmäßigen Fitness-Trainingseinheiten mit Kraft- und Sprint-Einlagen. Ausdauer, Geschick und Schnelligkeit sind bei diesem Sport, der längst aus der Nische der Harry-Potter-Verrückten herausgetreten ist, absolutes A und O. „Wer Vorkenntnisse in Ball-Sportarten hat, ist beim Quidditch eindeutig im Vorteil“, sagt Martin Windhäuser, aber „Quidditch ist ein Sport für alle, gleich welche Körpervoraussetzungen sie mitbringen“. Männer und Frauen spielen in gemischten Teams, bei jedem Wetter draußen, auch im Winter.

Jugger: Hundeschädel ab ins Nest

„Ach, die Wikinger!“, bekommt man schon mal zu hören, wenn man auf der Suche nach der Trainingswiese der Jugger ist. Das Spiel beruht auf einem Science-Fiction-Film aus den 1980ern, bei der eine Frau die aus Outlaws bestehende Jugger-Szene aufmischt. Dass die „Waffen“ – Pompfen – der Jugger vollkommen harmlos sind, sieht man spätestens auf den zweiten Blick. Die unterschiedlich langen Stangen und Ketten-Kugeln bestehen aus Plastik und Schaumstoff und sind nur dafür da, den Gegner anzutippen. Neben Nahkampf-Fähigkeiten sind Schnelligkeit und Fairness gefragt. Der „Qwik“ muss als Läufer einen simulierten Hundeschädel in einer Art Nest versenken. Wer getroffen wird, setzt fünf bis acht Trommelschläge aus. Die komplizierten Regeln erfordern Selbstdisziplin und Übersicht – perfekt für ungeduldige Jugendliche. Im Winter wird in der Halle trainiert.

Roller Derby: Jammen und Blocken

Der Rollschuh-Kampf ist ein absoluter Frauen-Sport. Männer dürfen in Mixed-Teams zwar auch mitmachen, aber in Berlin dominiert das Team der Bear City Roller Girls, deren Spielerinnen sich „Mia Missile“ oder „Lizzy Slaughter“ nennen. Entstanden als Variante des Sechs-Tage-Rennens im Amerika der 1930er Jahre, erfuhr der Sport durch den Film „Roller Girl“ 2009 Auftrieb. Zwei Teams jagen auf einer Hallenbahn im Kreis und versuchen dabei die gegnerische Jammerin, die an ihnen vorbeiziehen muss, vom Punkten abzuhalten. Was manchmal brutal aussieht, hat mehr mit Fahrtechnik, Strategie und einer Menge Girlpower zu tun. A-Team-Spielerinnen trainieren schon mal elf Stunden in der Woche.

Ultimate Frisbee: Sprinten zur Scheibe

Wer im Park gern Frisbee spielt, ist bei einem der vielen Berliner Ultimate-Teams nicht falsch – „solange er bereit ist, seine Lauffähigkeiten auf Mehrfach-Sprint-Niveau zu heben“, sagt Peter Töpfer, Trainer der Junior-Mannschaft „Disckick“, die zwei Mal wöchentlich trainiert, um Wurf- und Sprungtechnik zu verbessern. Ultimate Frisbee wurde in den 1960ern von amerikanischen Studenten als Mannschaftssport ohne Schiedsrichter entwickelt. Während die Frisbee-Scheibe das über 100 Meter lange Feld spielend überfliegt, müssen sich die fünf bis sechs Spieler ihre optimale Position ständig erlaufen. Gespielt wird bis in den November draußen auf der Wiese.

Berlin Bluecaps Quidditch-Trainings­zeiten: jeden Do 19– 20.30 Uhr (Quidditch- und Fitnesstraining) + So 10.30–13.30 Uhr nur Quidditchtraining, Ort: neben dem Mommsenstadion, Waldschulallee 34, Charlottenburg, www.quidditch-berlin.de

Jugger e.V. Alle Trainingsorte und –termine unter: www.jugger-berlin.de

Bear City Roller Girls Kommender Termin für Interessentinnen: Beginner & Intermediates Bootcamp with the Bears (Einführungs-Camp für Neueinsteigerinnen), 17.+18.11., Infos: Facebook („Beginner & Intermediates Bootcamp with the Bears“) + http://bearcityrollerderby.com

Disckick Ultimate-Frisbee-Abteilung der Turngemeinde in Berlin 1848 e.V., Columbiadamm 111, Kreuzberg, Trainingszeiten und Orte: www.tib1848ev.de/sportarten

Mehr über Cookies erfahren